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Lächelnde frau

Emotionale Reserven

Scheidung, Probleme in der Arbeit, Krankheiten – Krisen können einen ganz schön aus der Bahn werfen. Man kann sie aber auch gut durch- und überstehen. Das „Zauberwort“ heißt Resilienz, also psychische Widerstandskraft. Ganz wichtig dafür ist eine „emotionale Vorratskammer“.

Das Wort Resilienz heißt übersetzt „abprallen“ und wurde ursprünglich in der Technik verwendet. Doch schon seit langem wird es auch in der Psychologie angewandt. Allerdings: „Der Begriff hinkt. Denn wenn Leid und Trauer wie Tennisbälle an einem abprallen, gibt es nur mehr gefühlskalte Menschen, und das will ja keiner“, betont Mag. Astrid Jorda, Psychotherapeutin am Uniklinikum Linz. Resilienz heißt also nicht, dass einem Schicksals-schläge und Krisen egal sind, sondern bedeutet, Lebenskrisen ohne anhaltende Beeinträchtigung durchzustehen. Resiliente Menschen besitzen unter anderem Humor, Mut, Kreativität, Selbständigkeit und Hoffnung.

Wie aber ist das zu schaffen? Dazu die Expertin: „Krisen und Konflikte können besser bewältigt werden, wenn die eigene emotionale Vorrats-kammer gefüllt ist – etwa mit guten Freunden, sozialem Engagement, stabilen Beziehungen, Hobbys und einem sinnstiftenden Beruf. Eine Krise wird einem mehr zusetzen, wenn die Kammer leer ist, man also keine Reserven mehr hat.“

„Ziel der Resilienz ist es auf keinen Fall, so widerstandsfähig zu werden, dass einen nichts mehr erschüttert. Angenommen, der Ehemann hat eine Freundin und will die Scheidung. Dann braucht die Frau nicht sagen: ,Passt eh‘, sondern sie darf verzweifelt sein und trauern.“ Nach der Trauerzeit – die bis zu einem Jahr dauern kann – sollte man aus der Opferrolle schlüpfen, sich selbst wertschätzen und akzeptieren, was passiert ist. In unserem Fall heißt das: Der Mann kommt nicht zurück. Punkt.

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Verantwortung

 Akzeptanz ist also eine Säule des sogenannten Resilienzkonzeptes. Zu den weiteren Säulen zählen Verantwortung und Netzwerkorientierung. Das heißt: „Man muss selbst die Verantwortung übernehmen, dass die Vorratskammer wieder voll wird. Das wird niemand anderer tun“, erklärt die Expertin.

Am besten ist es, die emotionale Vorratskammer vor-beugend in guten Lebensphasen zu füllen. Vor allem Mütter vergessen oft darauf. Eine gute Freundin zum Beispiel verringert im Scheidungsfall das Einsamkeitsgefühl. Mag. Astrid Jorda: „Hat sich etwa die Ehefrau jahrelang nur auf ihren Mann konzentriert und sich über ihn definiert, wird ihre Vorratskammer leer sein, wenn er sie verlassen hat. Um sie wieder zu füllen, könnte sie die Beziehung zu alten Freunden reaktivieren, ein Hobby aufnehmen oder einem Sportverein beitreten.“

Ganz wichtig ist es auch, den Blick auf die Zukunft zu legen und nicht auf die Vergangenheit. Nachdem sie akzeptiert hat, dass ihre Ehe und ihre Trauer endgültig vorbei sind, könnte sich unsere verlassene Ehefrau fragen: Was kann ich jetzt tun? Welche Lösungen gibt es für mich? Wie kann ich eine Möglichkeit finden, mit den neuen Lebensumständen positiv umzugehen? „Eine große Portion Optimismus und Kreativität gehören auch dazu“, betont die Psychologin.

Im Zentrum sollten dabei nicht die persönlichen Schwächen stehen. „Vielmehr sollte man sich auf die eigenen Fähigkeiten und Interessen sowie auf Dinge fokussieren, die Freude bereiten, und auf Menschen, die das Leben bereichern“, rät Astrid Jorda.

 

Cornelia Schobesberger

August 2017


Bilder: Shutterstock; privat



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Kommentar

Wartung_Emotionale_Reserven_Kommentarbild_Jorda_150x150.png Wichtig ist, selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen, das eigene Leben in Balance zu bringen.“

Mag. Astrid Jorda

Psychotherapeutin am Kepler Universitätsklinikum, Neuromed Campus, Linz





‌ Zuletzt aktualisiert am 07. August 2017