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Krebspatienten machen Gymnastik bei Reha

Krebspatienten finden mit Reha zurück in den Alltag

Die Diagnose Krebs zieht dem Betroffenen oft den Boden unter den Füßen weg und schickt den Erkrankten sowie Angehörige auf eine Achterbahn der Gefühle. Immer mehr Menschen überleben heute die Krebserkrankung. Sie wird sozusagen zum chronischen Begleiter. Im Anschluss an die Krebstherapie kann eine Rehabilitation helfen, Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zu verbessern, funktionelle Einschränkungen zu verringern und seelische Stabilität wiederzuerlangen. 

Auch wenn die Krebssterblichkeit zurückgeht, mehr als 60 Prozent der Betroffenen fünf Jahre nach der Diagnose heute noch leben, so erwartet man weltweit einen Anstieg der Neuerkrankungen bis 2030 um rund 70 Prozent. Grund dafür sind die höhere Lebenserwartung und die immer besser wirksamen Therapien. „In Österreich leben derzeit knapp 400.000 Menschen mit einer Krebsdiagnose. Die Zahl derer, die eine Krebserkrankung durchgemacht haben steigt somit. Im Anschluss an die medizinische Therapie mit Operation, Chemo- und/oder Strahlentherapie kann eine onkologische Rehabilitation helfen, seelische und körperliche Belastungen zu verarbeiten, den gesundheitlichen Zustand konstant zu verbessern sowie die selbständige Lebensführung und Arbeitsfähigkeit zu sichern“, erklärt Prim. Dr. Daniela Gattringer, Ärztliche Direktorin des Vinzenz Ambulatoriums am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, der ersten ambulanten Einrichtung für Onko-Reha in Österreich. Seit Jänner 2015 begleitet dort ein interdisziplinäres und interprofessionelles Team gleichzeitig etwa 40 Krebspatienten über sechs Wochen lang hin zu verbesserter Lebensqualität. Mittlerweile gibt es in St. Pölten eine weitere Institution zur ambulanten Onko-Reha, weitere Zentren sind geplant. 

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Zu wenig Patienten nutzen Reha

„Stationär ist die Rehabilitation nach Krebs seit 2012 in Österreich eingerichtet. Leider nutzen nur acht bis zehn Prozent der Erkrankten die Möglichkeit zur stationären oder ambulanten Rehabilitation. In Deutschland erfahren rund 30 Prozent der Krebskranken eine Rehabilitation. In Österreich fehlt es noch an Information über diese Möglichkeit“, sagt Gattringer. Rund 60 Prozent der Nutzer der ambulanten Reha kommen aus Eigeninitiative. Jedem, der nach der Krebstherapie noch körperliche, funktionelle oder seelische Einschränkungen aufgrund der Erkrankung oder Behandlung hat, steht die Onko-Reha offen. Der Reha-Antrag ist bei der Pensionsversicherung einzubringen.

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Von Erschöpfung bis Gelenksbeschwerden

Gattringer zählt häufig vorkommende Beeinträchtigungen durch Krebs auf, die in der Reha behandelt werden:

  • Chronisch Erschöpfung (Fatigue)
  • Schmerzen, Polyneuropathie, Narbenbeschwerden
  • Lymphödem
  • Immobilität und ihre Folgen. Eine Woche Bettlägrigkeit kostet acht bis zehn Prozent der Muskelmasse sowie 20 bis 30 Prozent an Kraft.
  • Sekundärprobleme durch die Inaktivität wie verminderte Leistungsfähigkeit, Muskelschwund, Osteoporose, Stoffwechselprobleme, Herz-Kreislauferkrankungen etc.
  • Muskuloskelettale Probleme wie etwa Gelenkschmerzen unter Hormontherapie
  • Schluck- und Sprechstörungen
  • Inkontinenz
  • Sexuelle Funktionsstörungen
  • Ängstlichkeit etwa vor einem Rückfall
  • Gestörtes Selbst- und Körperbild
  • Depression

Stationäre dreiwöchige Reha wird angeraten, wenn die Belastbarkeit gering, der Pflege- und Betreuungsaufwand hoch sowie die notwendige Therapieintensität ambulant nicht erreichbar ist.

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Ambulante Reha auch berufsbegleitend

Die ambulante Reha ersetzt eine stationäre oder kann auch noch im Anschluss an stationäre Maßnahmen bei weiterem Bedarf genehmigt werden. Gattringer nennt einige Vorteile der ambulanten Reha: „Sie dauert sechs Wochen und der Patient erhält 60 Therapieeinheiten an zwei bis drei Vormittagen pro Woche. Jeder bekommt ein individuell abgestimmtes Programm und wird nicht aus seiner sozialen Umgebung herausgerissen. Es gibt kein Alterslimit. Frauen mit Kindern, Selbständige oder Teilzeitbeschäftigte nehmen das ambulante Angebot besonders gerne an, denn es lässt sich mit der Familie vereinbaren und ist berufsbegleitend möglich. Die Kosten sind in etwa halb so hoch wie beim stationären Angebot.“ Nur die Anfahrt ist vom Patienten selbst zu organisieren.

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Austausch und Motivation unter „Gleichgesinnten“

Die medizinischen Leistungen umfassen etwa einen Leistungstest, um das Trainingsprogramm individuell gestalten zu können. Auch eine Bioimpedanzanalyse wird durchgeführt, um Fett-und Muskelverteilung zu bestimmen und danach mit einer Diätologin die optimale Kost festzulegen. „Die Behandlungsschwerpunkte liegen auf der Psyche, organischen Defekten und Funktionsstörungen sowie Lebensstilfaktoren“, sagt Gattringer. Zu Anfang des Therapieprogramms wird gemeinsam mit dem Arzt ein Reha-Ziel fixiert. Zu den Maßnahmen, um das Ziel zu erreichen gehören etwa Physio- und Ergotherapie und Lebensstilempfehlungen.

„Wenn die Patienten erst einmal ihre Hemmschwelle überwunden haben und zur Reha kommen, sind sie meist bald motiviert und von der individuellen Begleitung sehr angetan. Manch einer, der nach Operation und Chemotherapien genug vom Spital und Behandlung hatte, freut sich über den Austausch mit Gleichgesinnten und deren Trost. Man stärkt sich gegenseitig. Immer wieder erleben wir, dass sich Freundschaften entwickeln und Sportgruppen formieren, die nach der Reha weiterhin gemeinsam aktiv sind“, freut sich Gattringer und erklärt wie ein Reha-Vormittag zum Beispiel ablaufen kann: „Der Patient kommt und acht Uhr an, hat dann eine Stunde Kraft-Ausdauer und/oder Koordinationstraining an Geräten, danach folgt eine Einheit mit Entspannungstraining, eine Lymphdrainage oder Heilmassage und abschließend ein Informationsvortrag zu Themen, wie Stressmanagement, Schmerzbewältigung oder Ernährung. Um 12 oder 13 Uhr endet das Programm.“ Auch Selbsthilfegruppen stellen ihre Aktivitäten im Rahmen der Reha vor. Angehörige können, wenn gewünscht und sinnvoll, in diverse Therapien eingebunden werden.

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Selbstwertstärkung und Angstreduktion

Formulierte Reha-Ziele sind beispielsweise:

  • Festigung eines gesunden Lebensstils
  • Reduktion der Erschöpfungszustände
  • Linderung von Schmerzen
  • Körperliche wie seelische Stabilisierung
  • Wiederbelebung der Lebensfreude
  • Verbesserung der Leistungsfähigkeit
  • Rückkehr in den Arbeitsprozess

 

Eine Untersuchung zur Wirkung der onkologischen Reha an der Universität Wien an 2.000 Rehapatienten ergab eine signifikante Abnahme von Ängstlichkeit, Depressivität, Schmerz und funktionellen Einschränkungen. „Rund 90 Prozent der Patienten haben subjektiv profitiert und die positiven Effekte bleiben sechs bis zwölf Monate lang erhalten. Studien, ob die Onko-Reha eine Einfluss auf das Gesamtüberleben hat, laufen“, sagt Gattringer. Jeder Reha-Patient geht mit persönlichen Empfehlungen über Trainingsprogramm und andere Lebensstilfaktoren nach Hause. Ziel ist die langfristige Motivation, selbständig für die Erhaltung der verbesserten Gesundheit aktiv zu werden.

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Sport wirkt wie ein Medikament

In punkto Krebsvorsorge und Rezidivvorbeugung gibt es vor allem zu regelmäßiger sportlicher Aktivität aktuelle Studienergebnisse: Sportliche Aktivität

  • reduziert bei manchen Krebserkrankungen das Krebsrisiko vorbeugend um 20 bis 30 Prozent
  • reduziert die Nebenwirkungen von Chemo-, Strahlen- oder antihormoneller Therapie
  • steigert die Leistungsfähigkeit und das Selbstbewusstsein
  • steigert die Lebensqualität auch während der Erkrankung, muss aber an die Leistungsfähigkeit und Gesamtkonstitution des Patienten angepasst sein
  • reduziert das Rezidivrisiko (Rückfallrisiko). Besonders gut erforscht ist dies für Prostata-, Darm- und Brustkrebs

Sport kann in der Vorbeugung, während und nach der Therapie viel Positives leisten. Zur Intensität und Dauer der sportlichen Betätigung sagt Gattringer: „Man empfiehlt 150 Minuten moderates Ausdauertraining oder 75 Minuten intensives Ausdauertraining pro Woche kombiniert mit zwei, drei Einheiten kräftigenden Übungen. Auch Koordination und Beweglichkeit sollen geschult werden. Für alle, die diese Intensität nicht erreichen können, gilt: Jede Bewegung ist besser als keine.“ Der Spaßfaktor ist beim Bewegen ein sehr wichtiger Motivator. Multidisziplinäre Reha und Trainingstherapie sind bereits in den aktuellen Therapieleitlinien mancher Erkrankungen wie etwa Prostatakrebs verankert, was den Stellenwert von Bewegung und Sport unterstreicht.

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Info zur Onko-Reha

Vinzenz Ambulatorium: Tel. 0732/7677-7620.

 


Mag. Christine Radmayr

November 2017

 

Bild: Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern

‌ Zuletzt aktualisiert am 29. November 2017