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Baby wird von Ärztin untersucht

Die Angst vor dem Arztbesuch

Wer vor nötigen Arztbesuchen panische Angst hat und diese Termine nicht wahrnimmt, kann an einer Angststörung leiden. Eine Verhaltenstherapie kann helfen, seine Ängste zu überwinden und seine Gesundheit nicht zu gefährden. 

In Bezug auf einen bevorstehenden Arztbesuch ist ein gewisses Maß an Angst durchaus nicht selten. Ein Problem tritt erst dann auf, wenn die Angst so stark wird, dass man ihr nachgibt nicht zum Arzt geht und zum Beispiel eine Vorsorgeuntersuchung oder Impfung ausfallen lässt. „Wird dieses Vermeidungsverhalten zur Regel, kann eine Angststörung (Iatrophobie genannt) vorliegen. Damit ist die krankhafte Angst vor dem Arzt gemeint“, sagt Mag. Michaela Schöny, Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin am Neuromed Campus der Kepler Universitätsklinik Linz. 

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Ängste bis hin zu Panikattacken 

Weiß ein Betroffener, dass wieder einmal ein Arztbesuch nötig wäre, bewirkt seine Angst, dass er sich alle möglichen Katastrophen ausmalt. Oft reagiert der Körper mit Schweißausbrüchen, Verspannungen, Herzrasen bis hin zu Panikattacken samt Atemnot und der Angst, sein Herzrasen könnte einen Herzinfarkt oder zumindest eine Ohnmacht auslösen. 

Die am gefürchtetsten und daher am häufigsten gemiedenen Ärzte sind Zahnärzte, Gynäkologen, Chirurgen, Internisten, Psychiater und Kinderärzte.

Verschiedenste Ängste treten auf: So etwa die

  • Angst, dass der Arzt eine schwere Krankheit entdecken könnte. Betroffene fürchten sich vor einer schlimmen Diagnose, meist vor einer unheilbaren Krankheit.
  • Angst vor Spritzen oder vor Blut.
  • Angst vor einer schmerzhaften Behandlung (z.B. beim Zahnarzt).
  • Angst, eine Arztpraxis oder einen Warteraum zu betreten. In Warteräumen mit vielen anderen Menschen untätig sitzen zu müssen, ist oft sehr unangenehm und beklemmend.
  • Angst, sich im Warteraum mit Viren anzustecken.
  • Manche Untersuchungen werden als peinlich empfunden (z.B. Prostatauntersuchungen) oder man schämt sich seiner Beschwerden (z.B. bei Hämorrhoiden).
  • Manche Patienten scheuen einen Arztbesuch auch deshalb, weil ihnen die Situation an sich unangenehm ist. Etwa wenn ein Arzt nicht freundlich ist und er und sein weißer Kittel Autorität ausstrahlen. Diese Situation kann Stress auslösen. So weiß man etwa, dass der Blutdruck bei einem Arztbesuch häufiger höher ist als zuhause (diese Tatsache nennt man Weißkittelhypertonie). Betroffen sind vor allem Patienten, die unter sozialen Ängsten leiden oder einfach sehr sensibel, unsicher und/oder menschenscheu sind.  
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Kinder und Angst 

Die Angst vor Ärzten wird häufig durch schlechte Erfahrungen in der Kindheit verursacht. Die erste bewusste Arzt-Erfahrung eines Kindes sollte daher nicht negativ geprägt, also nicht mit Schmerzen verbunden sein (keine Impfung etc.), sondern zum Beispiel einfach ein Kennenlernen beinhalten. Eltern sollten vor einem Arztbesuch des Kindes diesen spielerisch thematisieren. Keinen Sinn macht es, über den Besuch gar nicht zu sprechen, das nützt dem Kind nichts. Man kann den bevorstehenden Besuch etwa mit Hilfe eines Arztkoffers für Kinder durchspielen oder einfach mit einem Kuscheltier eine Arzt-Kind-Szene nachstellen. Wichtig ist es, dem Besuch keine große Bedeutung zu geben und ihn als etwas Alltägliches einzustufen. 

Schöny: „Mitentscheidend dafür, ob ein Kind vor dem Arztbesuch Angst hat oder nicht, ist die Vorbildfunktion der Eltern. Fürchten sich diese augenscheinlich vor Arztbesuchen, so wird sich auch das Kind vor Ärzten fürchten, da das Kind den Stress und die Ängste der Eltern wahrnimmt und vom Verhalten der Eltern lernt.“ 

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Gesundheitliche Risiken durch Vermeidung 

Die Angst vor Ärzten führt häufig dazu, dass sich Betroffene einer Untersuchung entziehen. Vor allem Männer nehmen wichtige Untersuchungstermine nicht wahr und verdrängen oder verharmlosen ihre Symptome oder versuchen sich bei Beschwerden selbst zu helfen. Oft werden Beschwerden mit Schmerztabletten unterdrückt. Das führt dazu, dass schwere Erkrankungen im Frühstadium nicht erkannt und behandelt werden. Damit reduziert der Patient seine Heilungschancen in den allermeisten Fällen.

Häufig wird im Internet recherchiert, welche Diagnose zutreffen könnte und welche Maßnahmen nötig sein könnten. Der vermeintliche Vorteil der Arzt-Vermeidung: Die Recherche im Internet verursacht keine Schmerzen und man kann zuhause vor dem Computer sitzen bleiben. Der Nachteil liegt auf der Hand. Eigendiagnosen sich sehr häufig falsch und Behandlungen lassen sich ohne Arzt meist nicht durchführen. Vor allem das Lesen von Beiträgen in Internetforen, in denen sich Kranke austauschen, steigert die Ängste oft zusätzlich. Denn in solchen Foren melden sich überwiegend diejenigen zu Wort, die schlimme Erfahrungen mit bestimmten Krankheiten oder Behandlungen gemacht haben.

Die Folge: Betroffene gehen durch ihr Fernbleiben unnötige gesundheitliche Risiken ein. Viele Menschen bleiben zum Beispiel dem Zahnarzt hartnäckig fern. Sie leiden lieber starke Schmerzen und nehmen Schmerztabletten ein. Durch dieses Verhalten verschlimmert sich die Situation jedoch ständig. Die Schmerzen kommen immer wieder, die Zahngesundheit verschlechtert sich zunehmend. Oft entsteht auch Mundgeruch und Betroffene schämen sich deswegen und entwickeln neue Ängste (ihre Zähne zu zeigen, zu lachen, in Gesellschaft zu sprechen). 

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Therapie 

Unterstützung durch einen Psychotherapeuten empfiehlt sich, wenn man aus Angst vor einem Arztbesuch empfohlene Untersuchungen unterlässt oder man bei akuter Krankheit zuhause bleibt. Bei Angststörungen ist die Verhaltenstherapie ein nachweislich wirksamer Behandlungsansatz. „In der Verhaltenstherapie erstellt man ein Modell, wie die Angst entstanden ist und was sie aufrecht hält. Man erlernt, wie man seine Angst-Gedanken verändern kann und die Situation beim Arzt anders bewertet und bewältigt“, erklärt Schöny. Wenn nötig, erlernt man zudem Entspannungstechniken und entwickelt ein Programm, um das eigene Gesundheitsverhalten zu verbessern (Bewegung, Ernährung, Stress).

Weiters konfrontiert man die Patienten unter Anleitung und/oder in Begleitung des Therapeuten mit der angstmachenden Situation. Wenn man diese Hürde des erfolgreichen Arztbesuches überwindet und keine negativen Erfahrungen macht, verschwindet die übermäßige Angst auch wieder und pendelt sich auf einem normalen, gut verträglichen Niveau ein. Die erfreuliche Folge jeder Nicht-Vermeidung: Die Angst nimmt ab.

„Diese Therapieangebote werden zunehmend in Anspruch genommen. Auch immer mehr Männer holen sich therapeutische Unterstützung. Im Unterschied zu Frauen brauchen Männer meist aber einen hohen Leidensdruck oder den Druck des sozialen Umfeldes, um sich helfen zu lassen“, so die Psychotherapeutin.

Bei akuten Beschwerden bleibt oft nicht die Zeit für eine Psychotherapie. Ist eine Behandlung dringend nötig, können Beruhigungsmittel bis hin zu einer Vollnarkose helfen. Vor allem Zahnärzte bieten häufig auch Hypnose an, um sensiblen Patienten ihre Ängste zu nehmen.

„Betroffene können sich ein Stück weit auch selbst helfen, indem sie sich Entspannungsübungen aneignen, gedanklich ihre Situation anders bewerten und in Selbsthilfebüchern lesen, die die Leser Schritt für Schritt an die Bewältigung ihres Problems heranführen“, sagt Schöny.

 

Dr. Thomas Hartl

März 2016


Foto: shutterstock


‌ Zuletzt aktualisiert am 09. März 2016