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Mädchen bekommt Physiotherapie

Kinder-Reha: endlich!

Wenn Kinder und Jugendliche bisher eine Reha gebraucht haben, gab es nur zwei Möglichkeiten: in einer Reha-Einrichtung für Erwachsene oder im Ausland. Sechs moderne Versorgungszentren werden über ganz Österreich verteilt die Lücke bald geschlossen haben. 

Nach schwerer Krankheit oder Unfällen brauchen auch Kinder Rehabilitationsmaßnahmen, um wieder in ein möglichst normales Leben zurückzufinden. Was bei Erwachsenen schon ein schwieriger und langwieriger Weg sein kann, ist bei Kindern und Jugendlichen ein viel komplizierterer Prozess, in den im Idealfall auch die Familie und Freunde einbezogen werden. 

Ein schwerkrankes Kind kann eine Familie leicht in eine existenzielle Schieflage bringen – etwa durch eine Krebserkrankung. Zur psychischen Belastung kommt ein enormer organisatorischer Druck, weil die zeitintensive Betreuung des Kindes mit der Arbeitswelt und dem übrigen sozialen Umfeld unter einen Hut gebracht werden muss. Das ist während einer mitunter mehrwöchigen Spitalsbehandlung schon schwer genug. Die anschließend notwendige Rehabilitation musste bisher entweder in Deutschland oder in Erwachsenen-Einrichtungen stattfinden – alles andere als ideal für die kleinen Patienten und ihre Angehörigen. 

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343 Betten

Die triste Versorgungslage gehört glücklicherweise der Vergangenheit an: Bis 2019 werden insgesamt sechs Kinder-Rehabilitationszentren in ganz Österreich mit insgesamt 343 Betten für Kinder und Jugendliche sowie fast ebenso vielen Betten für Angehörige den Bedarf decken. Die Standorte sind festgelegt, die insgesamt elf Indikationsgruppen zugeordnet. Die Bauarbeiten sind beziehungsweise werden zügig in Angriff genommen. Auch wenn er längst überfällig war – man darf getrost von einem gesundheitspolitischen Meilenstein sprechen. 

Möglich wurde der Schritt in Richtung einer modernen Kinder-Reha, weil es dem damaligen Gesundheitsminister Alois Stöger gelang, rechtliche und vor allem finanzielle Steine aus dem Weg zu räumen und eine gemeinsame Finanzierung durch Sozialversicherung und Länder auf Schiene zu bringen. Nicht zuletzt dürfen sich den Erfolg auch Markus Wieser und der von ihm gegründete Verein (www.foerderverein-kinderreha.at) auf die Fahnen schreiben. Der niederösterreichische AK-Präsident ist als Vater einer Tochter, die an Leukämie erkrankt war, selbst Betroffener und musste erkennen: „Es gab für Kinder keinen Leistungsanspruch auf die notwendige Reha und es fehlte an kindgerechten Einrichtungen. Es gab über 7.000 Betten für Erwachsene, aber kein Einziges für Kinder und Jugendliche. Dieses Unrecht in einem der reichsten Länder Europas wollten wir bekämpfen.“ 

Der Kampf war erfolgreich. Mit dem nun umgesetzten Konzept werden die Kinder und Jugendlichen in der Rehabilitation nicht mehr als lästige Anhängsel in der Erwachsenen-Reha gesehen. Neu ist auch, dass leistungsrechtlich und in der Zuständigkeit nicht mehr zwischen angeborenen und „erworbenen“ Krankheiten unterschieden wird. Es wird künftig für alle Kinder und Jugendlichen einen unbürokratischen Zugang nach österreichweit einheitlichen Kriterien geben. Der Antrag wird von der jeweiligen Krankenkasse entgegengenommen. 

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Kindergarten und Schule

Bei den festgelegten Qualitätskriterien hat man sich an internationalen Experten orientiert. Das Ergebnis ist eine Kinderrehabilitation, die sich in medizinischer und therapeutischer Hinsicht auf modernstem Niveau befindet. In angemessener Form werden nicht nur körperliche, sondern in gleicher Weise psychische und soziale Aspekte berücksichtigt. Dazu gehören beispielsweise auch der Besuch eines Kindergartens oder einer Schule sowie umfangreiche Möglichkeiten für Sport- und Freizeitgestaltung. Üblicherweise wird das Kind von einem Elternteil begleitet. Bei kleineren Kindern, die an einer Krebserkrankung leiden, ist auch vorgesehen, dass die ganze Familie mitkommen kann. 

Die beiden ersten Standorte, die für die Kinder-Reha ausgewählt wurden, liegen in der Steiermark. In Wildbad-Einöd wird es 28 Betten für Herz-Kreislauf- sowie Lungenerkrankungen geben. Weitere 24 Betten sind für die psychosoziale Rehabilitation, 28 Betten für Begleitpersonen eingeplant. Zweiter Standort der Versorgungsregion Süd ist Judendorf-Straßengel in der Nähe von Graz mit 31 Betten, die für eine mobilisierende Reha eingesetzt werden. Dazu kommen genauso viele Betten für Begleitpersonen. Ein supermodernes Haus in Bad Erlach wird in der Versorgungsregion Ost zur Verfügung stehen. Für die Kinder und Jugendlichen gibt es 67 Betten zur mobilisierenden Reha und 47 Betten, die für die psychosoziale Rehabilitation vorgesehen sind. 106 Betten gibt es für Begleitpersonen. Für die Versorgungsregion Nord stehen zwei moderne Projekte vor der Realisierung. Im oberösterreichischen Rohrbach-Berg entsteht eine Kinder-Reha mit 36 Betten zur mobilisierenden und 24 Betten zur psychosozialen Rehabilitation, dazu 17 Betten für Herz-, Kreislauf- und Lungenerkrankungen sowie insgesamt 67 Betten für Begleitpersonen. Das Reha-Zentrum in St. Veit im Pongau wird sich der hämato-onkologischen Rehabilitation (20 Betten), der familienorientierten onkologischen Nachsorge (50 Betten) sowie der Reha nach Krankheiten des Stoffwechselsystems und des Verdauungstraktes widmen. Abgerundet wird das Gesamtpaket vom Reha-Zentrum in Wiesing in Tirol, wo 22 Betten für mobilisierende Rehabilitation sowie 15 Betten für psychosoziale Reha und 22 Betten für Begleitpersonen entstehen werden. 

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Sechs Zentren

Spätestens im Herbst 2019 werden alle sechs Zentren ihren Betrieb aufgenommen haben und modernste Reha für Kinder und Jugendliche anbieten. Markus Wieser freut sich über diesen Erfolg: „Das Bohren harter Bretter hat sich ausgezahlt.“ Auch wenn er darauf hinweist, dass für die Betroffenen noch immer Wünsche offenbleiben. Etwa die Ausdehnung der familiengeführten Reha, die es derzeit nur bei Krebs gibt, auch auf andere Indikationen. Zukunftsmusik ist auch der Wunsch, dass eine familiengeführte Reha für Begleitpersonen eine eigene Diagnose darstellt – mit dem Recht auf Krankenstand.

 

Heinz Macher

November 2018


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 28. November 2018