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Mücke

Zika-Virus: Viele Fragen noch unbeantwortet

Die mangelnden Informationen über das Zika-Virus machen es Ärzten sehr schwer, Patienten zu beraten. Ärzte können nur begrenzte Informationen zur Verfügung stellen, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com. 

„Einem Paar, das Antworten von mir erwartet, kann ich nur begrenzte Informationen anbieten“, fasste die Gynäkologin Dr. Laura Elizabeth Riley vom Massachusetts General Hospital in Boston, bei einem Workshop („Research Priorities to Inform Public Health and Medical Practice for Domestic Zika Virus“) der US-amerikanischen Nationalakademie der Wissenschaften in Washington zusammen. Für viele Ärzte ist die Situation derzeit sehr unbefriedigend, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com vom Workshop.

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Informationen der Gesundheitsbehörden 

Die Gynäkologin verlasse sich derzeit auf die Zika-Empfehlungen der US-Gesundheitsbehörde CDC (Empfehlungen auf Englisch finden Sie hier ) und ihr eigenes Wissen. Mittlerweile hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorläufige (englische) Empfehlungen zur Prävention einer potentiellen sexuellen Übertragung des Zika-Virus  veröffentlicht.

Ausreichend informiert fühlt sich Riley aber nicht. Und das, obwohl immer mehr Patienten sie im Zusammenhang mit dem Zika-Virus konsultieren, wie sie gegenüber Medscape Medical News sagte: „Es handelt sich schon um eine Art von größerer Panik.“ 50 Immunglobulin-M-Antikörper-Tests für Zika-Viren habe sie bereits selbst durchgeführt, keiner von ihnen habe sich als positiv erwiesen. Vier der Patienten hätten Symptome gezeigt, die einer Zika-Virus-Infektion entsprachen. 

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Mehr Fragen als Antworten 

Es sind Fragen wie diese, auf die viele Wissenschaftler, Ärzte und Patienten Antworten erwarten: Wie soll man etwa sicher sein, dass ein negativer Antikörpertest bei einer schwangeren Frau mit dem Risiko einer Virusexposition auch echt negativ ist? Wie häufig sollten Ultraschall-Untersuchungen bei einer Schwangeren durchgeführt werden? Wie ist die Prognose für ein Kind mit Mikrozephalie? Welches Risiko besteht für eine Übertragung des Virus über die Muttermilch? Sollten Frauen auf ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem potentiell infizierten Partner verzichten, weil das Virus in Samenflüssigkeit gefunden wurde? Und wenn ja, für wie lange?

All dies seien „Fragen, die Ärzte beantworten können sollten“, sagte Dr. Lynn Goldman von der George Washington University in Washington. Sie leitete beim Workshop eine Arbeitsgruppe mit Medizinern, die spezielle Anliegen und Forschungsempfehlungen formulieren wollten. Doch auch bei den Workshop-Teilnehmern blieben mehr Fragen offen, als beantwortet werden konnten. 

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Weiterer Verlauf schwer abzuschätzen 

Das liegt auch daran, dass seit der ersten Virusisolation aus Affen in einem angolanischen Wald im Jahr 1948 bis zum Jahr 2007 nur 14 Infektionsfälle dokumentiert waren. Im Jahr 2007 gab es dann einen Ausbruch auf der südpazifischen Insel Yap. Das war vermutlich der Ausgangspunkt für die weitere Ausbreitung des Virus. Diese führte dazu, dass auch Populationen in Lateinamerika, die dem Virus noch nie zuvor ausgesetzt waren, infiziert wurden, berichtete Dr. Scott Weaver von der University of Texas Medical Branch in Galveston.

Weltweit hat das Virus mittlerweile bereits 33 Länder und Territorien erreicht. Vor allem in Lateinamerika breitet es sich weiter aus. Allein 26 lateinamerikanische und karibische Länder seien betroffen, sagte Dr. Marcos Espinal von der panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO). „Der Höhepunkt des Ausbruchs ist noch nicht erreicht“, so Espinal. In den Vereinigten Staaten erwarte man trotzdem „keinen Ausbruch mit Millionen Infizierten“, ergänzte Weaver. Es sei denn, die Art und Weise der Übertragung ändere sich.

Das Virus könnte sich beispielsweise aufgrund der fehlenden Immunität in der Population weiter ausbreiten, erklärte er. Es könnte sich aber auch anpassen und die Übertragbarkeit durch Stechmücken steigern oder eine stärkere Virämie [Vorhandensein von Viren im Blut für eine bestimmte Zeit, Anm.] entwickeln. Allerdings seien dies, so Weaver, unbelegte Theorien. Genauso wenig gebe es Belege dafür, dass gentechnisch veränderte Mücken für die Ausbreitung der Zika-Viren oder Schädlingsbekämpfungsmittel für die Mikrozephalie-Fälle verantwortlich seien.

Nach Ansicht von Dr. Thomas Monath, vom amerikanischen Impfstoffhersteller BioProtection Systems Corp aus Iowa, könnten auch steigende Temperaturen aufgrund des Klimawandels bei der Ausbreitung des Virus eine Rolle spielen, denn sie hätten die Habitate der beiden bekannten Überträgermücken (Aedes aegypti und Aedes albopictus) vergrößert. 

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Zahlreiche Symptome, unklares Infektionsrisiko 

Zika-Viren werden durch den Stich der Mücken übertragen. Typische Symptome einer akuten Infektion sind Hautausschlag, Fieber, Muskelschmerzen und eine Konjunktivitis [Bindehautentzündung des Auges, Anm.], informierte Prof. Dr. Michael Diamond von der Washington University School of Medicine in St. Louis, Missouri. Infizierte könnten aber auch noch weitere neurologische Störungen wie eine akute disseminierte Enzephalomyelitis [akut entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems, Anm.] oder isolierte Sensibilitätsstörungen aufweisen, ergänzte Dr. Albert Ko von der Yale University School of Public Health in New Haven, Connecticut.

Die Infektion selbst dauere zwischen drei und vier Tage, das Virus kann danach aber noch bis zu 15 Tage über den Urin und 62 Tage über Samenflüssigkeit ausgeschieden werden, sagte Ko. In Stein gemeißelt ist davon allerdings nichts. „Wir wissen nicht genau, wie lange die Virämie dauert oder welche Auswirkungen die Virusausscheidung hat“, sagte Ko, der auch an der Oswaldo Cruz Foundation des Brasilianischen Gesundheitsministeriums in Salvador gearbeitet hat – dort, wo 2015 die ersten Zika-Fälle auffielen.

Das Virus soll außerdem in einem Zusammenhang mit dem Guillain-Barré-Syndrom [entzündlichen Veränderungen des peripheren Nervensystems – Ursache unbekannt, Anm.] stehen, ein kausaler Zusammenhang ist aber noch nicht erwiesen. Insgesamt wurden 100 bis 200 Fälle in Brasilien dokumentiert, 400.000 bis eine Million Menschen haben sich dort mit dem Zika-Virus angesteckt.

Außerdem werden in Brasilien 4.000 Mikrozephalie-Verdachtsfälle untersucht, so Ko. Einige von ihnen seien wohl auf das Zytomegalievirus [Herpesvieren, die eine Zellvergrößerung verursachen, Anm.], Toxoplasmose oder Syphilis zurückzuführen. Er ergänzte, dass Computertomographien, Ultraschall- und Post mortem-Untersuchungen betroffener Kinder vernarbte Hirnläsionen zeigten. Das deute darauf hin, dass das Zika-Virus besonders in der frühen fetalen Entwicklung Schaden anrichte.

Mediziner stünden den kranken Babys wegen fehlender prognostischer Daten ratlos gegenüber, so Ko weiter. In Salvador habe man festgestellt, dass die Kinder relativ bald nach der Geburt wegen Hydrozephalus oder Krampfanfällen beim Arzt vorgestellt würden. „Das ist sehr besorgniserregend“, sagte er. 

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Die „Wunschliste“ der Mediziner 

Mediziner wünschten sich möglichst rasch eine Klärung der biologischen Ursache für die Mikrozephalie-Fälle, sagte Goldman. Dazu gehöre auch die Ermittlung, wie (bzw. ob überhaupt) das Zika-Virus die Plazentaschranke überwinden könne. Außerdem seien mehr epidemiologische Studien zu den langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen der Mikrozephalie notwendig.

Darüber hinaus forderten die Ärzte auf dem Workshop mehr Forschung zur möglichen Infektiosität verschiedener Körperflüssigkeiten und sie schlugen vor, alle getesteten schwangeren Frauen in ein Register aufzunehmen. Die werdenden Mütter sollten zudem über die Anwendung des Insektenabwehrmittels Diethyltoluamid (DEET) und anderen Mückenschutz aufgeklärt werden.

Auch schnellere Tests, mit denen sich akute Infektionen mit höherer Sensitivität und Spezifität diagnostizieren und Virämien bestimmen ließen, standen bei den Medizinern auf der „Wunschliste“.

„Zeit ist der entscheidende Faktor“, betonte sie. Wenn erst einmal durch einen Ultraschall oder eine Fruchtwasseruntersuchung Auffälligkeiten festgestellt würden, könnten Ärzte nicht mehr viel tun. „Wenn die Frauen die Informationen früh genug erhalten, können sie die Schwangerschaft noch beenden“, sagte sie – natürlich abhängig von den in den jeweiligen Ländern geltenden Gesetzen. 

Der gesamte Artikel wurde am 22. Februar 2016 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier  abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

März 2016


Foto: shutterstock

‌ Zuletzt aktualisiert am 21. März 2016