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Spiel der Hormone

Verliebt – Sie schweben wie auf Wolken, das Herz schlägt bis zum Hals, im Bauch tanzen Schmetterlinge. Alles Folge von Hormonen und Botenstoffen.

Ob es Liebe auf den ersten Blick ist oder ob sich die Verliebtheit über mehrere Wochen entwickelt, ist individuell verschieden. Was aber im Körper abläuft, wenn’s „gefunkt“ hat, ist immer gleich. Es werden Hormone und Botenstoffe ausgeschüttet, erklärt Primar Mag. Dr. Herwig Oberlerchner, Vorstand der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Klagenfurt. Das Gehirn produziert das Glückshormon Dopamin, das angstlösende und anti-depressiv wirkende Serotonin, die Bindungs-hormone Vasopressin und Oxytocin sowie Geschlechtshormone. Dazu kommen Adrenalin und Noradrenalin. Bei diesem konzertierten Einsatz der verschiedenen Stoffe können körperliche, seelische und soziale Auswirkungen nicht ausbleiben. Das Herz schlägt schneller, die Pupillen weiten sich, der Blutdruck ist erhöht. Die Durchblutung ändert sich. Die berühmten Schmetterlinge im Bauch sind rein physiologisch gesehen eine erhöhte Durchblutung im Genitalbereich und das dadurch ausgelöste sexuelle Verlangen. Durch das Spiel von Hormonen und Botenstoffen kann die Wahrnehmung sowohl erweitert als auch eingeengt werden. Man nimmt die positiven Details viel intensiver wahr, Negatives wird ausgeblendet. Es ist auch ein Zuwachs an Selbstwert-gefühl zu beobachten. „Man fühlt sich aufgewertet, weil die Gefühle erhört wurden“, beschreibt es Primar Oberlerchner. Verliebte seien kompromissbereiter, toleranter, kontaktfreudiger, verzeihen leichter. Produziert der Körper die Boten-stoffe und Hormone nicht mehr in dem hohen Ausmaß und sieht man das Objekt seiner Begierde plötzlich ohne Hormonschleier, kommt häufig das ernüchternde Erwachen. Man erkennt die wahren Eigenschaften und Eigenheiten seines Gegenübers.

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Leicht zu kränken

Das Spiel der Hormone hängt auch davon ab, ob die Signale erhört werden. So seien erste Berührungen und Küsse Trigger für die Ausschüttung von weiteren Bindungshormonen. Bleibe die Liebe jedoch unerwidert, werde sie ausklingen und versiegen. Das sei ohnehin ihr häufigstes Schicksal, meint Herwig Oberlerchner. Denn die belebende Situation der erwiderten Liebe sei im Vergleich das seltenere Ereignis. Und die Kunst bestehe darin, die erste Phase der Verliebtheit in eine dauerhafte Partnerschaft, basierend auf gegenseitigem Vertrauen, umzuwandeln. Ein verliebter Mensch öffnet sich und ist dadurch auch angreifbar, leichter zu kränken und zu enttäuschen. Speziell Jugendliche in der Pubertät können sich zutiefst verletzt fühlen, wenn sie abrupt zurückgewiesen werden, erklärt der Experte. Reifere Menschen können mit solchen Situationen meist besser umgehen. Bleibt die Liebesfähigkeit jedoch stets unerhört, kann das ein Risikofaktor für spätere psychische Erkrankungen sein, speziell für Depressionen. „Andererseits ist Verliebtheit auch ein ausgezeichnetes Antidepressivum“, sagt Primar Oberlerchner. Sie helle die Stimmung auf, man sei gut gelaunt, extrovertiert. Und das gelte für jede Lebensphase. Dass Verliebtheit nur ein Thema für junge Menschen sei, gehöre zu den vielen Vorurteilen. Auch als Senior könne man sich noch verlieben. Aber nicht nur ein Mensch kann die beschriebenen Abläufe auslösen, sondern auch Beschäftigungen oder Sportarten, die man mit großer Leidenschaft betreibt. „Die Schemata sind die Gleichen. Der Körper hat nur ein paar zur Verfügung, diese werden dann abgerufen“, erklärt der Mediziner.


Monika Unegg

März 2018

 

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Kommentar

Spiel_der_Hormone_Kommentarbild_Mag._Dr._Herwig_Oberlerchner.png „Wahre Liebe lässt aufblühen und gedeihen, eigennützige Liebe führt zum Verwelken.“

Mag. Dr. Herwig Oberlerchner

Vorstand der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie,

Klinikum Klagenfurt



Bilder: shutterstock; privat

‌ Zuletzt aktualisiert am 30. März 2018