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Blutzucker wird gemessen

Diabetisches Fußsyndrom: Spätestens nach fünf Wochen zum Spezialisten

Es beginnt harmlos, mit Kribbeln und Taubheitsgefühlen, aber am Ende steht oft die Amputation: Das diabetische Fußsyndrom betrifft jährlich 250.000 Menschen in Deutschland, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com. 

Jeder fünfte von ihnen verliert in der Folge seinen Fuß – eine viel zu hohe Quote, betont Prof. Dr. Ralf Lobmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie am Klinikum Stuttgart. Eine Fußamputation ist nicht nur sehr belastend für den Patienten, sie erhöht auch sein Sterberisiko. Bei einer optimalen Behandlung dagegen könne die Operation oft vermieden werden: „Dafür müssen die Patienten aber deutlich schneller überwiesen werden“, erklärte Lobmann bei einer Pressekonferenz der DDG in Berlin, so Medscape Deutschland. 

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Holland: Weiterleitung zum Spezialisten ist Pflicht 

Bei Patienten mit Diabetes kann die Wundheilung infolge der erhöhten Blutzuckerwerte verschlechtert sein. Häufig kommen Durchblutungsprobleme und neuronale Schädigungen hinzu. So werden neu auftretende Wunden am Fuß von den Patienten nicht gleich bemerkt. Wenn sie dann zu ihrem Hausarzt gehen, vergehen im Schnitt nochmals zwölf Wochen, bis sie – etwa wegen Komplikationen – an ein Spezialzentrum überwiesen werden. „Das ist deutlich zu lange“, sagt Lobmann, „denn dann ist das Syndrom meist schon weit fortgeschritten.“

In anderen Ländern habe man die Dringlichkeit erkannt und dagegen Maßnahmen ergriffen: In den Niederlanden etwa sei es gesetzlich vorgeschrieben, den Patienten nach fünf Wochen zu überweisen, wenn die Wunde nicht heilt.

Nach einer Analyse, die Lobmann 2014 mit Kollegen erstellt hat, haben die Patienten in solchen Zentren ein deutlich geringeres Risiko, ihren Fuß zu verlieren: Nur bei 3,1 Prozent kam es zu einer Majoramputation (oberhalb der Sprunggelenks). „In der Allgemeinversorgung beträgt diese Quote 10 bis 20 Prozent“, berichtet Lobmann. 

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Obligatorische Zweitmeinung vor Amputation gefordert 

Dass offenbar zu schnell operiert wird, hängt nach Ansicht der DGG auch mit der Vergütung zusammen: Eine Amputation wird in Deutschland im Verhältnis besser bezahlt als der Erhalt des Fußes, der oft lange Liegezeiten im Krankenhaus erfordere. „Sinnvoll wäre daher ein Bonus, der bei Rettung des Fußes gezahlt wird“, schlägt DGG-Präsident Dr. Baptist Gallwitz vor.

Lobmann fordert zusätzlich das obligatorische Einholen einer Zweitmeinung vor jeder Amputation: „Bereits diese beiden Maßnahmen könnten die Rate in Deutschland deutlich senken.“ Für die Patienten geht es dabei nicht nur um den Verlust ihres Fußes: Nach einer Majoramputation sterben 75 Prozent innerhalb der nächsten fünf Jahre. Zum Vergleich: Bei Brustkrebs beträgt die Sterberate „nur“ 20 Prozent. „Dennoch wird der diabetische Fuß in Deutschland so stiefmütterlich behandelt“, kritisiert Lobmann. 

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„Intervallfasten“ als Schutz vor Diabetes? 

Folgeerkrankungen wie der diabetische Fuß lassen sich aber am besten verhindern, wenn bereits der Entstehung des Typ-2-Diabetes vorgebeugt wird. Dafür hat die Vermeidung einer Adipositas zentrale Bedeutung, ist in der Praxis aber oft schwer zu vermitteln. Für eine erfolgreiche Ernährungsumstellung könnte das sogenannte Intervallfasten eine neue Option sein, hieß es bei der Pressekonferenz. Dabei isst der Patient an den meisten Tagen wie gewohnt. An 2 Tagen pro Woche nimmt er aber nur 500 bis 600 Kilokalorien zu sich. Zumindest bei Mäusen lässt sich so die Entstehung von Diabetes verhindern, berichtet Prof. Dr. Annette Schürmann, Vorstandsmitglied der DGG und Sprecherin des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung.

In der entsprechenden, kürzlich in den britischen „Biochimica et Biophysica Acta“ erschienenen Studie bekamen Mäuse jeden zweiten Tag eine hoch kalorische Diät zu fressen, dazwischen gar nichts. Ergebnis: Fett und Fettsäurezwischenprodukte in Leber und Muskel nahmen ab. Die Fähigkeit des Körpers, auf Insulin zu reagieren, blieb erhalten – es entstand kein Diabetes. Von den Mäusen dagegen, die jeden Tag fressen konnten, erkrankten 60 bis 70 Prozent.

„Durch das Intervallfasten baut der Körper gezielt Fettreserven ab“, sagte Schürmann, die auch an der Studie beteiligt war, „und vermutlich spielen auch die verminderten Fettsäure-Zwischenprodukte eine große Rolle.“ Denn diese deaktivierten den Insulinrezeptor in der Zelle.

Studien zum Intervallfasten und dessen Auswirkungen auf Diabetes beim Menschen gibt es bislang nur wenige. Ein Review aus dem Jahr 2015 fand nur zwei klinische Beobachtungsstudien. Beide stellten eine geringere Rate von Diabetes fest. Die Autoren des Reviews empfehlen das Intervallfasten aber wegen der bislang geringen Evidenz noch nicht.

Schürmann dagegen hält einen Versuch für lohnend, immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt: „Für viele Patienten ist das Intervallfasten erstmal leichter umzusetzen.“ Und nicht wenige berichteten ihr, dass sie mit der Zeit auch an den Nicht-Fasten-Tagen gesünder essen: „Sie merken einfach, dass es ihnen damit besser geht.“ 

Der gesamte Artikel wurde am 18. Februar 2016 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

Februar 2016


Foto: shutterstock

‌ Zuletzt aktualisiert am 26. Februar 2016