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Mann greift sich auf die Brust

Herzangst – Die Furcht vor dem Herzinfarkt

Menschen mit Herzangst glauben, an einer Herzerkrankung zu leiden oder sie haben das Gefühl, einen Herzinfarkt zu bekommen. Sie sind körperlich jedoch gesund und leiden an einer Angststörung. 

Patienten mit Herzangst haben Beschwerden, die einer Herzerkrankung ähneln. Hinter den Symptomen steht jedoch keine Erkrankung des Herzens, dieses ist gesund. Die Probleme, an denen die Betroffene leiden, sind psychischer Natur. Es ist die Angst vor einer Herzerkrankung oder eines bevorstehenden Herzinfarkts, die Probleme auslösen. Für diese Angststörung gibt es neben „Herzangst“ viele verschiedene Bezeichnungen, so etwa Herzangstneurose oder Herzneurose oder Kardiophobie oder Da-Costa-Syndrom oder funktionelle Herz-Kreislauf-Störung; wir nennen sie hier „Herzangst“. 

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Symptome 

Leitsymptom ist die Angst. Vor allem die Angst vor einem Herzinfarkt und damit zusammenhängend, die Angst früh zu sterben. Typische Beschwerden sind Missempfindungen in der Brust/Herz-Gegend, zum Beispiel:

  • Herzstolpern
  • Herzrasen
  • Atemnot
  • Brennen in der Herzgegend
  • Druck- oder Engegefühl in der Brust
  • Stechen in der Brust
  • Schmerzen in der Brust, die oft in den linken Arm ausstrahlen

 

Diese Symptome können bei starker Angst zu Schwindel, Schwitzen bis hin zu Panikattacken mitsamt dem Gefühl, jetzt sterben zu müssen, führen. „Die Symptome bestehen real, der Patient bildet sich seine Beschwerden nicht ein“, sagt Mag. Arnold Husar, leitender klinischer Psychologie am Neuromed Campus der Kepler Universitätsklinik Linz. 

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Fokussierung auf die Herzregion 

Die Betroffenen beschäftigen sich meist intensiv und überängstlich mit dem Thema Herzerkrankungen, kontrollieren häufig Puls und Blutdruck und beobachten sich und die eigenen Empfindungen sehr genau. Die ängstliche Fokussierung auf das eigene Herz führt dazu, dass man sich stets als gefährdet sieht. Die Folge der Angst: Die Patienten ziehen sich zurück, nehmen eine Schonhaltung ein, üben keinen Sport mehr aus, gehen Konflikten aus dem Weg. „Dieser Rückzug bewirkt einen Teufelskreis. Da der Körper geschont wird, ist er weniger fit dadurch kommt man zum Beispiel bereits beim Treppensteigen außer Atem und das Herz schlägt schnell, was wiederum eine Panik auslösen kann“, sagt Husar. 

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Körperliche Untersuchungen 

Da immer ein bestimmtes Risiko einer körperlichen Erkrankung besteht, ist die körperliche Abklärung bei Beschwerden im Bereich des Herzens durch einen Arzt in allen Fällen nötig. Ein Internist oder Kardiologe sollte alle nötigen Untersuchungen durchführen. Niemals sollte ein Problem vorschnell als psychisch bedingt eingestuft werden.

An erster Stelle einer Abklärung steht daher immer eine genaue, körperliche Untersuchung (EKG, bildgebende Verfahren, Blutuntersuchung). Finden Ärzte keine Anzeichen einer körperlichen Ursache für die Beschwerden, könnte man damit zufrieden sein und sich als gesund betrachten. Menschen mit Herzangst können genau das nicht. Eine genaue körperliche Untersuchung kann sie möglicherweise kurz beruhigen, doch ihre Angst ist nicht ausgeräumt. Meist suchen sie bald einen weiteren Spezialisten auf. Wird wieder nichts gefunden, hält die Beruhigung wieder nur kurze Zeit an und die Tour durch Arztpraxen und Kliniken geht weiter.

„Während Patienten ihre psychisch verursachten Leiden häufig als körperliches Problem sehen, erkennen erfahrende Ärzte sehr gut die Psyche als wahrscheinliche Ursache. Freilich bleibt oft eine gewisse Unsicherheit, ein körperliches Problem zu übersehen. In diesem Fall wird dann der Körper meist noch genauer untersucht“, sagt der Psychologe. Finden sich keine körperlichen Ursachen, wird früher oder später die Diagnose „Herzangst“ gestellt. Manche Betroffene können diese Diagnose nicht annehmen, verlieren das Vertrauen zum Arzt und suchen wiederum einen anderen Arzt auf. 

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Therapie 

Liegt eine Diagnose Herzangst vor, wird der Therapeut (oder Arzt oder Psychologe) vorfühlen, ob der Patient Angst als Ursache für seine Probleme annehmen kann. Wenn nein, muss der Patient behutsam auf die psychischen Aspekte seiner Beschwerden hingeführt werden. Ist der Patient aufgeschlossen, kann man zügig seine belastenden Lebensthemen aufspüren, die inneren Konflikte und die Umstände, die immer wieder Stress hervorrufen, bewusstmachen und an der Bewältigung dieser Umstände arbeiten.

Bei Bedarf können Medikamente verschrieben werden (etwa gegen Herzrasen), vor allem um den psychologischen Druck vom Patienten zu nehmen. „Auch Antidepressiva sind gut wirksam und eine sinnvolle Ergänzung der Therapie, weil sie den Ohnmachtsgefühlen und der Resignation der Patienten entgegenwirken“, sagt Husar.

Weiters werden dem Patienten Werkzeuge mitgegeben, mit denen er zu Hause selbst Einfluss nehmen auf sein psychisches Wohlbefinden kann. So kann er Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Autogenes Training erlernen. Diese Werkzeuge reduzieren das Gefühl, den Beschwerden und der Angst ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Je früher ein Patient bei diagnostizierter Herzangst sich der psychischen Seite seiner Probleme stellt, desto besser wirkt die Therapie. Ein völliges Beseitigen der Angst ist dann durchaus möglich. Wartet man lange zu und kann man die psychische Seite nicht annehmen, verfestigen sich die Probleme und die Therapieerfolge werden geringer (eine Besserung ist aber immer möglich).

Man sollte sich für eine Therapie Zeit nehmen und diese auch von psychologischer Seite her konsequent behandeln, bis sich der Erfolg eingestellt hat. Je nachdem wo man sich behandeln lässt, kann das durch eine Psychotherapie (beim Psychotherapeuten) oder eine psychologische Behandlung (beim Klinischen Psychologen) oder eine psychosomatische Behandlung (beim Arzt, Psychiater) geschehen.

Wichtig ist es, etwas für die körperliche Fitness zu tun. Herzangstpatienten sollten wieder mehr Bewegung machen, um so Schritt für Schritt wieder Vertrauen in den Körper zurück zu gewinnen. Um auch Vertrauen zu sich selbst fassen zu können, sollte man den sozialen Rückzug überwinden und wieder am Leben teilnehmen.

Auch wenn die Herzangst aufgrund der Therapie im Laufe der Zeit nachlässt oder ganz beseitigt ist, sollte man sein Herz weiterhin auch körperlich untersuchen lassen. „Das dient dem Vertrauen des Patienten in seine Gesundheit und beugt einem Restrisiko vor. Diese Untersuchungen sollten in regelmäßigen Zeitabständen geschehen und nicht erst bei akuten Herzbeschwerden“ rät Mag. Husar. 

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Tatsächliche Herzerkrankung plus Herzangst 

Herzangst tritt häufig auch bei Patienten auf, die tatsächlich eine körperliche Herzerkrankung haben und in ärztlicher Behandlung sind. Das betrifft zum Beispiel Patienten nach einem Herzinfarkt oder Patienten mit Vorhofflimmern. Für manche ist so ein Ereignis sehr traumatisierend. Sie fürchten sich vor einer Wiederholung oder einem noch schlimmeren Vorfall. Neben der Behandlung der körperlichen Herzerkrankung braucht es auch in diesen Fällen einer psychischen Unterstützung/Therapie der Betroffenen, um einen sozialen Rückzug zu verhindern und eine aktive Lebensführung (Bewegung, Sport, Arbeit, Probleme bewältigen) wiederherzustellen.

 

Dr. Thomas Hartl

März 2016


Foto: shutterstock


‌ Zuletzt aktualisiert am 29. März 2016