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Frau wird im Gesicht behandelt

Störenden Narben zu Leibe rücken

Unser Leben hinterlässt Spuren an unserem Äußeren, die uns nicht immer gefallen. Damit sind nicht die ungeliebten Falten gemeint, sondern verdickte, verwachsene, wulstige und/oder rote Narben nach Unfall, Sturz, Verbrennung oder Operation.  Mit konsequenter Pflege kann die Reifung optimiert werden. Im schlimmsten Fall lässt sich mit einer Narbenkorrektur ästhetisch und funktionell viel zum Positiven ändern.

Unser Körper reagiert auf Hautverletzungen mit der Bildung von Narbengewebe, um die Schutzfunktion unserer äußeren Hülle wieder herzustellen. Weil Narben meist aus festem Bindegewebe bestehen, sind sie oft weniger elastisch. Das kann zu Verziehungen der umgebenden Haut und wenn sich die Narbe über Gelenke erstreckt, zu Bewegungseinschränkungen führen. Während eine Wunde relativ schnell heilt, reift eine Narbe – je nach Art und Ursache – bis zu einem Jahr. Und dann sollte sie weich, hell und schmerzlos sein.

Charakteristisch für Narben ist, dass sie meist heller sind als die Haut um sie herum, dass sie keine Schweiß- und Talgdrüsen haben und auch keine Haare mehr auf ihnen wachsen. 

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Individuelle Narbenentwicklung 

Die Art der Verletzung, aber auch die individuelle Veranlagung beeinflussen die Narbenentwicklung und das -aussehen. Glatte Hautschnitte (mit dem Skalpell) heilen meist besser ab, als Wunden mit unregelmäßigen oder gezackten Rändern. Bei manchen Menschen verheilen Wunden schlechter als bei anderen, was genetisch bedingt ist. „Außerdem ist die Narbenbildung bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen meist schlechter, weil sich bei ihnen die Zellen schnell teilen. Daher haben junge Menschen eher mit überschießender Narbenbildung zu kämpfen“, sagt Primar Thomas Hintringer, Leiter der Plastischen, Ästhetischen und Rekonstruktiven Chirurgie im Ordensklinikum Barmherzige Schwestern Linz.

Größe und Tiefe der Wunde sowie Dauer der Entzündung im Wundgebiet sind ebenfalls Kriterien für die Entwicklung des  Narbengewebes. Bei längerer Entzündung kommt es durch bestimmte Zellen der Haut zu einer vermehrten Ausschüttung von spezifischen Wachstumsfaktoren, die zu verstärkter Bildung von Binde/Narbengewebe führen. „Bei geplanten Eingriffen soll man durch korrekte Schnittführung entlang der natürlichen Spannungslinien der Haut dafür sorgen, dass man sehr gute Voraussetzungen zur Narbenreifung schafft. Und der Patient kann durch disziplinierte und wochenlange Narbenpflege dazu beitragen, dass die Narbe weich und schön wird“, sagt Primar Hintringer.

Wenn störende oder entstellende Narben am Selbstwert nagen, zu sozialem Rückzug oder depressiver Verstimmung führen, kann in den meisten Fällen geholfen werden. Narben sollen heute niemanden mehr entstellen. Zur Korrektur gibt es chirurgische und nichtchirurgische Maßnahmen.  

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Tipps zur Narbenpflege (wochen- bis monatelang) 

Um das beste Ergebnis zu erzielen, soll man mit der Narbenpflege der jungen Narbe beginnen, sobald der Schorf weg, die Wunde abgeheilt oder die Fäden entfernt sind. 

  • Optimale Wundversorgung mit sterilen Verbänden hilft Wundinfektionen zu vermeiden, die das Narbenergebnis negativ beeinflussen.
  • Bis zu einem Jahr nach einer Operation soll man die Narbe vor Sonnenexposition schützen, sie auch keiner extremen Kälte aussetzen. Hintringer: „Erst, wenn die Narbe weich und hell ist, ist sie reif und lagert keine Pigmente mehr ein, sprich sie verfärbt sich nicht mehr.“ Wer in die Sonne geht, soll Sun-Blocker zum Schutz verwenden.
  • Rückfettende Hautpflegecremen oder –öle verwenden. Diese einmassieren, damit die Narbe geschmeidig wird beziehungsweise bleibt. „Bei 80 Prozent der Leute reicht eine wochenlange gute Narbenpflege aus, um schöne Ergebnisse zu erzielen“, weiß der Chirurg.
    Wem bekannt ist, dass er zu überschießender Narbenbildung neigt oder wo sich nach der Nahtentfernung erste Anzeichen für eine Wulstnarbe zeigen, der kann zur Nachsorge spezielle Narbensalbe, -pflaster oder -folie verwenden. Neben Silikonpräparaten gibt es Produkte etwa mit Hyaluronsäure, Zwiebelextrakten, Heparin oder pflanzlichen Ölen. Die Narbengels und -salben helfen das Gewebe aufzulockern, lindern Schmerz, Juckreiz und beugen Wucherungen vor.
    Nach einer Operation kann eventuell auch ein Physiotherapeut helfen, Verklebungen zu lösen und dem Schrumpfen des Narbengewebes vorzubeugen.
  • Kompressionsverband: Nach Verbrennungen wird zum Beispiel ein solcher über Monate lang angelegt. Unter Druck wird die Narbe schöner und wuchert kaum.  
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Verschiedene Narbentypen 

Narbenkorrekturen werden erst nach Abschluss der Narbenbildung – nach sechs bis 12 Monaten – durchgeführt. „Eine Ausnahme sind Narben, die zu funktionellen Einschränkungen führen, etwa wenn man ein Knie oder einen Ellbogen nicht mehr strecken kann. In solchen Fällen setzt man die Korrektur früher“, erklärt der Spezialist für Plastische Chirurgie und erklärt häufige Narbentypen:

  • Keloid: Das sind wulstige Gewebewucherungen, die die Grenzen der Wundränder überschreiten und über Jahre hinweg weiterwachsen. Sie treten vor allem nach Verbrennungen, Akne, an Piercing- Einstichstellen, bei Operationsnarben, traumatischen Wunden oder an Impfeinstichen auf. Sie kommen familiär gehäuft und öfter bei jüngeren Leuten bis 20 Jahren vor.
  • Hypertrophe Narbe: Diese  Wucher-/Wulstnarbe kommt auch familiär gehäuft vor. Im Unterschied zum Keloid wächst sie über die Wundgrenzen nicht hinaus.
  • Atrophe Narbe: Diese eingesunkene, eingezogene Narbe zeigt sich oft nach Akne oder Windpocken.
  • Instabile Narben: Sie entstehen durch beeinträchtigte Wundheilung oder an Stellen starker Hautspannung oder bei Dehnungsbeanspruchung an Gelenken. Einrisse und immer wiederkehrende Geschwüre sind charakteristisch. Bei langem Bestand erhöht sich das Risiko eines Narbenkarzinoms, einer Sonderform des Hautkrebses. Die Narbe muss chirurgisch entfernt, Haut verpflanzt oder eine Lappenplastik angefertigt werden.
  • Funktionell und kosmetisch störende Narben:  Dazu gehören Narben die quer zu Hautspannungslinien verlaufen und die Funktion der Haut oder von Gelenken beeinträchtigt. Auch kosmetisch störende Narben vor allem im Gesicht und die einen Leidensdruck auslösen, sollen korrigiert werden.  
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Methoden zur Korrektur 

a) Nichtchirurgisch:

Zu diesen Verfahren zählen zum Beispiel Peelings mit Fruchtsäure bei gering hypertrophen Narben und Injektionen mit Glukokortikoiden und Kältetherapie bei wulstigen und Keloidnarben. Auch die Dermabrasion (Abschleifung) mit dem fraktionierten Laser bei flächig wulstigen Narben gehört dazu. „Relativ jung sind Techniken wie etwa die medizinische Collagen Induktions- Therapie gegen Aknenarben. Dieses Micro Needling kennt man auch aus der Kosmetik zur Faltenbehandlung“, sagt Primar Hintringer.  Hierbei werden mit feinen Nadeln, die sich auf einer Walze befinden, kleine Löcher in die Hautbarriere gestochen. Durch diese wiederholten Mikropunktionen werden multiple kleine Verletzungen gesetzt, die Durchblutung, Regeneration, Zellerneuerung und die Neubildung von Collagen anregen. Die entstehenden Kleinstverletzungen schließen sich innerhalb weniger Minuten wieder. Nach mehreren Behandlungen gleichen sich Narbenstruktur und -höhe der Umgebung an. Die Haut erscheint straffer und frischer. Die Behandlung wird ambulant durchgeführt.

b) Chirurgisch:

Bei der operativen Narbenkorrektur kann man zum Beispiel bei Narbensträngen, die die Funktion von Gelenken wie Ellbogen oder Knie einschränken eine Z-Plastik erstellen. Diese Hautlappenplastik dient der Umverteilung der Hautspannung und Veränderung des Narbenverlaufes, damit eine uneingeschränkte Beweglichkeit wieder ermöglicht wird.

Ist es nach einer Verletzung zu einem großen Narbenareal gekommen, kann die umliegende Haut mit einem Silikonballon, der mit Salzlösung gefüllt und unter die Haut gesetzt wird, gedehnt werden (=Gewebeexpansion). Das Volumen des Ballons wird wöchentlich erhöht. Nach der Entfernung des Expanders kann die gedehnte Haut über das Narbenareal gezogen werden.

Unter einer Serienexzision versteht man, wenn eine großflächige Narbe schrittweise verkleinert wird. Ist bei der Korrektur großflächiger Narben eine Hauttransplantation notwendig, wird häufig die oberste Hautschicht vom Oberschenkel abgetragen und verpflanzt. „Die Wunde am Oberschenkel schaut aus wie ein Schürfwunde, die spurenlos abheilt“, beruhigt der Facharzt.

Liegen etwa bei Verbrennungen Knochen oder Sehnen frei, werden Lappenplastiken angefertigt. Dazu wird durchblutetes Gewebe (mit Faszien und Muskeln) transplantiert.

Die Wundheilung bei chirurgischen Narbenkorrekturen sollte nach etwa zwei Wochen abgeschlossen sein. Die Reifungsphase kann bis zu einem Jahr dauern.

„Auch wenn man heute sehr schonend und mit kleinsten Zugängen arbeiten kann, die narbenfreie Operation  durch die Haut ist nicht möglich. Aber keiner muss heute mehr unschöne Narben als Schicksal annehmen. Wir arbeiten bei Eingriffen häufig interdisziplinär etwa mit Onkologen und Unfallchirurgen zusammen, um ästhetisch das bestmögliche Ergebnis zu erzielen“, sagt Primar Hintringer.

Bei medizinischen Indikationen übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Narbenkorrekturen. Rein ästhetische Korrekturen sind selbst zu bezahlen.


Mag. Christine Radmayr

Juni 2017


Foto: shutterstock


‌ Zuletzt aktualisiert am 20. Juni 2017