DRUCKEN
Chips

EU plädiert für Höchstwert bei Transfettsäuren

Dass Transfettsäuren (TFS) – mehr als jeder andere Nährstoff pro Kalorie – das Risiko für eine Herzerkrankung erhöhen, gilt inzwischen als erwiesen. In der Europäischen Union ist es derzeit jedem einzelnen Mitgliedstaat überlassen, ob und wie er den Verzehr von Transfettsäuren vermindert, um das gesundheitliche Risiko für die Bevölkerung zu senken, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com. 

Jetzt hat die EU-Kommission einen Bericht zu diesem Thema vorgelegt, der die in der EU eingesetzten Strategien zur TFS-Reduktion sammelt und beurteilt, welche am meisten Erfolg versprechen. Das Ergebnis: Die EU-Kommission plädiert eindeutig für eine gesetzliche Vorgabe und hält eine bloße Kennzeichnungspflicht für weit weniger effektiv. Transfettsäuren entstehen bei der industriellen Härtung von Pflanzenfetten und kommen etwa in Pommes frites, Chips, Keksen aber auch in Instantsuppen und Frittieröl vor. Natürliche Transfettsäuren sind in Milchprodukten und im Fleisch von Wiederkäuern enthalten. 

„Ein rechtlich vorgeschriebener Höchstwert für den Gehalt an industriellen TFS wäre die wirksamste Maßnahme im Hinblick auf die Volksgesundheit, den Verbraucherschutz und die Vereinbarkeit mit dem Binnenmarkt“, hält der Bericht fest. Das wäre auch ganz im Sinne der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie. Sie weist nämlich in einem gemeinsamen (englischen) Positionspapier mit der Europäischen Gesellschaft für kardiovaskuläre Prävention und Rehabilitation auf die Gefahr hin, dass ohne Regulierung die Kluft zwischen den EU-Ländern bezüglich der Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer größer zu werden droht.

Auch die für den Bericht durchgeführten Erhebungen legen den Zusammenhang zwischen koronaren Herzerkrankungen und dem Angebot an Nahrungsmitteln mit einem hohen Gehalt an industriellen TFS nahe: Vorwiegend in Zentral- und Osteuropa sind Todesfälle an Herzkrankheiten überdurchschnittlich hoch und das Angebot an TFS in den Supermärkten groß. 

up

Ein gesetzlicher Höchstwert hat für alle Vorteile 

Für einen EU-weiten gesetzlichen Höchstwert des industriellen TFS-Gehalts führt die Kommission selbst einige Argumente ins Feld:

  • Dieser schließt Produkte von höherem TFS-Gehalt konsequent vom Markt aus.

  • Er ist für alle Produkte – ob vorverpackt oder unverpackt – anwendbar.

  • Natürliches TFS, das von Wiederkäuern erzeugt wird, ist von dieser Maßnahme nicht betroffen, denn es ist in den zur normalen Ernährung eines Europäers gehörenden Lebensmitteln wie Milchprodukte und Fleisch in nahezu gleichbleibenden Mengen enthalten und nicht vermeidbar. Damit würde auch der Empfehlung der Europäischen Behörde für Nahrungsmittelsicherheit Rechnung getragen werden: Ihr zufolge ist eine TFS-Aufnahme anzustreben, die im Rahmen einer angemessenen Ernährung so niedrig wie möglich sein sollte.

  • Der Verbraucher hätte die Gewissheit, unter einer Vielzahl an gesünderen Produkten wählen zu können.

Für eine endgültige Entscheidung seien jedoch auch die Kosten und technologischen Auswirkungen zu prüfen, die der prinzipiell mögliche TFS-Ersatz mit sich bringt, so der EU-Bericht. Auch die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme, da die an TFS armen oder gar freien Produkte für Hersteller und Verbraucher teurer werden dürften, müsse in Betracht gezogen werden.

up

Andere Reduktionsstrategien als wenig effektiv bewertet 

Der Möglichkeit, nur eine Kennzeichnung des TFS-Gehalts vorzuschreiben, steht die Kommission dagegen eher skeptisch gegenüber. Wenn das Verbraucher-Bewusstsein gering ist, brächte eine solche Kennzeichnung nicht viel, so ihre Meinung. Dem Bericht zufolge kann nur jeder dritte Verbraucher mit dem Begriff Transfettsäure überhaupt etwas anfangen.

Es wird auch bezweifelt, dass die Kennzeichnung des TFS-Gehalts für unverpackte oder lose verkaufte Nahrungsmittel anwendbar wäre. Zudem dürfte mit ihr eine Unterscheidung zwischen industriellen und natürlichen TFS kaum möglich sein. Zumal keine Erkenntnisse vorlägen, ob die beiden Herkunftsarten gleichermaßen zum Mortalitätsrisiko beitrügen. Hier sieht die Kommission weiteren Klärungsbedarf.

Die Kommission wendet außerdem ein, dass eine TFS-Kennzeichnung den Verkauf von Produkten mit unterschiedlichem TFS-Gehalt ja prinzipiell erlaube. Dadurch könnten Verbraucher verleiten sein, das billigere Produkt mit dem höheren TFS-Gehalt zu wählen. Schließlich bestünde auch die Gefahr einer Fragmentierung des gemeinsamen Marktes, wenn Mitgliedsländern gestattet werde, nationale Grenzwerte einzuführen. 

Zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung äußert sich die Kommission ebenfalls zurückhaltend. Sie sieht vor allem kaum Anreize für Produzenten, die in einem freien Markt mit billigeren Produkten aber höherem TFS-Gehalt konkurrieren müssen. Ebenso wenig votiert die Kommission für die Entwicklung einer EU-Leitlinie für nationale TFS-Höchstwerte. Mit der Ausnahme, dass die Fragmentierung des Binnenmarktes weniger drastisch ausfallen würde als ohne jegliche Regulierung, hält sie eine solche Maßnahme für eher wirkungslos. 

up

Unterschiedliche Erfahrungen auf nationaler Ebene 

Der Verbraucher nimmt industrielle TFS hauptsächlich über teilgehärtete Fette zu sich, die vor allem zur Produktion von frittierter Nahrung sowie von Backwaren und Fertigprodukten wie Fast Food und Instant-Suppen verwendet werden. Bei ihnen kann der TFS-Anteil an den ungesättigten Fettsäuren bis zu 50 Prozent betragen. 

Nach Ansicht von Prof. Dr. Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke dürfte der Ersatz der TFS in den teilgehärteten Fetten, die diese letztlich streichfähig und besser haltbar machen, das eigentliche Problem sein. Allerdings: „Dass dies [eine reduzierte Aufnahme an TFS] selbst auf Basis einer freiwilligen Selbstverpflichtung gelingen kann, dafür liefert Deutschland ein eindrucksvolles Beispiel“, betont der Leiter der Abteilung für Epidemiologie am DIfE und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Durch gemeinsames Handeln von Herstellern und Lieferanten und durch Verbraucheraufklärung sei der TFS-Anteil in der BRD weit unter ein Prozent der täglichen Energieaufnahme durch Nahrungsmittel gesunken. Wie das Bundesinstitut für Risikobewertung bereits 2013 erklärt hat, nehmen deutsche Verbraucher im Mittel lediglich 0,66 Prozent der Nahrungsenergie über Transfettsäuren auf. 

up

Österreich und Dänemark 

Österreich und Dänemark gehören zu den wenigen EU-Staaten, die vor wenigen Jahren einen Höchstwert für industrielle TFS eingeführt haben. Dieser Wert wird auch nachweislich von den heimischen Produzenten eingehalten. Dänemark berichtet inzwischen über den sehr niedrigen Wert von geschätzten 0,01 bis 0,03 g aufgenommener TFS pro Tag. In der Tat ist hier die Sterblichkeit infolge von Herzkreislauf-Erkrankungen in den drei Jahren nach Einführung des Höchstwertes jährlich um rund 14,2 Todesfälle pro 100.000 Menschen zurückgegangen. Der Bericht gibt allerdings zu bedenken, dass die Auswirkung der verschiedenen TFS-Reduktionsstrategien auf die Gesundheit bislang kaum untersucht worden ist. Zu einer Abnahme der kardiovaskulären Mortalität dürften auch andere Faktoren beitragen. 

up

Trotz sinkender TFS-Aufnahme gibt es Risikogruppen 

Inzwischen gibt es aber auch Hinweise, dass die Aufnahme von TFS in vielen europäischen Ländern kontinuierlich sinkt. Es gibt jedoch Bevölkerungsgruppen, die zumindest Gefahr laufen, den von der WHO empfohlenen Höchstwert von einem Prozent zu überschreiten. Hierzu gehören EU-Bürger mit geringem Einkommen und generell die Altersgruppe zwischen 18 und 30 Jahre, und hier wiederum vor allem Studenten. In Westeuropa, wo die TFS-Aufnahme niedrig ist, finden sich vor allem in ethnisch orientierten Supermärkten immer noch Produkte mit hohem TFS-Anteil. 

Der gesamte Artikel wurde am 8. Februar 2016 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

März 2016


Foto: shutterstock

‌ Zuletzt aktualisiert am 04. März 2016