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Fördern, nicht überfordern!

Fördern, nicht überfordern Leistungsdruck und Freizeitstress machen Kinder krank. Montags zum Reitunterricht, mittwochs in die Klavierstunde, am Wochenende ein Tennismatch und zwischendurch lernen, lernen, lernen, um in der Schule Top-Leistungen zu bringen. Dem Schul- und Freizeitstress, dem Leistungsdruck und den Erwartungen von ehrgeizigen Eltern können viele Kinder nicht standhalten. Aggressionen, Lernausfälle, Kopf- und Bauchschmerzen sowie Schlafstörungen sind die Folgen.


Ich wollte doch nur das Beste für mein Kind“, erzählt Sonja leise. Sie sitzt im Garten und schaut traurig zu ihrem 13-jährigen Sohn, der in einem Schaukelstuhl wippt. Vor und zurück, vor und zurück. Immer wieder. Er schaut ununterbrochen auf einen Punkt, sagt kein Wort. Dabei war Benjamin bis vor einem Jahr noch ein Tausendsassa. Im U12-Team hat er das Finale der Tennis-Landesmeisterschaften gewonnen, in der zweiten Klasse des Gymnasiums war er Klassensprecher und Vorzeigeschüler. Klarinettenunterricht in der Musikschule, Fußballtraining, Sprachförderung, Tanzschule - jeder Tag war mit Terminen und Pflichten ausgefüllt. So ausgefüllt, dass Benjamin irgendwann keine Luft mehr zum Atmen hatte. Der Ehrgeiz der Eltern, die ihren Sohn - je nach Situation - mit Belohnungen oder Verboten zu immer mehr und immer höheren Leistungen angetrieben haben, hat aus Benjamin ein seelisches und körperliches Wrack gemacht. Burn-out. Diese Diagnose nach einem Zusammenbruch ihres Sohnes hat Sonja und ihren Mann wie ein Faustschlag getroffen. Beide hatten keine Ahnung, dass sie ihren Sohn all die Jahre über nicht gefordert, sondern überfordert und damit krank gemacht hatten. Benjamin ist zwar ein extremer, aber kein Einzelfall. „Kinder sind in ihrer Leistungsbereitschaft besonders davon abhängig, dass das Ergebnis der Hausforderung akzeptiert oder belohnt wird.

Leistungsdruck und Stress werden zur Belastung, machen krank oder zwingen zur Verweigerung, wenn ständig Misserfolg, Bestrafung oder - noch schlimmer - Demütigung daran gekoppelt werden“, weiß Primar Dr. Werner Gerstl, ehem.  Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie in der Frauen-  und Kinderklinik Linz. Viele Kinder werden also krank, wenn sie die Leistungs-Erwartungen ihrer Eltern nicht erfüllen können oder kein Raum mehr bleibt zum Nichtstun.

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Warnsignale

Kinder äußern sich nicht immer direkt, wenn ihnen etwas zu viel wird, weil sie ihre Eltern nicht enttäuschen wollen. Daher ist es umso wichtiger, dass Eltern mögliche Symptome einer Überforderung erkennen. Und da gibt es verschiedenste Verhaltensmuster. Manche Kinder reagieren mit Bauch- oder Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlafstörungen. Andere werden aggressiv, hyperaktiv oder nervös, manche ganz still und völlig antriebslos. Einige verweigern irgendwann jede Leistung, um sich dem Misserfolg oder Raub von Anerkennung und Geborgenheit nicht länger stellen zu müssen. „Auch wenn Stress ein Zustand ist, der herausfordert und Kräfte zur Bewältigung mobilisiert, sollten Kinder nur mit Ansprüchen konfrontiert werden, die sie auch erfüllen können, die ihnen Anerkennung vermitteln“, so Gerstl.


Eltern, die glauben, ihrem Kind Gutes zu tun, indem sie es von einem Leistungs-Höhepunkt zum anderen treiben, könnten die Grenze zwischen fördern und überfordern überschreiten. Eine aktuelle Studie zeigt: Je höher der Leistungsdruck auf Kinder ist, desto eher neigen sie zu Suchtverhalten. Alkohol- und Nikotinmissbrauch von Jugendlichen kann also auch eine Folge von andauernder Überforderung sein.

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Lob statt Druck

Generell sollten Eltern ihre Kinder aber natürlich fördern und zur Leistung motivieren. Und das ist eine Gratwanderung für Eltern. Denn bei allem Ansporn muss einem Kind auch klar vermittelt werden, dass es kein Versager ist, wenn es einmal ein Ziel nicht erreicht. Kinder dürfen nie den Eindruck bekommen, dass eine schlechte Note sie zu einem schlechten Menschen macht. Und Gleiches gilt für die Gestaltung der Freizeit, der Hobbys. Bei Freizeitaktivitäten geht es vor allem darum, dass Kinder daran Spaß haben, mit Gleichaltrigen zusammen sind, Selbstbewusstsein entwickeln können, das sie widerstandsfähig macht fürs Leben. Kinder sollten sich aber ruhig auch einmal langweilen dürfen und genug Zeit haben, um spontane Aktivitäten zu setzen.
 
Die ORF-Nanny Veronika Pinter, Mediatorin und Elternberaterin, warnt Eltern davor, zu erwarten, dass ihre Kinder immer ihren Vorstellungen entsprechen und die Erfolge anstreben, die den Eltern versagt geblieben sind, ob als Fußballer oder als berufstätiger Erwachsener. Es liegt an den Eltern, bei ihren Kindern Ehrgeiz zu wecken, anstatt Druck auszuüben. „Kinder brauchen Lob und Anerkennung, Humor und Zuversicht, Sicherheit und Geborgenheit. Keinesfalls sollte man ihnen ständig eine negative Zukunft prophezeien“, so Gerstl. Je besser es Eltern gelingt, sich auf die individuellen Bedürfnisse und Eigenheiten des Kindes einzustellen, desto besser wird es sich entwickeln. Jedes Kind verdient es, so geliebt zu werden, wie es ist.


Mag. Kornelia Wernitznig
September 2007,
aktualisiert August 2013

Foto: Bilderbox, privat

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Kommentar

Fördern - nicht überfordern „Kinder, die in ihrer Leistung und - schlimmer noch - in ihrer Existenzerkenntnis nicht bestätigt werden, reagieren mit Psychosomatik in Form von chronischen Bauch- oder Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schonungstendenzen. Oder sie bekämpfen die Leistung, die ihnen diesen Misserfolg beziehungsweise den Raub von Anerkennung und Geborgenheit einbringt.“
Prim. Dr. Werner Gerstl
ehem. Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie in der Frauen- und Kinderklinik Linz, aktueller ärztlicher Leiter der Diakonie Zentrum Spattstrasse Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015