Bodybuliding: Teure Muskeln
Zwischen 70 und 80 Prozent der Besucher von Fitness-Studios sind mittlerweile Frauen. Besonders in Studios der gehobenen Klasse können sich Männer an den Kraftmaschinen bisweilen schon recht einsam fühlen. Der Trend ist seit Jahren ungebrochen. Und für Prof. Dr. Otmar Weiß, Leiter der Abteilung für Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaften der Universität Wien nicht weiter verwunderlich: „Die Emanzipation und Integration der Frauen in praktisch allen gesellschaftlichen Bereichen hat eben auch auf diesem Gebiet zu einer Angleichung der Geschlechter geführt. Bodybuilding ist nicht mehr länger eine Domäne der Männer.” Parallel dazu habe sich auch ein neues Idealbild entwickelt, wie eine moderne Frau auszusehen habe. Professor Weiß: „So wie die Frau um 1900 eine enge Taille haben wollte und sich dafür in Mieder schnüren ließ, so streben die Frauen nun nach einem sportlichen muskelbepackten Körper. Der Muskelaufbau ist Statussymbol.” Die Instrumente dazu seien vorhanden und würden genützt – und zwar nicht nur Hantel und Streckbank. Viele Frauen sind auch bereit für größere Muskelpartien in die Dopingkiste zu greifen. Bei einer anonymen Umfrage, die von Sportmedizinern der Universität Lübeck unter insgesamt 454 Männern und Frauen in 58 kommerziellen Sportstudios in Deutschland durchgeführt wurde, gaben 22 Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen zu, den Muskelaufbau mit anabolen Steroiden, meist nur Anabolika genannt, zu unterstützen. Professor Weiß: „Ich rechne in diesem Zusammenhang mit einer relativ hohen Dunkelziffer. Denn wer gibt den Anabolika-Konsum schon gerne zu.”
Herzinfarkt-Risiko fünfmal so hoch
Die chemische Nachhilfe für die Muskeln ist ein sehr hoher Preis, den Männer und Frauen dafür zahlen, dem eigenen Körperideal – oder dem von anderen – näher zu kommen. Die anabolen Steroide, die die Muskelmasse rapide anwachsen lassen sollen, sind chemische Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron, die im Labor hergestellt werden. Durch die Einnahme von Anabolika wird der Hormonhaushalt, der einen sehr komplexen Regelmechanismus darstellt, empfindlich gestört. Die körpereigene Produktion von Steroidhormonen kann verringert oder gar eingestellt werden. Die körperlichen Folgen können fatal sein. So bezahlte der deutsche Bodybuilding-Meister Andreas Münzer die optimale „Definition” seiner Muskeln mit dem Leben. Im Magen des erst 23 Jahre alten Muskel-Mannes wurden nicht weniger als 42 verschreibungspflichtige Substanzen gefunden. Letztlich hatte sein Herz kapituliert. Eine finnische Studie hat ergeben, dass Anabolika-Konsumenten noch zwölf Jahre später im Vergleich mit der Normalbevölkerung das vier- bis fünffache Herzinfarkt-Risiko haben.
Bartwuchs und tiefe Stimme
Das schreckt die Nachahmer des prominenten deutschen Anabolika-Opfers – egal, ob Männer oder Frauen – kaum ab. Sie riskieren damit nicht nur schwerste Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Bei Anabolika-Missbrauch drohen auch Leberschäden, Unfruchtbarkeit und Stoffwechselstörungen. Dazu nimmt sich die bei Anabolika-Junkies beinahe unvermeidliche Akne (in den Studios als „Streuselkuchen” bekannt) beinahe harmlos aus. Bei Männer können die meisten anabolen Steroide im Körper zu Östrogenen umgebaut werden. Eine Verweiblichung ist die Folge. Professor Horst Michna, Doping-Experte der Sporthochschule Köln: „Ich habe in meiner Sprechstunde Bodybuilder, deren Hoden nur noch erbsengroß sind.” Auch bei den Frauen wirkt sich die Zerrüttung des Hormonhaushalts durch Anabolika verheerend aus. Die möglichen Folgen reichen vom Ausbleiben der Monatsblutung und der Rückbildung der Brust bis zur bleibenden Vergrößerung der Klitoris. Auch mit anderen Vermännlichungs-Erscheinungen muss die Anabolika-Konsumentin rechnen. Etwa mit Bartwuchs und tiefer Stimme – früher Markenzeichen von DDR-Sportlerinnen. Viele von ihnen haben übrigens mittlerweile ihre ehemaligen „Betreuer” wegen schwerer Körperverletzung geklagt.
Heinz Macher
Juli 2010
Foto: pixelio
Heinz Macher
Juli 2010
Foto: pixelio
Kommentar:
| „Es ist nicht außergewöhnlich, dass bei der zu beobachtenden Angleichung der Geschlechter auch vor Bodybuilding nicht halt gemacht wird. Das führt natürlich auch zu all den bekannten negativen Begleiterscheinungen. Der Muskelaufbau und eine sportliche Figur sind zum Statussymbol geworden." Prof. Dr. Otmar Weiß Leiter der Abteilung für Sportsoziologie, Institut für Sportwissenschaften der Uni Wien |

