DRUCKEN

Handynacken – Der gefährliche Blick nach unten

In den sozialen Medien posten und chatten, Videos schauen, E-Mails checken und E-Books lesen: Immer mehr Österreicher verbringen jeden Tag mehrere Stunden damit, auf ein kleines Display zu schauen, meist mit gebeugten Nacken und hängenden Köpfen. Dass darunter der Nacken leidet, kann nicht verwundern.  

Vor allem junge Menschen können sich ein Leben ohne ständige Beschäftigung mit dem Smartphone nicht mehr vorstellen. Die Folge: Patienten mit Nackenproblemen werden immer jünger. Ein Hauptgrund dafür ist die oft exzessive Nutzung von Smartphones, manchmal schon durch Kinder. „Es ist wirklich auffällig, dass immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene mit Nackenschmerzen ärztliche Hilfe benötigen. In früheren Jahrzehnten war das ein Problem der älteren Generationen. Der Trend zu immer jüngeren Patienten hat eingesetzt, als Smartphones die kleinen Handys abgelöst haben, wodurch der Zugang zum Internet immer und überall möglich wurde. Diese Neuerung hat die Zeitspanne, in der man auf ein Display starrt, enorm erhöht“, sagt Oberarzt Dr. Michael Stöbich, Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie am Kepler Universitätsklinikum Med Campus III. 

up

Immense Belastung für den Nacken 

Der Kopf eines Menschen wiegt vier bis fünf Kilogramm. Dieses Gewicht lastet auf der Halswirbelsäule, wenn der Kopf gerade und hoch erhoben gehalten wird. Der typische Blick auf ein Handy (Smartphone) wird jedoch mit einem bis zu 60 Prozent geneigten Kopf vollzogen. „Das ergibt eine Spitzenbelastung von 27 Kilo. Das ist so, als würde man einen Zementsack im Nacken tragen, das halten die körperlichen Strukturen auf die Dauer natürlich nicht aus“, sagt Stöbich. 

up

Schmerzen bis hin zu Bandscheibenvorfällen 

Die gebeugte Kopfhaltung erzeugt primär Schmerzen in den Muskelsträngen, die an der Halswirbelsäule verlaufen. Eine chronische Überlastung des Nackens kann auch zu Verletzungen der Halswirbelgelenke führen, denn der Mensch ist nicht so gebaut, um auf Dauer eine unnatürliche Körperhaltung, wie sie bei gebeugtem Kopf nach unten eingenommen wird, schadlos zu überstehen. 

Es besteht zudem die Gefahr, dass die Schmerzen mit der Zeit in angrenzende Regionen wie die Schultern und in den Kopf ausstrahlen, sich also auch in diesen Regionen breitmachen. Wird trotzt Schmerzen keine Verhaltensänderung und keine Behandlung durchgeführt, kann die fehlerhafte Körperhaltung letztendlich auch zu Bandscheibenvorfällen führen, inklusive Schmerzausstrahlung bis in die Arme und sogar in die Finger. Da die Wirbelsäule ein geschlossenes System darstellt, besteht zudem die Gefahr, dass die Probleme in der Halswirbelsäule nach unten hin weitergeleitet werden und mit der Zeit auch Brustwirbelsäule und Lendenwirbelsäule Schaden nehmen. 

up

Chronische Schmerzen vermeiden 

Wenn Nackenschmerzen frisch auftreten, sollte man sie nicht „auf die leichte Schulter“ nehmen, sondern ernst nehmen. „Erstmalig auftretende Schmerzen sind ein Schuss vor den Bug. Man sollte sie keinesfalls ignorieren und stattdessen aufmerksam beobachten, bei welcher Gelegenheit sie sich zeigen. Man sollte alles dafür tun, damit das Problem gelöst wird und die Schmerzen nicht chronisch werden, denn diese sind nur sehr schwer zu therapieren und bleiben oft ein Leben lang bestehen“, warnt Stöbich. 

up

Therapie 

Bewegung und Sport: Die gefährlichste Bewegung ist die fehlende Bewegung. Verharrt der Mensch stundenlang in ein und derselben Position, ist das „Gift“ für Bänder, Muskeln, Gewebe und Gelenke. Bewegung dagegen stärkt den gesamten Bewegungsapparat und schützt vor Schmerzen. Stiegen steigen, zumindest kurze Stecken zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen, im Büro nicht stundenlang sitzen, sondern sich möglichst viel bewegen – all das stärkt den Bewegungsapparat. Wer zudem regelmäßig Sport treibt (Alltagssport und nicht Leistungssport) und dabei den Körper lockert und kräftigt, wird weniger anfällig für Schmerzen und Probleme mit dem Nacken/Schultern/Rückenbereich. 

Physiotherapie: Hier sollte man gezielt Übungen lernen, wie man die einseitig überlasteten Muskeln dehnt, wie man Überbelastung entgegenwirkt und Muskeln gezielt aufbaut. Es reicht nicht, wenn man sich etwa im Fitnesscenter Muskeln antrainiert, denn es sind vor allem die kleinen Skelettmuskeln, die für die Beweglichkeit und Stabilität des Nackens verantwortlich sind. 

Wärme/Kälte: Akute Verspannungen kann man mit Wärme behandeln (heiße Badewanne, Moorpackungen, Wärmflasche, Wärmekissen etc.). Entzündungen der Halswirbelgelenke dagegen sollten nicht mit Wärme therapiert werden, dies kann sogar kontraproduktiv sein.  

Entzündungshemmende Medikamente: Sie bringen kurzfristig Erleichterung, sind jedoch keine Dauerlösung. 

Massagen: Sie lockern die Muskulatur und entspannen sie kurzfristig. Damit erhöht sich die Zufuhr von Sauerstoff und Nährstoffen in den verhärteten Muskelarealen. Das Resultat: Die Schmerzen lassen nach (jedoch nur solange, bis man sich wieder aufgrund falscher Körperhaltung verspannt). 

Entspannungsübungen: Es gibt eine Vielzahl an Entspannungsverfahren, man sollte einige ausprobieren, um zu erkennen, welche zu einem passen und diese dann regelmäßig durchführen. 

up

Vorbeugen 

Die einzige Möglichkeit, den Handynacken zu verhindern, ist es, weniger Zeit am Smartphone zu verbringen und die Haltung dabei möglichst oft zu variieren. Oft wird empfohlen, das Smartphone knapp auf Augenhöhe zu halten. Das ist zwar kurzzeitig möglich und sinnvoll, aber keine Dauerlösung, da sich mit der Zeit durch das Hochhalten die Schultermuskeln verspannen und dadurch ebenfalls Schmerzen entstehen. Jede einseitige dauerhafte Belastung sollte vermieden werden. 

Die Möglichkeiten der Eltern, ihre Kinder zu einem vernünftigen Handykonsum und einer guten Körperhaltung anzuhalten, sind sehr beschränkt. „Solange Kinder und Jugendliche keine Schmerzen spüren, interessieren sie sich herzlich wenig für die mahnenden oder erklärenden Worte der Eltern“, so Stöbich. Er empfiehlt Eltern von Anfang an, klare Regeln aufzustellen und einzuhalten. „Man kann etwa vereinbaren, dass zuhause, in den Räumen, wo sich die Familie trifft, keine Geräte mit Displays zu sehen sind. Also zum Beispiel keine Smartphones am Esstisch oder im Wohnzimmer. Ein sehr sinnvoller Beitrag wäre es auch, wenn in der Schule am Beginn des Schultages Smartphones abgegeben werden müssten. Dann würden die Schüler wenigstens die Pausen nicht mit gebeugten Kopf verbringen und sich in dieser Zeit anderweitig beschäftigen.“ 

up

Tablet-Schulter 

Während es zumindest kurzzeitig möglich ist, ein Handy knapp auf Augenhöhe zu halten, so ist dies bei einem Tablet aufgrund Größe und Gewicht kaum möglich. Meist liegt ein Tablett auf dem Tisch oder gar auf den Oberschenkeln und der Nutzer beugt den Nacken dabei bis zu 90 Grad.

Mediziner sprechen bereits vom Problem einer „Tablet-Schulter“. Gemeint sind muskuläre Veränderungen aufgrund der tiefliegenden Lagerung des Tablets und der Körperhaltung, die man dabei einnimmt. „Es kommt dabei zu einer Verkürzung der Brustmuskulatur und einer Überdehnung der Rücken- und Schultermuskulatur. Die Folge sind Schmerzen im Bereich von Schultergürtel und Nacken, ganz ähnlich dem Handy-Nacken“, sagt Stöbich.

 

Übrigens: Wenn man jeden Tag für ein paar Stunden ein Buch mit hängendem Kopf lesen würde, würden wohl dieselben Probleme auftreten. Bloß liest man Bücher kaum in der typischen Handyposition, sondern meist im Liegen und zudem nicht stundenlang jeden Tag.


Dr. Thomas Hartl

Oktober 2017


Bild: shutterstock


‌ Zuletzt aktualisiert am 20. Oktober 2017