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Mann und Frau beim Langlaufen

Zwei Spuren im Schnee

Vorbei sind die Zeiten, in denen Langlaufen als belächelter Pensionisten-Wintersport galt. Und das ist gut so. Denn Langlaufen ist eine der besten Bewegungsarten, hat so gut wie keine Verletzungsrisiken und ist für jeden geeignet. 

Stellen Sie sich das folgende Szenario vor: Es ist Sonntagfrüh im Dezember in einer Gebirgsregion, Hochplateau, umrahmt von großartigen Bergen. Es ist ob der Morgenstunde noch klirrend kalt, aber schon jetzt lässt sich erahnen, dass der Tag ein wunderbarer wird, keine Wolke am noch nachtblauen Himmel. Einige Stunden zuvor hat es geschneit, auf der Wiese liegt glitzernder Schnee. Zwei Spuren schneiden in den Schnee kilometerlange Kerben, mal gerade, mal in leichten Kurven. Das ist das Werk von Herrn Gruber. Er war schon sehr bald in der Früh mit seinem Loipenspurgerät unterwegs und hat in Erwartung vieler Tagesgäste die Loipe perfekt präpariert. 

Es ist noch Zeit, bis die ersten Langläufer einsteigen, die Sonne blitzt erst schön langsam hinter dem Gebirge hervor. Herr Gruber zieht sich seine Langlaufschuhe an und schnallt sich die Ski an. „Man muss ja testen, ob die Loipe gut geworden ist“, sagt er und taucht kräftig mit den Stöcken an, um kurz darauf in eine rhythmische gleichmäßige Bewegung zu verfallen. Er ist ein Langläufer der ersten Stunde. Und so zieht er, wenn es die Verhältnisse zulassen, täglich seine Runden. Kilometerfressen ist nicht so seins, dafür sei er schon zu alt, sagt er, aber die tägliche Bewegung, die braucht er. Früher, so erzählt der Steirer, ist er auch Ski gefahren; aber irgendwann hat er die Liebe zum Langlaufen entdeckt, und dass er in der Pension jetzt seine Leidenschaft mit einem kleinen Taschengeld, das er fürs Spuren bekommt, verbinden kann, ist für ihn perfekt. 

Stunden später sind auch schon die ersten Langläufer in den Spuren. Es ist bei weitem nicht mehr nur die Generation 60 plus. Nein, es sind junge Menschen genauso dabei wie Familien mit ihren Kindern, Sportliche, die sich auspowern, Gemütliche, die sich einfach nur bewegen wollen, Anfänger und Fortgeschrittene. Vorbei die Zeiten, wo Langlaufen als Pensionistensport belächelt wurde. Immer mehr Menschen erkennen, dass Langlaufen der perfekte Wintersport ist. 

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Perfekter Wintersport

„Langlaufen ist gleichzeitig ein tolles Ausdauer-, Kraft- und Koordinationstraining, ein Sport, wo alle Körperpartien und so viele Muskeln beansprucht werden wie bei keiner anderen Sportart an Land: Arme, Bauch, Rücken, Schulterbereich, Lendenwirbelsäule, Gesäßmuskulatur, Beine sowieso“, sagt Sportwissenschaftler Gerold Sattlecker vom Universitäts- und Landessportzentrum Salzburg. Er selbst ist mit sechs Jahren zum Langlauf-Sport gekommen, mit 14 auf Biathlon – eine Kombination aus Langlaufen und Schießen – umgestiegen und war bis 21 Jahre im österreichischen Nationalkader. Der Sportwissenschaftler, der auch Lehrbeauftragter beim universitären Langlaufkurs ist: „Der große Vorteil gegenüber anderen Sportarten wie etwa Skifahren oder Laufen ist, dass Langlaufen gelenkschonend ist, die Knie werden weniger beansprucht und es gibt nicht wie beim Laufen ein Aufstampfen am Boden.“ Im Vergleich zum Alpinskisport ist aus medizinischer Sicht der Langlaufsport eindeutig zu bevorzugen. Durch die hohe Geschwindigkeit beim Skifahren ist die Sturzgefahr viel größer, dadurch steigt die Gefahr von Knieverletzungen oder Knochenbrüchen. Sollte es beim Langlaufen doch zu einem Sturz kommen, geht es in den allermeisten Fällen nicht so schlimm aus wie bei der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich vor drei Jahren einen Beckenbruch zugezogen hat. Immerhin waren ihre Ski damals auch schon 20 Jahre alt ... 

Langläufer sitzt im Schnee und lächelt

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Frage des Stils

Der Langläufer kann sich zwischen zwei Laufstilen entscheiden: klassisch oder skaten. Beim klassischen Langlauf werden die Ski in zwei parallel verlaufenden Schneerillen geführt. Das kann Vorteil, aber auch Nachteil sein. Vorteil, weil man wie auf Schienen gleitet – Nachteil, weil die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Der klassische Stil wird auch Diagonaltechnik genannt, weil Arme und Beine gegengleich, also diagonal arbeiten. Der zweite Laufstil heißt Skating oder Skaten. Der Sportler läuft im Schlittschuhschritt auf einer drei bis fünf Meter breiten, gut präparierten Piste, die oft neben einer klassischen Loipe angelegt ist. Diese Technik erfordert mehr Kraft und Ausdauer, man erreicht auch ein höheres Tempo. Diese Art des Langlaufens war sicherlich mit ausschlaggebend, dass sich das Image des Sports gewandelt hat und mittlerweile auch von jungen Menschen als „cool“ angesehen wird. 

Die Fernsehberichterstattung tut das Übrige dazu. Langlauf-Wettbewerbe sind nicht mehr nur auf Spartenkanälen zu sehen, sondern werden durchaus als TV-Event wahrgenommen. Und wenn dann noch ein Gewehr mit scharfer Munition dazukommt wie beim Biathlon, verleiht das dem Sport noch die nötige Spannung, die Zuseher können mitfiebern. „Je mehr TV-Präsenz, desto mehr bringt das einer Sportart“, weiß Gerold Sattlecker, der auch Kommunikationswissenschaften studiert hat. Langlauf-Bewerbe sind auch publikumsorientierter geworden, zu den klassischen kilometerlangen Strecken wurden Sprintbewerbe eingeführt, und sogar manche Großstadt versucht, einen Langlaufbewerb auszutragen. 

Ein Bewegtbild verleitet viele, es dann doch auch selber einmal auszuprobieren. Dieser Sport, den man „von null bis 100“ ausüben kann, braucht aber die richtige Ausrüstung, und da stellt sich wieder die Frage: klassisch oder skaten. Sattlecker: „Wichtig ist, dass die Ski von der Länge, der Spannung und der Härte generell passen. Die Ski beim klassischen Stil haben in der Mitte eine Steigzone gegen das Zurückrutschen, entweder aus Steigwachs oder Schuppen. Diese Ski sind aber nicht fürs Skaten geeignet. Skating-Ski haben nämlich eine durchgehende Gleitzone.“ Ski und Stöcke sind je nach Technik auch von der Länge anders. Für klassische Langlaufski gilt als Faustregel Körpergröße plus 15 bis 20 Zentimeter, für Stöcke Körpergröße minus 20 bis 25 Zentimeter, also ungefähr Achsel- oder Schulterhöhe. Skatingski sind kürzer, Körpergröße plus 10 bis 15 Zentimeter; dafür sind die Stöcke länger, Körpergröße minus 15 bis 20 Zentimeter. Eigentlich benötigen Skater und Klassiker auch unterschiedliche Schuhe, Letztere niedrigere, allerdings werden mittlerweile auch Kombi-Schuhe verkauft. 

Langlaufen – ein Sport für jede Altersklasse, die Dosis bestimmt jeder selber und für Anfänger empfiehlt der Sportwissenschaftler eine Trainerstunde, um die Technik gleich richtig zu lernen. Und billiger als Skifahren ist es obendrein. Auch wenn man für eine Ausrüstung einmal tief in die Tasche greifen muss, man erspart sich die teuren Liftkarten. 

 

Mag. Lisa Ahammer

Dezember 2018

 

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Kommentar

Zwei Spuren im Schnee Kommentarbild Dr. Gerold Sattlecker „Langlaufen ist optimal fürs Herz-Kreislauf-System. Wer die Technik beherrscht, hat Spaß und kann in einen meditativen Flow-Zustand kommen.“ 

Dr. Gerold Sattlecker

Sportwissenschaftler und wirtschaftlicher Leiter des Universitäts- und Landessportzentrums Salzburg

 

Bilder: shutterstock; privat

 

Zuletzt aktualisiert am 03. Dezember 2018