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Rotwein und Käse

Die Histaminintoleranz ist eine oft heftige Reaktion auf Histaminmengen, die für die meisten Menschen problemlos sind. Was wie eine Allergie erscheint, ist tatsächlich eine Abbaustörung.

Die in vielen Lebensmitteln vorkommende Substanz Histamin gehört zu den sogenannten biogenen Aminen und hat im menschlichen Körper zahlreiche wichtige Aufgaben. Unter anderem wirkt es als Botenstoff zwischen Nervenzellen, reguliert die Magensäureproduktion und die Darmbewegungen, ist ein Immunregulator und auch zuständig für die Steuerung von Entzündungsreaktionen. Histamin kommt nicht nur in unterschiedlicher Menge in Lebensmitteln vor, sondern wird auch vom Organismus selbst gebildet.

Ein Überschuss an Histamin wird normalerweise durch das Enzym Diaminoxidase (DAO), aber auch durch andere Stoffwechselprozesse abgebaut. Vor allem ein DAO-Mangel dürfte für die Histaminunverträglichkeit verantwortlich sein, berichtet Univ.-Prof. Dr. Martin Clodi, Leiter der Abteilung für Innere Medizin des Konventhospitals der Barmherzigen Brüder Linz und Experte für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen.

Wegen der Vielfalt des daraus folgenden Beschwerdebildes, oft unter der Beteiligung mehrerer Organe, wurde auch der Begriff Histaminintoleranzsyndrom geprägt. Der Verdauungstrakt kann mit Durchfällen, Verdauungsbeschwerden, Magenschmerzen, Blähungen, Übelkeit und Erbrechen reagieren. Herzrasen, Rhythmusstörungen und Blutdruckprobleme sind mögliche Folgen im Herzkreislauf-System. Mit Ausschlägen und Ödemen, Rötungen, Bindehautentzündungen und Juckreiz bleiben Haut und Schleimhäute nicht verschont. Von Niesen und einer verstopften oder „laufenden“ Nase bis zum bedrohlichen Asthma können auch die Atemwege beeinträchtigt sein. Auch über Menstruationsstörungen wird berichtet, sehr häufig kommen Kopfschmerzen, Migräneattacken, Schwindel, Müdigkeit und Erregungszustände vor. Weil diese Symptome recht uncharakteristisch sind, sind sie klar abzugrenzen etwa von Allergien, Medikamentennebenwirkungen, psychosomatischen Reaktionen und anderen ernsten Erkrankungen. Histamin selbst kann in großen Mengen potentiell durchaus lebensbedrohliche Zuständeauslösen.

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Mehrere Faktoren

Typischerweise taucht die Histaminintoleranz im jüngeren oder mittleren Erwachsenenalter erstmals auf. Wahrscheinlich sind gleich mehrere Faktoren an ihrer Entstehungsgeschichte beteiligt. Der Enzymmangel und auch eventuelle Veränderungen an den Histaminrezeptoren, also den Andockstellen des Histamins an den Zellen, können durchaus genetisch bedingt sein. Etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung dürften an einer Histaminunverträglichkeit leiden, 80 Prozent davon sind Frauen. Während der Schwangerschaft können sich die Symptome abschwächen. Es gibt Hinweise darauf, dass eine gesteigerte DAO-Produktion in der Plazenta die Erklärung für die vorübergehende Besserung sein könnte. Im Wesentlichen erfolgt der Nachweis einer Histaminintoleranz durch eine einfache körperliche Untersuchung in Verbindung mit einem sogenannten standardisierten Provokationstest. Dabei wird Histamin zum Schlucken verabreicht – innerhalb weniger Tage bis zu einer maximal tolerierbaren Dosis, nötigenfalls unter intensivmedizinischer Beobachtung, zumal die möglichen Symptome im Einzelfall auch ernste Ausmaße annehmen können. Unter Einbindung von Alltagsbedingungen wie etwa körperlicher Anstrengung, Stress oder Alkoholkonsum kann so die Diagnose gesichert werden. Vor dem Provokationstest empfiehlt sich allerdings eine Umstellung der bisherigen Ernährung beziehungsweise gewohnter Medikamente und eine begleitende Führung eines Diät- und Symptomtagebuchs.

„Aus heutiger Sicht ist eine Blutuntersuchung zur Bestimmung von histaminabbauenden Enzymen im Blut nicht sinnvoll, weil es diesbezüglich keine verlässlichen Laborbestimmungsverfahren gibt“, betont Primar Dr. Martin Clodi.

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Biogene Amine

Vereinzelt können sich auch Arzneien auf den Histaminhaushalt auswirken. Prinzipiell erfolgt die Verschreibung von Medikamenten individuell nach dem Behandlungserfordernis. Eine Nutzen-Risiko-Abwägung muss daher im jeweiligen Fall mit dem behandelnden Arzt getroffen werden. Generell können Kontrastmittel, die bei radiologischen Untersuchungen zum Einsatz kommen, zu einer Freisetzung von Histamin im Körper führen. Es ist ratsam, den Arzt schon im Vorfeld auf eine Histaminintoleranz aufmerksamzu machen. Bei Verdacht auf eine Histaminunverträglichkeit gilt es, die entsprechenden histaminhaltigen Lebensmittel nach Möglichkeit zu meiden. Das gilt auch für solche, die andere biogene Amine, also Verwandte des Histamins, enthalten. Ein kompletter Verzicht auf solche Nahrungsmittel ist aber wohl kaum praktikabel. Wenn Histaminabstinenz nicht gelingt, kann die Einnahme von sogenannten H1- und H2-Antihistaminika helfen, welche die Wirkung von Histamin hemmen. Eventuell können Zink, Kupfer, Vitamin C und Vitamin B6 unterstützen, die beim Histaminabbau wesentlich mitwirken. Darüber hinaus ist heute auch die Einnahme des histaminabbauenden Enzyms Diaminoxidase (DAO) möglich. Für die Betroffenen ist die Histaminintoleranz eine ernstzunehmende Gesundheitsstörung, welche die Lebensqualität zumindest schmälert. Auf so manche Delikatesse werden die Betroffenen dann doch wohl gern verzichten.

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Was enthält Histamin ?

Rotwein und Käse sind nicht nur eine klassische Kombination für Feinschmecker, sondern auch ein sehr ungünstiges Gespann bei Histaminintoleranz.

Beide Nahrungsmittel enthalten nämlich hohe Histaminmengen und Alkohol hemmt zusätzlich die Aktivität der für den Histaminabbau benötigten Enzyme. Je höher der Reifegrad von Käse, umso höher der Histamingehalt. Kakao, Spinat, Paradeiser, Ketchup, Schimmelkäse und Avocado sind ebenso wie alle fermentierten Nahrungsmittel histaminträchtig. Kochen kann dem hitzebeständigen Histamin leider nichts anhaben. Zahlreiche Nahrungsmittel gelten als sogenannte Histaminliberatoren, weil sie im Körper bereits vorhandenes Histamin freisetzen. Dazu zählen Zitrusfrüchte, Papayas, Erdbeeren, Ananas, Nüsse, Paradeiser, Spinat, Schokolade, Fisch, Schalentiere und Schweinefleisch.


Klaus Stecher

November 2017 


Bilder: shutterstock; privat

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Kommentar

Clodi_150x150.jpg „Bleiben die Symptome einer Histaminintoleranz trotz entsprechender Therapie, sollteunbedingt eine weitere Abklärung durchgeführt werden.“

Univ.-Prof. Dr. Martin Clodi

Leiter der Abteilung für Innere Medizin, Konventhospital der Bamherzigen Brüder Linz

 



‌ Zuletzt aktualisiert am 08. November 2017