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Frau krümmt sich vor Schmerzen

Pudendus-Neuralgie

Ist der Schamnerv eingeklemmt, kann dies zu heftigen Schmerzen führen. Die Diagnose ist nicht immer einfach, auch die Ursache zu finden kann schwierig sein. Helfen Medikamente & Co nicht, kann als letzte Möglichkeit der bedrängte Nerv mittels Operation freigelegt werden. 

Bei einer typischen Pudendus-Neuralgie liegt eine Einklemmung des sogenannten Schamnervs (Nervus pudendus) vor. Dieser Nerv führt durch den Unterleib und ist für Empfindungen der Hautbereiche des Damms, der Analregion, Hodensack und Schamlippen zuständig und steuert zudem die Beckenbodenmuskeln und den äußeren Afterschließmuskel.

Ist dieser Nerv durch äußeren Druck beengt, bedrängt, gereizt oder eingeklemmt, kann dies zu einer Neuralgie (Nervenschmerzen) führen. „Die Pudendus-Neuralgie dürfte kein seltenes Problem sein, verlässliche Zahlen gibt es jedoch keine. Soweit bekannt - sind etwa 1,5 Mal so viele Frauen betroffen wie Männer“, sagt Priv.-Doz. Prim. Dr. Nenad Mitrovic, Leiter der Abteilung für Neurologie am Salzkammergut-Klinikum Vöcklabruck. 

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Symptome 

Meist stechende, einschießende und brennende, manchmal auch stumpfe, drückende Schmerzen charakterisieren diese Neuralgie. Die Schmerzen können sehr heftig ausfallen und treten im Genitalbereich und der Dammregion auf. Bei Männern schmerzt es zwischen Hodensack und After, manchmal auch am Penis. Bei Frauen ist der Anus und die äußere Vagina betroffen. Die Schmerzen treten meist einseitig links oder rechts und vor allem im Sitzen auf. Ausnahme: Wenn man auf dem WC (oder auf einem Sitzreifen) sitzt, kommt es zu einer Reduktion der Schmerzen. Im Liegen verschwinden sie, schlafen ist daher kein Problem. 

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Ursachen 

Die typische Nervus-Pudendus-Neuralgie ist ein Nervenkompressionssyndrom, von der Ursache her ähnlich wie das bekannte Karpaltunnelsyndrom. Verursacht wird diese Neuralgie durch mechanische Kompression des Nervs im Bereich des Beckens, zum Beispiel bei Verengung des sogenannten Alcock-Kanals im Beckenboden.

Häufig wird der Nerv beim Fahrradfahren irritiert, wenn der Sattel auf den Damm drückt, dieses Problem ist auch bei Radrennfahrern bekannt.

Weitere mögliche Ursachen für Verletzung oder Irritation des Nervs durch Erkrankungen oder Operationen im Beckenbereich sind etwa:

  • gynäkologische Erkrankungen
  • eine schwierige Geburt
  • Blasen- oder Darmoperation
  • Prostatitis
  • Nerven-Entzündungen
  • Gefäßerkrankungen im Becken
  • Tumor im Becken
  • Diabetes mellitus

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Diagnose 

Für eine Diagnose müssen die bereits angeführten Schmerz-Charakteristiken vorliegen: Schmerzen im Versorgungsgebiet des Pudendusnervs, Schmerz im Sitzen, keine Schmerzen in der Nacht, keine Gefühlstörung. Eine Nervenblockade führt zu einer deutlichen Besserung, beziehungsweise Verschwinden des Schmerzes. Dies geschieht durch eine Injektion mit einem lokalen Betäubungsmittel in den Bereich des Nervs unter Ultraschall-Kontrolle. Nicht selten sind mehrere Injektionen notwendig, um die Intensität des Schmerzes deutlich zu reduzieren.

Bei einer typischen Pudendus-Neuralgie liegt keine Gefühlstörung vor. „Liegt diese dennoch vor, muss nach deren Ursache geforscht werden“, sagt Primar Mitrovic. Eine Gefühlstörung zählt zu den sogenannten „red flags“, die weitere Untersuchungen erfordern. Zu den „red flags“ gehören auch nächtliche Schmerzen, konstante Schmerzen unabhängig von der Körperlage, punktueller Schmerz und zusätzliche neurologische Ausfälle. Bei Vorhandensein von „red flags“ muss mittels Bildgebung eine Raumforderung im Beckenbereich ausgeschlossen werden.

Es können auch verschiedene elektrophysiologische Methoden bei der Diagnosestellung hilfreich sein. Zudem kann der Temperaturempfindlichkeitstest als eine einfache klinische Untersuchungsmethode angewendet werden. „Die Diagnosestellung ist nicht einfach und es kann länger dauern, bis die richtige Diagnose gestellt und die Pudendusneuralgie als solche erkannt wird“, sagt Mitrovic. Das liegt auch daran, dass man andere Ursachen, die in der Beckenregion Schmerzen auslösen können, ausschließen muss. 

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Therapie 

Findet man die Ursache des Problems, wie zum Beispiel ein schlecht passender Sattel am Fahrrad, so besteht die einzig notwendige Maßnahme darin, eine Zeitlang nicht mehr Rad zu fahren und sich einen besseren Sattel zu kaufen. Das reicht in der Regel aus, damit die Schmerzen wieder von selbst verschwinden.

Wenn die Ursache aber unbekannt bleibt oder sich nicht so leicht beheben lässt, stehen folgende Therapiemöglichkeiten zur Verfügung: 

Schmerztherapie: Herkömmliche Analgetika (Schmerzmittel) können hilfreich sein, bei neuropathischen Schmerzen haben sich jedoch Antiepileptika und trizyklische Antidepressiva als deutlich wirksamer erwiesen. Bei Therapieresistenz können Lokalanästhetika und Kortison in der Nähe des Pudendus-Nervs oder der Nervenwurzel S2/3 im Kreuzbein injiziert werden. Die Wirkung ist meist gut, hält aber nur wenige Wochen an. 

TENS: Die Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS) kann auch im Intimbereich angewendet werden. Dabei werden elektrische Impulse über Elektroden auf die schmerzleitenden Nervenfasern abgegeben. Die Schmerzen werden also mit Strom in geringer Intensität behandelt. 

Beckenbodengymnastik: Auch Physiotherapie im Sinne einer Beckenbodengymnastik kann hilfreich sein.  

Folgende Maßnahmen können zusätzlich für Erleichterung sorgen: Akupunktur, Wärmebehandlung, Gymnastik, Entspannungsverfahren wie Muskelrelaxation nach Jakobson und Autogenes Training.

Darüber, welche Therapie für den jeweiligen Patienten letztendlich hilfreich sein wird, können keine allgemeinen Aussagen gemacht werden. „Es sind kaum hochwertige Studien vorhanden, die eine bestimmte Therapieform nahelegen. Alle genannten Therapieoptionen können helfen“, sagt Mitrovic.

In seltenen Fällen können die Schmerzen zwar kurzfristig durch Therapie beseitigt werden, es besteht aber die Gefahr, dass sie wiederkehren. Dauerhafte Schmerzen können psychische Probleme bereiten und diese wiederum verstärken die Schmerzen – ein Teufelskreis. „In solchen Fällen sind multimodale, multiprofessionelle Therapieansätze inklusive Psychotherapie notwendig“, sagt Mitrovic. 

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Chronifizierung verhindern 

Ein besonderes Problem ist die Chronifizierung der Schmerzen. Darunter versteht man anhaltende Schmerzen über mehr als drei Monate hinweg. „Chronische Schmerzen sind grundsätzlich ein großes Problem. Sie treten bei bis zu einem Fünftel aller Schmerzpatienten auf“, sagt der Neurologe. Bei vermuteten neuropathischen Schmerzen, die nicht abklingen, ist es immer ratsam, einen Arzt aufzusuchen. Nur so kann die Ursache rechtzeitig gefunden werden und eine Schmerztherapie begonnen werden, um einen Teufelskreis von akuten und sich daraus bildenden chronischen Schmerzen zu verhindern. 

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Operation 

Steht die Diagnose der Pudendusneuralgie zweifelsfrei fest, dann besteht auch die Möglichkeit einer Operation, um den komprimierten Nerv freizulegen. Dadurch wird der Druck vom bedrängten Nerv genommen und die Schmerzursache beseitigt. Bis die Schmerzen nach der OP tatsächlich nachlassen oder ganz verschwinden, kann es aber längere Zeit, mitunter mehrere Monate dauern. „Operationen im Unterleib wecken bei Patienten viele Befürchtungen. Folgen wie Inkontinenz sind nach dieser Operation jedoch eher selten“, hält Mitrovic fest.

 

Dr. Thomas Hartl

November 2017


Foto: shutterstock


‌ Zuletzt aktualisiert am 27. November 2017