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Frau kostet mit einem Kochlöffel vom Topf und verzieht das Gesicht

Schmeckstörungen

Wenn das Essen plötzlich anders oder weniger intensiv schmeckt, kann eine Schmeckstörung vorliegen. Viele unterschiedliche Ursachen dafür sind möglich. In den meisten Fällen ist die Störung vorübergehend. 

„Das zergeht mir auf der Zunge.“ Dieser Ausspruch ist zwar treffend, aber unvollständig. Mehrere Komponenten sind dafür verantwortlich, wie wir bestimmte Geschmäcker wahrnehmen und ob wir sie überhaupt wahrnehmen: Zum einen die Geschmacksknospen auf der Zunge, und im gesamten Mund- und Rachenraum. Auch das Aussehen, die Konsistenz und die Temperatur einer Speise tragen dazu bei, wie sie schmeckt. Besonders wichtig sind auch die Eindrücke, die durch das Riechen hinzukommen, weil die chemischen Moleküle beim Essen oder Trinken vom Rachen in die Nase aufsteigen. „Wenn wir sagen, dass uns etwas gut schmeckt, riechen wir in Wahrheit 70 Prozent davon und nur 30 Prozent schmecken wir wirklich“, sagt Dr. Paul Zwittag Paul, Leitender Oberarzt an der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum Med Campus III. 

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Anders oder weniger schmecken 

Ist das Schmecken, also die Wahrnehmung des Geschmacks, gestört, spricht man von einer Schmeckstörung. Im Gegensatz zu Riechstörungen treten reine Schmeckstörungen selten auf und sind in der Bevölkerung auch wenig bekannt. Häufiger findet man sie in Kombination mit Riechstörungen oder anderen Erkrankungen.

Schmeckstörungen betreffen sowohl die Qualität wie auch die Quantität des Schmeckens, meist ist beides betroffen. Eine quantitative Störung bedeutet, dass man weniger schmeckt; die Wahrnehmungen für süß, sauer, salzig, bitter und umami sind vermindert. Ist der Schmecksinn vollständig verloren gegangen, spricht man von Schmeckverlust (Ageusie). Vermindertes Schmeckvermögen nennt man Hypogeusie.

Eine qualitative Störung bedeutet, dass Speisen plötzlich anders schmecken als bisher, sie haben nun einen scheinbar anderen Geschmack. Dieser wird falsch wahrgenommen und meist als unappetitlich empfunden.

Beispiele für qualitative Veränderungen:

  • Bei der Kakosmie schmeckt das Essen plötzlich sehr unangenehm, meist nach Erbrochenen oder Verfaultem. Verursacht wird dies durch eine Störung im Gehirn.
  • Weniger drastisch ist die Veränderung, wenn man bestimmte „Lutschtabletten“ gegen Halsschmerzen im Mund zergehen lässt. Das Essen schmeckt danach statt sauer oder süß oft bitter, je nachdem, welche Geschmacksknospen durch die Wirkstoffe der Tablette blockiert wurden.
  • Infolge einer Chemotherapie schmecken Speisen plötzlich metallisch oder nach Harz oder Teer.  
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Diagnose 

Eine verminderte oder veränderte Wahrnehmung des Geschmacks ist das Hauptsymptom. Patienten gehen deswegen aber nur selten zum Arzt, sondern meist wegen anderer Beschwerden, die oft in Kombination auftreten, wie zum Beispiel einem Zungenbrennen oder einer Schluckstörung. Die Diagnose Schmeckstörung wird daher selten gestellt, oft wird sie im Rahmen anderer Beschwerden mitbehandelt.

Eine Schmeckstörung zweifelsfrei zu diagnostizieren ist oft schwierig. Um den Grad einer Störung festzustellen, werden Schmeckproben auf die Zunge aufgetragen. HNO-Ärzte testen zum Beispiel mittels Stiften, inwieweit der Patient auf der Zunge weniger als üblich schmeckt. Diese Stifte (sie sehen ein wenig wie Filzstifte aus) sind an der Spitze mit einem Geschmack präpariert. Der Patient versucht bei einer solchen Testung, die verschiedenen Geschmacksrichtungen zu erkennen. Neben Stiften gibt es auch andere Testmöglichkeiten, wie Geschmacksprays oder Tropfen, die auf die Zunge aufgetragen werden. „Alle diese Tests sind aber nicht hundertprozentig aussagekräftig und bringen nicht immer ein richtiges Ergebnis. Oft gibt es falsch-positive Resultate, man meint also eine Schmeckstörung zu erkennen, wo in Wahrheit keine vorhanden ist“, erklärt Zwittag. 

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Ursachen 

Für Schmeckstörungen kommen viele verschiedene Ursachen in Betracht:

  • Entzündung der Zunge (durch Pilzbefall, Infekt oder Rauchen)
  • Medikamente (Penicillin oder Antibiotika, Blutdruckmedikamente, Medikamente gegen Halsschmerzen etc.)
  • Chemotherapie, Strahlentherapie (im Kopf/Halsbereich): In der Regel reversibel, fallweise bleibt nach der Chemo eine Veränderung im Schmecken.
  • Eisenmangel: Vor allem bei Mädchen ab der Pubertät zu beobachten, oft besteht gleichzeitig ein Vitaminmangel.
  • Vitaminmangel: Im Alter von 50 bis 60 Jahren kann es bei einem Mangel von B6 und/oder B 12 zu einer veränderten Wahrnehmung des Geschmacks kommen.
  • Schädigung eines der Nervenstränge, die für das Schmecken zuständig sind. Da das Schmeckvermögen von drei Hauptnerven übernommen wird, ist hier ein kompletter Ausfall des Schmeckvermögens selten. Mögliche Ursachen einer Nervenschädigung:
  • Schädel-Hirn-Traumen nach Unfällen (die Verarbeitung von Schmeckreizen wird gestört)
  • Operation im HNO-Bereich (operative Eingriffe, zum Beispiel Mandelentfernung oder Mittelohr-Operation)
  • Zentralnervensystem: Im Rahmen einer Depression oder bei Multipler Sklerose (im Falle eines MS-Krankheitsschubes kann es vorübergehend zu einem Verlust oder einer Veränderung des Schmeckens kommen). Eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Schädels kann Aufschluss bringen, ob eine Störung im zentralen Nervensystem vorliegt.
  • Seltene Ursachen: Schilddrüsenfunktionsstörungen, Meningitis, Gehirntumor, toxische Substanzen, Burning Mouth Syndrom (bitterer oder metallischer Geschmack), Bulimie, Cushing Syndrom, Depressionen, Zink-Mangel, Diabetes mellitus, Leber- und Nierenversagen.
  • Mangelhafte Mundhygiene; andererseits kann auch die Anwendung von Mundwasser zu vorübergehenden Schmeckstörungen führen.  
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Einschränkung der Lebensqualität 

Für viele Menschen ist der Genuss beim Essen sehr wichtig. Der Verlust des Schmeckens bedeutet für sie eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität. Ist die Störung dauerhaft, kann das dazu führen, dass Betroffene weniger essen, an Gewicht verlieren und sogar depressiv werden. 

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Therapie 

Schmeckstörungen an sich werden nicht behandelt, es existieren diesbezüglich keine Medikamente. Behandelt wird, wenn möglich, die Ursache der Störung: So kann man bei Vitaminmangel eben Vitamine verabreichen etc. In manchen Fällen kann die Gabe von Zink unterstützend wirken (zum Beispiel bei Schmeckstörungen aufgrund einer Chemotherapie); Zink hilft jedoch nicht, wenn eine Depression oder MS ursächlich ist. „In vielen Fällen ist die Störung nicht auf Dauer und vergeht wieder von selbst, ohne dass man etwas tun müsste“, sagt Zwittag. 

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Praktische Hinweise 

Ein Gespräch mit einem verständigen Arzt oder Ernährungsberater kann helfen, um die Störung zu verstehen. Patienten können unterstützt werden, etwa indem man ihnen zeigt, wie sie die Speisen trotz der Störung besser schmecken können. So können zum Beispiel die Geschmacksknospen an den Seiten der Zunge intakt sein; oder man erlernt, wie man mit Gewürzen mehr Geschmack in die Speisen bringt. Manchmal stellt man seine Ernährung auch um, indem man sich mehr breiig und flüssig ernährt, denn hierbei „isst“ die Nase besonders viel mit und man meint dadurch mehr zu schmecken. Auch Schleimhautpflege und Nikotinverzicht können in manchen Fällen Besserung bringen.

Das Ziel dieser Maßnahmen: Das Essen soll wieder Freude machen und drastischer Gewichtsverlust verhindert werden.

 

Dr. Thomas Hartl

November 2017


Foto: shutterstock



‌ Zuletzt aktualisiert am 17. November 2017