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Teetasse

Hausmittel: Simpel, sanft, sicher

Warum soll der Mensch Medikamente schlucken, wenn andere altbewährte Maßnahmen mindestens genauso hilfreich sind? Viele Hausmittel sind schulmedizinisch durchaus anerkannt, obwohl ihre Wirkung nicht immer restlos erklärbar ist.

 

Hausmittel sind die erste Wahl bei Unpässlichkeiten und leichten Beschwerden, billig und leicht verfügbar. Joghurt auf Sonnenbrand, Gurkenscheiben auf überanstrengte Augen und gereizte Haut, Hühnerkraftbrühe als Stärkungsmittel unter anderem bei Grippe und allgemeiner Schwäche – tatsächlich sind Lebensmittel die Grundlage für unzählige Hausmittel-Rezepturen.

 

Die erstaunliche Tiefenwirkung etwa von Wickeln und Umschlägen beruht darauf, dass ihre Wirkstoffe durch die Haut in den Blutkreislauf und von dort zur kranken Stelle gelangen, erklärt der auf Naturheilkunde spezialisierte Allgemeinmediziner Dr. Martin Spinka aus Linz. Thermische, mechanische und biochemische Wirkmechanismen spielen bei diesen Hausmitteln zusammen. Für alle Wickel gilt, dass sie sofort entfernt werden müssen, falls Schmerzen auftreten oder sich verstärken oder die erwünschte Wirkung ausbleibt.

 

Für einen Kartoffelwickel gekochte, geschälte Kartoffeln in Stoff einschlagen, zerdrücken, zum flachen Päckchen formen, gut warm auf den Oberkörper legen, mit einem Handtuch abdecken und mit einem T-Shirt fixieren, eine halbe Stunde in Ruhe wirken lassen. Der Wickel wirkt wärmend und lindernd bei Hals-, Rücken- und Muskelschmerzen, Erkältung, Bronchitis und Reizhusten – so wie der Zwiebelwickel, der sogar bei Gelenksentzündungen und Insektenstichen, gegen Zahn- und Ohrenschmerzen hilft. Zwiebel kleinschneiden, zwischen zwei Stofflagen leicht erwärmen, auf der betroffenen Körperstelle mit T-Shirt, Socken oder Mullbinde befestigen. Für einen hustenlindernden Schmalzwickel wird Schweineschmalz mit oder ohne gerösteter Zwiebel auf ein Tuch oder direkt auf die Brust geschmiert, abgedeckt und bis zum Abkühlen dort belassen.

 

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Wadenwickel

Wadenwickel bei einem kleinen Mädchen Für fiebersenkende Wadenwickel zwei Tücher in Wasser oder verdünnten Apfelessig tauchen, die Waden vom Knöchel bis zur Kniekehle umwickeln, abdecken. Erneut wechseln, sobald die Wickel sich erwärmen. Für Essigpatscherl werden über die essiggetränkten Innensocken Wollsocken gezogen. Hände und Füße des Patienten müssen vor Anwendung des Wickels warm sein, das Fieber darf während der Prozedur nicht mehr als ein Grad sinken.

 

Kalte Topfenwickel gegen Fieber, Kopfweh, Schwellungen und Entzündungen sind sogar in Krankenhäusern üblich. Die Topfenauflage kann am Körper bleiben, bis sie ausgetrocknet ist, sofern sie nicht vorher als unangenehm empfunden wird. Körperwarme Topfenwickel helfen gegen Halsschmerzen, Husten und chronische Gelenksbeschwerden und können stundenlang einwirken. Für einen Kohlwickel gegen Gelenksschmerzen von einigen Blättern die Mittelrippe entfernen, Blätter mit Nudelholz quetschen, um das Gelenk auflegen und über Nacht fixieren. Der Krenwickel mit frisch gerissenem Kren ist günstig gegen chronische Blasenentzündungen und wird am Unterbauch aufgelegt. Seine intensiven ätherischen Öle sind aber nichts für Zimperliche.

 

Mutige scheuen auch den Griff zur Brennnessel nicht. Abreibungen mit dem beißenden Grünzeug am schmerzenden Bewegungsapparat verstärken den Lymphzufluss, der körpereigene schmerzstillende und entzündungshemmende Stoffe an die Schmerzstelle befördert. Windtreibende Tees aus zerdrückten Anis-, Fenchel- oder Kümmelsamen befreien Klein und Groß von Blähungen. Salbeitee zum Gurgeln ist bitter, aber wohltuend. Teerezepturen, die eine Heilwirkung versprechen, sollten übrigens ärztlich verordnet und sorgsam dosiert werden.

 

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Entzauberte Tipps

Mann greift Brennesseln an Für fast alles ist ein Kraut gewachsen, aber nicht jedes eignet sich für jedermann. Das Johanniskraut etwa stört die Wirkung der Antibabypille und es erhöht die Lichtempfindlichkeit der Haut. Das ist nur sinnvoll in der dunklen Jahreszeit, um Winterblues und Vitamin-D-Mangel zu trotzen. Johanniskrauttee kann den Effekt von Antidepressiva verstärken. Das gegen Augenentzündungen beliebte „Kamillenteebauscherl“ kann ins Auge gehen, weil Kamille eher austrocknet als befeuchtet. Jedes Kind weiß, dass Brandwunden weder mit Salben noch mit Öl oder Mehl, sondern nur mit Wasser gekühlt werden sollen.

 

Ätherische Öle sind flüchtige, äußerst wirksame Substanzen, die Haut- und Schleimhautreizungen verursachen können und deshalb für Kinder tabu sind. Kinder könnten zum Beispiel durch menthol- oder pfefferminzhaltige Aromen plötzliche schwere Atemprobleme bekommen. Für Aromalampen und Duftschälchen gilt: Zwei Tropfen pro 60 Quadratmeter Raumgröße sind genug. Mit triefender Schnupfennase über Dampf schwitzen und inhalieren, davon hält Dr. Spinka nicht viel. Ebenso tut sich nichts Gutes, wer bei rasselndem Husten mit starker Verschleimung inhaliert – besser sind schleimlösender Thymiansirup und Thymiantee.

 

Kältebehandlungen wirken generell entzündungshemmend, beruhigend und abschwellend, aber nicht jeder Mensch empfindet sie als angenehm – hier gilt es, auf den eigenen Körper zu hören. Wenn andererseits Erwärmung erwünscht ist, wie etwa bei Muskelverspannungen, erweist eine Rotlichtlampe gute Dienste. Rotlicht dringt tiefer ins Gewebe ein als die Hitzestrahlung der Sauna.

 

Rund um die Warzenbehandlung kursieren wohl die geheimnisvollsten Tipps – vom Schneckenschleim und Schöllkraut bis zum sogenannten Besprechen bei abnehmendem Mond. „Das klingt nur nach Hokuspokus, aber es ist nichts anderes als das Konzentrieren auf die große Rhythmik der Natur, auf einen Heilerfolg. Man könnte es ebenso gut auch Beten nennen“, erklärt Dr. Spinka.

 

Ein Hausmittel ist auch die Meditation, das Streben nach einem Zustand der Ruhe und Regeneration. „Meditation beeinflusst nachweislich die Abwehrkraft. Es bringt etwas, wenn ein Mensch sich auf einen Heilimpuls fokussiert.“

 

Der Glaube versetzt Berge, weil er eine positive, hoffnungsvolle Haltung bedeutet. Die Schulmedizin orientiert sich an Beweisen, untermauert von Studien, und trotzdem ist sie getragen vom Vertrauen der Patienten. Zwei Drittel aller Behandlungserfolge, so zeigen viele Studien, beruhen auf den Selbstheilungskräften der Patienten und der ärztlichen Betreuung, Medikamente erledigen nur den Rest. Hausmittel punkten auf ähnliche Weise – also mit Erfahrung, mit dem eigenen Körper als Heilmeister und der Zuwendung von Menschen, die Körper, Geist und Seele meint. Insofern sind Hausmittel wahrlich eine ganzheitliche Medizin.

  

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Cola gegen Durchfall

Durchfall und Erbrechen sind natürliche Mechanismen, mit denen der Körper Giftstoffe entfernt. Der Flüssigkeitsverlust muss aber rasch ausgeglichen werden. Das gelingt beispielsweise mit Hilfe von Cola und Salzstangerln.

 

Klaus Stecher

Juni 2016

 

Fotos: shutterstock, mauritius, privat

  

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Kommentar

Kommentarbild von Dr. Martin Spinka zum IFG-Printartikel "Hausmitte: Simpel, sanft, sicher", Ausgabe 4/2015 „Die Anwendung von Hausmittelnist unbedingt mit dem Arzt abzusprechen, um Wechselwirkungen mit Medikamenten zu vermeiden.“

Dr. Martin Spinka

Allgemeinmediziner, Spezialgebiet Naturheilkunde, Linz

Zuletzt aktualisiert am 26. Juli 2017