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Frau mit einer Tasse Tee in der Hand schnäuzt sich

Nicht jeder Schnupfen braucht ein Antibiotikum

Die Klage ist nicht neu: Akute Atemwegsinfekte würden zu häufig mit Antibiotika behandelt. Dieser Meinung ist auch das American College of Physicians (ACP), die nationale Organisation der amerikanischen Internisten, wie die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com berichtet. 

„Akute Atemwegsinfektionen sind der Hauptgrund für Antibiotika-Verschreibungen bei Erwachsenen, doch Antibiotika sind häufig ungeeignet bei Atemwegsinfekten“, schreibt Dr. Aaron M. Harris von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta in den Annals of Internal Medicine. Das College of Physicians hat daher jetzt vier so genannte High-Value Care Advices erstellt. „High-Value Care“ ist ein Programm, das vom ACP betrieben wird, um die bestmöglichen und kosteneffektivsten Behandlungspraktiken zu verbreiten, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com. 

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Antibiotika-Überversorgung bleibt Thema 

„Die These von der Überversorgung mit Antibiotika mag in der Summe richtig sein, aber in der realen Sprechstunden-Situation hilft sie nicht weiter. Nur durch saubere Datenlage und umfassende Fortbildung der Hausärzte kann ihnen mehr Sicherheit im Umgang mit Antibiotika vermittelt werden“, gibt Dr. Diethard Sturm, Allgemeinmediziner in Chemnitz und Patientenbeauftragter des Vorstandes des Deutschen Hausärzteverbandes im Gespräch mit Medscape Deutschland zu bedenken. Er betont: „Die Therapie von akuten Atemwegsinfekten ist immer wieder Thema auf Hausärzte-Fortbildungstagen des Instituts für hausärztlichen Fortbildung (IhF), die nicht von Medikamentenherstellern finanziert sind und sich an den DEGAM-Leitlinien [Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Anm.] orientieren.“ 

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Vier High-Value Care Ratschläge

Harris und sein Team unternahmen eine Literaturrecherche zur Evidenz eines angemessenen Antibiotikaeinsatz bei akuten Atemwegserkrankungen bei Erwachsenen: Es gingen aktuelle Empfehlungen der Fachgesellschaften sowie Metaanalysen, systematische Reviews und randomisierte klinische Studien ein. Die Forscher fassten das Ergebnis in vier High-Value-Care-Ratschlägen zusammen:

  1. Bei Bronchitis-Patienten keine Antibiotikatherapie testen oder initiieren, wenn kein Pneumonie-Verdacht besteht.

  2. Patienten mit verdächtigen Symptomen (wie andauerndes Fieber, Halslymphknotenentzündung, Exsudat auf den Tonsillen [Flüssigkeitsabgabe] oder andere ungewöhnliche Symptomkombinationen) sind per Antigen-Schnelltest oder Bakterienkultur auf Streptokokken-Pharyngitis (Rachenentzündung) zu testen. Antibiotika nur bei bestätigter Streptokokken-Pharyngitis.

  3. Antibiotika bei akuter Rhinosinusitis (Entzündung der Nasenschleimhaut und der Nasennebenhöhlen) nur für jene Patienten,

    • deren Symptome seit mehr als 10 Tagen bestehen,

    • die schwere Symptome oder hohes Fieber (mehr als 39 °C) haben,

    • eitriges Nasensekret oder Gesichtsschmerzen seit mindestens 3 Tagen haben oder

    • wenn sich eine plötzliche Symptomverschlechterung innerhalb von 5 Tagen nach einer typischen viralen Erkrankung einstellt, obwohl sich bereits Besserung gezeigt hatte.

  4. Bei einer „gewöhnlichen“ Erkältungskrankheit ist kein Antibiotikum indiziert.

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Leitlinien der DEGAM und der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft 

Auch in Deutschland rät die DEGAM in verschiedenen Leitlinien zu einem zurückhaltenden Antibiotika-Einsatz. In ihrer Leitlinie zur Therapie der akuten Otitis media weist sie zudem daraufhin, dass „80 Prozent der akuten Mittelohrentzündungen spontan ohne Antibiotika abheilen“. In einer Leitlinie zu Halsschmerzen heißt es, dass virale und bakterielle Pharyngitiden nicht sicher zu unterscheiden sind.

Lediglich bei Risikofaktoren wie u.a. relevanten Grunderkrankungen oder Immunsuppression seien fallorientiert Laboruntersuchungen und großzügige Antibiotika-Indikation angezeigt. 

Klare Therapieempfehlungen bei Atemwegsinfektionen gibt es auch von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AKDAE). Sie stammen aus 2013. Prof. Dr. Winfried Kern, Leiter der Abteilung Infektiologie und Sprecher des Zentrums Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Freiburg, hat an ihnen mitgearbeitet: „Es ist nicht ganz klar, inwieweit die Empfehlungen umgesetzt werden. Der Antibiotika-Verbrauch schwankt ein wenig von Jahr zu Jahr, aber nimmt nicht ab – außer etwas bei Kindern. Es gibt gute Hinweise dafür, dass der Anteil des nicht immer gerechtfertigten Einsatzes ebenfalls nicht wesentlich abgenommen hat. Dieser Anteil wurde für Deutschland bei oberen Atemwegsinfektionen auf rund 30 bis 40 Prozent geschätzt – repräsentative Daten dafür gibt es allerdings nicht. Zudem werden Oral-Cephalosporine [Breitband-Antibiotika, wie etwa Penicillin] bei Atemwegsinfektionen deutlich bevorzugt, was wiederum nicht im Sinne der Leitlinien und Empfehlungen ist.“ 

Sturm gibt zu bedenken, dass Ärzte in gewisser Weise auch erpressbar sind: Bekommt ein Patient ein bestimmtes Medikament nicht, geht er zu einem anderen Arzt. Kern ergänzt: „Die Erwartung des Patienten spielt eine große Rolle, aber auch die Erwartung des Arztes hinsichtlich dessen, was seiner Meinung nach der Patient sich wünscht – dies wird häufig nicht explizit genug angesprochen.“ 

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CRP-Wert als Entscheidungshilfe? 

Inwieweit der CRP-Wert (C-reaktives Protein: wichtigster Laborwert zur Erkennung einer Entzündung, steigt rasch an und fällt bei Abklingen der Beschwerden auch schnell wieder ab) als Entscheidungshilfe für den Antibiotika-Einsatz taugt, hat Dr. Rune Aabenhus von der Universität Kopenhagen anhand von 3.284 Patienten mit Atemwegsinfektionen untersucht, die entweder eine Standardversorgung oder eben einen zusätzlichen CRP-Test im Vorfeld der Behandlung erhielten. Dabei kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die Bestimmung des CRP-Wertes den Antibiotika-Einsatz bei Atemwegsinfektionen reduzieren kann.

Kern beurteilt eine CRP-Schnelltest: Er sei bei Atemwegsinfektionen hilfreich, wenn eine Lungenentzündung nicht ausgeschlossen werden kann. Die Untersuchung und Kommunikation ersetzt er jedoch nicht, da er nur für den Bereich der unsicheren Fälle einen Vorteil bieten könnte.

Eine Bestimmung des CRP-Wertes hält auch Sturm für grundsätzlich sinnvoll, in der Praxis aber nur für bedingt praktikabel: Ohne eigenes Labor bekomme man die Werte nicht schnell genug, in der Klinik sieht das anders aus. Sturm rät, den Patienten mit Atemwegsinfekt nach drei Tagen wieder zu bestellen: „Dann sieht man: Ist der Patient schon auf dem Weg der Besserung oder haben sich die Symptome verschlechtert und es kommt eine Zusatzinfektion hinzu, die behandelt werden muss?“ 

Der gesamte Artikel wurde am 5. Februar 2016 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier  abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

Februar 2016


Foto: shutterstock 

‌ Zuletzt aktualisiert am 29. Februar 2016