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Der Körper lügt nicht

Der Körper lügt nicht

Viele Menschen glauben, dass mit Worten alles gesagt ist. Doch aufschlussreicher als die Sprache des Wortes ist oft die Sprache des Körpers. Denn unser Körper kann sich nicht lange verstellen und gibt auch Dinge preis, die wir manchmal lieber verschweigen würden.

Es ist eine Szene, die nur allzu bekannt ist: Ein Paar streitet, sie brüllt, er brüllt zurück, die Wut schaukelt sich immer höher. Und plötzlich Stille. Einer der beiden verfällt in Schweigen und wendet sich ab. „Ein solches Verhalten wirkt manchmal viel stärker als lautes Schreien“, sagt Stefan Verra, ein in München lebender Österreicher und Experte für Körpersprache. Denn der Körper zeigt ganz deutlich: Ich will nicht mehr.

Dass es nicht alleine gesprochener Worte bedarf, um etwas mitzuteilen, das hat auch schon der Kommunikationsexperte und Philosoph Paul Watzlawick mit einem zum geflügelten Wort gewordenen Satz klar-gemacht: „Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation – nicht nur mit Worten – ist Verhalten, und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“ Auch wer schweigt, hat etwas mitzuteilen.

„Unser Körper kann nicht lange lügen“, sagt Verra. Zwar versuchen viele Menschen, genau auf ihre Gesten zu achten; doch wenn diese vom Gesagten abweichen, dann wirkt es bald nicht mehrauthentisch. Als Beispiele nennt Verra die beiden unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer und Hillary Clinton, die bei den Wählerinnen und Wählern viel zu kontrolliert ankamen. Authentisch hingegen wirke Donald Trump. Denn, so Verra: „Er benimmt sich wie viele zornige und wütende Amerikaner. Er haut mit der Faust auf den Tisch und gibt sich grantig-aggressiv.“

Das kommt bei vielen Menschen gut an, sie haben den Eindruck: Der versteht mich, der ist einer von uns, der agiert wie wir am Stammtisch. Dass Trump Milliardär ist und im Privatjet herumflog, war ihnen völlig egal. Auch Schauspieler, meint Verra, seien dann am besten, wenn sei eine Rolle spielen würden, die ihrer eigenen Persönlichkeit nahekomme. Überhaupt mache das viele erfolgreiche Menschen aus: wenn sie keine Rollen spielen (müssen) und Offenheit signalisieren. Daher rät er auch lieber zu einem Lächeln zu viel als zu wenig. Am Montagmorgen in der Firma Freundlichkeit zu zeigen, sei besser, als allen seinen Grant aufzuzwingen, nach dem Motto: „So bin ich eben, dann müssen halt alle drunter leiden.“ Mehr lächeln, das kann aber auch für Chefs nicht schaden. Denn es signalisiert: Der ist nicht so streng und unnahbar, wie viele vielleicht fürchten. Wer beim anderen gut ankommen wolle, der sollte darauf achten, dass er dessen Gefühle widerspiegelt: „Etwa wenn das Kind aus dem Kindergarten nach Hause kommt und begeistert erzählt, was es Tolles erlebt hat. Wenn sich die Eltern dann richtig mitfreuen, dann fühlt es sich verstanden“, sagt Verra.

Er hält übrigens nichts davon, dass man mit einem Seminar zu einer völlig neuen Persönlichkeit werden könne, da Authentizität sehr wichtig sei. Und es kommt ja auch nicht jede Geste bei jedem Menschen gleich rüber. Bis zu einem bestimmten Maß könnten sich Politiker und Unternehmensbosse schon coachen lassen. Verra hat viele Politiker beobachtet. Sein Fazit: Es kommt eben doch nicht nur auf den Inhalt an, sondern auch darauf, wie man etwas rüberbringt. Lange Zeit passte eine Geste der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die gerne mit ihren Händen die mittlerweile legendäre „Merkel-Raute“ bildet, gut ins Bild: Merkel war der stabile Faktor in unsicheren Zeiten, etwa während der Eurokrise. Doch ob dies im kommenden deutschen Bundestags-wahlkampf noch ausreichen wird? Ihre Kontrahenten treten zum Teil sehr aggressiv auf, dem wird Merkel etwas entgegensetzen müssen.

Auch Auftritte des österreichischen Bundes-kanzlers Christian Kern hat Verra analysiert. Kern sei einer, der gern im Mittelpunkt stehe, sagt er. Und er wisse mit seinen eng geschnittenen Anzügen durchaus Akzente zu setzen, indem er seine sportliche Figur betone. „Früher retteten die schlanken Sportlichen unsere Vorfahren im Urwald vor drohenden Gefahren“, erläutert Verra. Dass jemand, der schlank und sportlich ist, gut als Anführer taugt, ist beim Menschen immer noch abgespeichert.

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Wenn die Faust geballt wird 

Profis macht man nichts vor. Wenn psychologisch geschulte Experten beispielsweise Verdächtige verhören, dann können diese eine Menge aus den kleinsten körperlichen Reaktionen des Betreffenden herauslesen – auch wenn dieser die Worte verweigert. Doch um einige Klassiker der Körpersprache zu deuten, braucht es kein jahrelanges Studium, wir treffen im Alltag oft auf sie.


Die geballte Faust zeigen:

Das versteht jeder. Jemand ist aggressiv.


Hände hinter dem Rücken:

Das ist ein Zeichen für Zurückhaltung.

Wer sie in den Taschen behält, möchte seine Absichten verbergen.


Handflächen:

Wer seinem Gegenüber die Innenflächen der Hand zuwendet, signalisiert Offenheit.


Augen zusammenziehen:

Das und die Stirn runzeln sind Zeichen für Skepsis.


Weit geöffnete Augen:

Sie sind ein Zeichen für Aufmerksamkeit und Interesse gegenüber seinem

Gesprächspartner.


Weit geöffneter Mund:

Das zeigt Staunen und Überraschung.


Die Hand vor die Augen:

Man möchte bestimmte Dinge lieber gar nicht sehen.


Die Hand vor den Mund:

Man will nichts herauslassen.


Lippen zusammenpressen:

Jemand verschließt sich buchstäblich und möchte nichts sagen.



Birgit Baumann

September 2017


Bilder: shutterstock; privat



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Kommentar

stefanverra_150x150.jpg „Menschen spüren, dass Körpersprache etwas Wichtiges ist. Der Großteil der Körpersprache ist schon vor der Geburt festgelegt. Wer gut ankommen will, der sollte die Gefühle seines Gegenübers widerspiegeln.“

Stefan Verra

Experte für Körpersprache, München

‌ Zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2017