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Alte Frau wird gefüttert

Lebensgefährliche Schluckstörung nach Schlaganfall

Fast jeder zweite Schlaganfall zieht eine Schluckstörung nach sich. Unerkannt kann diese im schlimmsten Fall tödlich enden. Rasche Therapie ist nötig, um betroffene Patienten vor weiteren Schäden zu bewahren. 

Eine Schluckstörung („Dysphagie“) ist eine schmerzlose Störung beim Schlucken von Nahrung oder Flüssigkeit. Diese Störung kann in verschiedenen Ausprägungen auftreten und ist ein häufiges Problem, das keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden darf, da sie im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Denn sogar in kleinsten Mengen können Wasser oder Speisereste in der Luftröhre Schaden anrichten und im schlimmsten Fall zu einer Lungenentzündung führen.

Schlucken besteht aus Reflexen und einem vom zentralen Nervensystem gesteuerten Zusammenspiel von Zunge, Gaumen, Kehlkopf, Speiseröhre und deren Schließmuskel. „Bei einem Schlaganfall wird oft auch jenes Gehirnareal, das für das Schlucken zuständig ist, geschädigt. So tritt bei fast jedem zweiten Schlaganfall-Patienten auch eine Schluckstörung auf. Bei einem Drittel dieser Fälle dauert die akute Störung mehrere Tage oder auch länger an“, sagt Dr. Christof Bocksrucker, Facharzt für Neurologie und Neurologische Intensivmedizin bei den Barmherzigen Brüdern in Linz. 

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Kein Hustenreiz 

Bekommt ein Mensch Speichel oder Nahrung in die Luftröhre, hustet er normalerweise solange, bis er sich von diesem Fremdkörper befreit hat. Bei einer schlaganfallbedingten Schluckstörung entfällt dieser Hustenreflex jedoch in vielen Fällen. Bocksrucker: „Der Patient räuspert sich oft nicht einmal, denn er spürt oft gar nicht, wenn er etwas in die Luftröhre bekommt und das ist sehr gefährlich. Es kann ihm dadurch die Luft wegbleiben.“

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Gefahr Lungenentzündung

Bei einer Schluckstörung ist das Risiko sehr groß, dass Speichel oder Nahrungsbestandteile anstatt in die Speiseröhre in die Luftröhre und schließlich in die Lunge geraten. Das führt in vielen Fällen dazu, dass sich die Lunge entzündet. Lungenentzündungen enden bei alten und geschwächten Patienten häufig tödlich.

Auch wenn keine Gefahr einer Lungenentzündung vorliegt, muss man bei Schlaganfall-Patienten mit schweren Schluckstörungen zumindest mit einem längeren Heilungsprozess und Krankenhausaufenthalt rechnen.

Schluckstörungen, die unbehandelt bleiben, können zudem Mangelernährung und Dehydrierung (Wassermangel) verursachen. Und natürlich geht die Lust am Essen und damit ein Teil der Lebensfreude verloren – ein Faktum, das bei kranken Menschen nicht zu unterschätzen ist. 

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Diagnose 

Patienten mit Verdacht auf Schluckstörung werden eingehend untersucht, um schwere Folgeschäden zu vermeiden. „Wir screenen alle Schlaganfall-Patienten, das heißt, wir untersuchen sie zuerst körperlich, ob das Schlucken funktioniert oder ob die Funktion gestört ist. Besteht ein solcher Verdacht, weil der Patient beispielsweise Probleme hat, auch nur kleine Mengen an Wasser zu trinken, werden mittels Endoskopie durch die Nase oder mittels Röntgen weitere Untersuchungen durchgeführt. Es muss klar erkenntlich sein, ob zugeführte Nahrung in der Speiseröhre landet oder vielleicht doch in der Luftröhre. Endoskopien sind dabei sehr zuverlässig und lassen in der Regel eine zweifelsfreie Diagnose zu“, sagt Bocksrucker.

Eine Schluckstörung kann nach jeder Art von Schlaganfall auftreten, sowohl bei schweren, aber auch bei leichten Vorfällen. Ob ein Patient ansprechbar ist oder nicht, sagt nichts darüber aus, ob eine Schluckstörung vorliegen könnte oder nicht. Auch Patienten, die sprechen können und geistig klar sind, können betroffen sein. 

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Therapiemöglichkeiten 

Jeder Patient, der einen Schlaganfall erleidet, sollte möglichst frühzeitig auf eine mögliche Schluckstörung untersucht werden. Bestätigt sich der Verdacht, sollte sofort eine Therapie einsetzen, damit Komplikationen verhindert und dem Patienten schwere Langzeitfolgen erspart bleiben. Zur Auswahl stehen verschiedene Maßnahmen, die je nach Ausprägung herangezogen werden können:

Motorische Therapie: Nahrungsaufnahme und Schlucken können durch verschiedene Übungen wieder erlernt werden. Trainiert werden dabei jene Muskeln, die beim Schlucken mitbeteiligt sind. Unter Anleitung von Logopäden erlernen Patienten bestimmte Lippen- und Zungenübungen, die die Mundmotorik verbessern. Auch bestimmte Atemtechniken können den Patienten unterstützen.

Die motorische Therapie beinhaltet auch Änderungen der Kopfhaltung und der Körperhaltung. In der Regel bieten eine aufrechte Körperhaltung samt leicht abwärts geneigtem Kopf die besten Voraussetzungen für das Schlucken und vermindern die Gefahr, dass Speichel oder Nahrung in die Luftröhre gelangen.

Elektrische Stimulation: „Vor allem mit der Pharynx-Stimulation erzielen wir gute Erfolge. Bei diesem Verfahren wird eine kleine Sonde mit Stimulationselektroden durch die Nase eingeführt. Diese wird durch eine externe Basisstation gesteuert und setzt am Rachen elektrische Reize. Die elektrischen Impulse stimulieren den Schluckapparat und sorgen dafür, dass neue Nervenzellen die Funktion des Schluckens übernehmen. Die Komplikationen gehen dadurch deutlich zurück. Das verbessert den Krankheitsverlauf und verkürzt den Krankenhausaufenthalt. Ob ein Verfahren wie die Pharynx-Stimulation notwendig ist, entscheidet ein Schluck-Screening gleich nach der Aufnahme des Patienten“, sagt Bocksrucker.

Medikamente: Es können Medikamente zur Vermeidung von Schluckauf, Sodbrennen sowie übermäßigem Speichelfluss eingesetzt werden. Medikamentöse Therapien stehen jedoch eher im Hintergrund.

Künstliche Ernährung: Bei schweren Schluckstörungen kann auf künstliche Ernährung zurückgegriffen werden, wobei die Patienten kalorienreiche Spezialnahrung zugeführt bekommen. „Wenn nötig, ernähren wir Patienten künstlich über die Vene. Das sollte allerdings kein Dauerzustand sein und ist nur als Ersatz anzusehen, solange eine orale Essensaufnahme nicht möglich ist“, sagt der Oberarzt.

Luftröhrenschnitt: In seltenen Einzelfällen werden operative Eingriffe nötig. „Bei Intensiv-Patienten kann es hilfreich sein – falls sehr schwere Störungen vorliegen und sich diese kaum oder nur sehr langsam bessern – dass man einen Luftröhrenschnitt vornimmt und ein Tracheostoma setzt. Dies sichert eine langfristige gute Möglichkeit zur Beatmung des Patienten und schützt vor Aspirationen [Eindringen von festen Material in die Atemwege, Anm.]“ erklärt Bocksrucker. 

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Tipps zur Nahrungsaufnahme 

Um Betroffenen das Essen und Trinken zu erleichtern, ist es sinnvoll, folgende Tipps zu kennen:

  • Flüssigkeiten andicken: Es empfiehlt sich Flüssigkeiten (Getränke, Suppen) anzudicken, um sie leichter und sicherer schlucken zu können. Spezielle Dickungsmittel sind in Apotheken erhältlich.
  • Feste Nahrung pürieren und möglichst weiche Nahrungsmittel essen.
  • Kleine Portionen lassen sich meist besser bewältigen.
  • Spezielle Trinkbecher und Esshilfen erleichtern die Nahrungsaufnahme.
  • Generell sollte nährstoff- und vitaminreiche Dysphagie-Kost verabreicht werden.

 

Dr. Thomas Hartl

Jänner 2018


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 11. Januar 2019