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Mann wird von Ohrenarzt Untersucht

Ohrschmalz – Nur bei Problemen entfernen lassen

Finger weg vom Ohrschmalz! Viele Ohrenprobleme entstehen durch den Versuch, sich sein Ohrschmalz aus den Gehörgängen selbst zu entfernen. Eine Entfernung sollte nur beim HNO-Arzt erfolgen und ist nur nötig, wenn man sehr viel davon produziert. 

Ohrschmalz haftet im Bewusstsein vieler Menschen etwas Schmutziges an. Das Vorhandensein von Ohrschmalz hat aber absolut nichts mit (fehlender) Hygiene zu tun. Im Gegenteil, Ohrschmalz hat selbst eine reinigende Funktion. Es wird vom Körper gebildet, damit es den äußeren Gehörgang – das ist der Abschnitt zwischen der Ohrmuschel und dem Trommelfell – reinigt. Das ist nötig, da von außen Schmutz in den Gehörgang gelangen kann. Zudem erneuern sich die Haut (und das Trommelfell) ständig, und die abgestorbenen Partikel sammeln sich im Gehörgang an. Die Reinigung geschieht, indem das von den Ohrschmalzdrüsen abgesonderte Sekret (das „Schmalz“) sich mit den abgestoßenen Hautpartikeln und Staub und Schmutz vermischt und durch die Bewegungen des Unterkiefers in Richtung des Außenohrs geschoben wird. 

Ohrschmalz (Fachausdruck: Cerumen) hat eine weitere wichtige Funktion: Es schützt die Haut des äußeren Gehörgangs und vor allem das empfindliche Trommelfell. Es hält diese Region geschmeidig und verleiht ihm einen Säureschutzmantel, der das Ohr vor Infektionen mit Bakterien schützt. „Dieser natürliche Schutzmechanismus gegen Keime wird durch Überhygiene zerstört. Man sollte also nicht ständig versuchen, seine Ohren sauber zu halten und jegliches Ohrschmalz sofort zu entfernen“, sagt Dr. Andreas Riedler, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf-, Hals- und Gesichtschirurgie in Wels. Findet man Ohrschmalz außen am Ohr, kann man es natürlich einfach mit einem feuchten Tuch wegwischen. Ohrschmalz, das im äußeren Gehörgang tief drinnen liegt, sollte man dagegen nicht versuchen, zu entfernen. 

Finger weg! 

Wieviel Ohrschmalz produziert wird, ist individuell sehr unterschiedlich und genetisch bestimmt. Wer nur wenig oder durchschnittlich viel Ohrschmalz produziert und keine Probleme damit hat, der braucht und soll es sich vom Arzt nicht entfernen lassen. Schon gar nicht sollte man versuchen, sich das Ohrschmalz selbst zu entfernen. Meist entstehen Ohrenprobleme erst dadurch, dass man mit einem Gegenstand (Büroklammer, Schlüssel, Nagelfeile) in das Ohr fährt und herumkratzt. Keinesfalls sollte man versuchen, tiefliegendes Ohrschmalz oder getrocknete Pfropfen mit einem Wattestäbchen oder spitzen Gegenständen herauszuholen. Mit Wattestäbchen erreicht man nur das Gegenteil und schiebt den Pfropfen nur noch tiefer ins Ohr und presst es an das Trommelfell. Dieses ist sehr empfindlich und reagiert mit Schmerzen und lautem Pochen. „Man kann gar nicht oft genug warnen. Finger weg von solchen Versuchen! Mit spitzen Gegenständen wird der Gehörgang oft verletzt und es kommt zu Blutungen“, sagt Dr. Riedler. 

Salbe bei Juckreiz 

Juckt es im Ohr, kann man sich eine Salbe auf einen Finger schmieren und die Salbe sanft einreiben und sich damit gegen den Juckreiz behelfen. Vor allem die Kombination von Ohrschmalz und Wasser kann zu einem lästigen Juckreiz führen. 

Entfernung beim Arzt 

Befindet sich sehr viel Ohrschmalz im Ohr oder löst sich ein Ohrenschmalz-Pfropfen nicht vom Trommelfell und verstopft den Gehörgang, sollte man einen HNO-Arzt aufsuchen.

Tipp: Ein paar Tage vor dem Arztbesuch empfiehlt es sich, das vorhandene Ohrschmalz aufzuweichen, falls dieses sehr hart ist. Dafür eignen sich Ohrenöl, Olivenöl oder Ohrentropfen. 

Es gibt mehrere Methoden, wie man Ohrschmalz entfernen kann: 

Ohrspülungen: Das Ohr wird mit Wasserdruck ausgespült. Diese Methode eignet sich gut bei weichem Ohrschmalz.

Absaugen: Der Schmalzpfropfen wird mit einem dünnen Metallröhrchen aus dem Gehörgang angesaugt und entfernt. Ebenfalls gut geeignet bei weichem Ohrschmalz.

Häkchen: Ein Pfropfen kann auch mit einem Häkchen aus dem Gehörgang gezogen werden. 

Ohne Notwendigkeit keine Ohrschmalz-Entfernung 

Nur wenn man sehr viel Ohrschmalz produziert, sollte man es regelmäßig (ein- bis zweimal pro Jahr) entfernen lassen. „Viele Menschen haben nur sehr wenig und müssen sich das Ohrschmalz nie oder sehr selten entfernen lassen, andere wiederum haben das alle paar Monate nötig, um keine Probleme zu bekommen. Manche kommen sogar in sehr kurzen Intervallen, wie zum Beispiel einmal im Monat, zu mir“, sagt Dr. Riedler.

Ob man zu den Menschen mit viel Ohrschmalz zählt, merkt ein jeder selbst, da das Ohr mit der Zeit immer mehr verstopft wird, es zu jucken beginnt und man versucht ist, dieses störende Gefühl mit dem Finger oder anderen Werkzeugen zu entfernen. Oft fährt man dann unbewusst mit einem Finger ins Ohr, holt einen Teil der Masse heraus und drängt dabei einen anderen Teil gegen das Trommelfell, wodurch die Probleme oft erst richtig beginnen, da das Ohr „zumacht“; ein Vorgang, der oft von unangenehmen Innengeräuschen, Pochen und teilweisem Hörverlust begleitet ist. 

Kinder 

Bei Kindern muss Ohrschmalz öfter entfernt werden, weil die Gehörgänge noch nicht voll ausgebildet und daher sehr eng sind. So sammelt sich Ohrschmalz schnell an und verstopft den Gehörgang rasch. Dieses Problem verschwindet in der Regel, wenn die Kinder älter werden. Bei manchen Menschen bleibt freilich ein enger Gehörgang bestehen. Sie neigen dann auch als Erwachsene zu Ohrenproblemen und sollten sich regelmäßig ihr Ohrschmalz entfernen lassen. 

Der Entfernungsvorgang von Ohrschmalz beim Arzt bereitet Erwachsenen kaum Probleme. Anders sieht es zum Teil bei Kindern aus. Denn manche Kinder haben Probleme mit der Spülung, sie wollen kein Wasser im Ohr spüren. Anderen ist wiederum das Absaugen zu laut. Um den Entfernungsvorgang so rasch und leicht wie möglich zu gestalten, sollten Eltern vor dem Arztbesuch das Ohrschmalz der Kinder in den zu reinigenden Ohren mit Öl aufweichen. 

Ohren vor Wasser schützen 

Menschen, die häufig unter Ohrenentzündungen leiden, oder die sehr viel Ohrschmalz produzieren, sollten vor der sommerlichen Badesaison ihr Ohrschmalz entfernen lassen. Denn die Kombination von viel Ohrschmalz und keimbelastetem Wasser führt häufig zu Problemen, vor allem zu Entzündungen (sogenannte Badeotitis). Ist viel Ohrschmalz vorhanden, können sich Keime einnisten und zu Problemen führen. „Personen, die häufig solche Probleme haben, empfiehlt sich das Tragen von individuell angepassten Ohrstöpseln, die den Gehörgang gut abdichten. Zudem sollte man nach dem Baden die Ohren trocknen, zum Beispiel mit einem Föhn. Auch Tauchertropfen können die Ohren vor unliebsamen Entzündungen schützen“, sagt Dr. Riedler. 

Keine übertriebene Hygiene 

Generell kann und soll man seine Ohrmuschel gelegentlich mit Wasser reinigen, dagegen ist nichts einzuwenden. „Keinesfalls sollte man aber ständig und immer wieder versuchen, seine Gehörgänge zu reinigen. Dadurch trocknen sie aus und es besteht die Gefahr, dass ein Gehörgangekzem entsteht. Manche Patienten benützen jeden Tag Wattestäbchen, das sollte man aber keinesfalls tun. Bei der Ohrenreinigung ist weniger mehr“, sagt Dr. Riedler.

 

Dr. Thomas Hartl

Juni 2017


Bild: shutterstock


‌ Zuletzt aktualisiert am 12. Juni 2017