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Frau beim Stricken

Alles selbst

Ob Stricken, Basteln, Kochen oder Heimwerken – vieles wird heute selber gemacht. Do it yourself – ein Trend, der selten mit der Notwendigkeit zu tun hat, aus Spargründen selbst Hand anzulegen. DIY, so die Kurzform, ist manchen sogar zur Lebenseinstellung geworden. Und mitunter ein lukrativer Geschäftszweig.

Ich kann gar nicht mehr aufhören“, sagt Birgit aus Salzburg, „aber mir macht das Schneidern und Stricken so viel Spaß.“ Seit Stunden schon sitzt die Mittvierzigerin und gelernte Kindergärtnerin in ihrem „Arbeitszimmer“, die Nähmaschine rattert unermüdlich und unter ihren geschickten Händen entstehen sogenannte Utensilo, Aufbewahrungstäschchen aus dickem Stoff. Zehn Stück hat sie schon produziert, jedes einzelne ein Unikat. Sie wird sie verschenken, sagt sie, oder auch selber behalten. Mal schauen. Bis jetzt haben ihre selbstproduzierten Dingebei Freundinnen Begeisterung hervorgerufen. Das animiert.

Schauplatzwechsel: In einer Wiener Wohnung treffen sich Karin, Stephi und Anna regelmäßig zum Stricken. Die drei „Stricklieseln“ tauschen – durchaus auch bei einem Glas Wein – ihre Erfahrungen über Wolle, Anleitungen und das Leben aus, machen gelegentlich auch gerne beim „Urban Knitting“ mit, dem kollektiven Umstricken von Dingen im öffentlichen Raum, etwa Bäumen oder Laternen, und wenn es ein DIY-Treffen gibt, sind sie dabei.

Schauplatzwechsel: Herbert schaut sich zum x-ten Mal ein Video auf You - Tube an, wo jemand erklärt, wie er die Waschmaschine repariert. Er führt Schritt für Schritt die Anleitung aus und kann bald stolz auf das Ergebnis sein.

Drei Beispiele von tausenden und abertausenden: Rund um den Erdball ist do it yourself in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Do it yourself hat es eigentlich immer schon gegeben. Was ich selber kann, dafür brauche ich keine Fachkraft“, so Prof. Mag. Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien. Es wurde gerade in der Zeit des Wiederaufbaus selbst tapeziert, gestrichen, gebastelt und gebaut. Oma strickte Pullover und Socken oder nähte aus Bettlaken Blusen oder Geschirrtücher. Wer auch noch kreativ war, zweckentfremdete bestehende Materialien und erschuf sich daraus besondere Möbel. DIY war nicht unbedingt ein Hobby, sondern eine Notwendigkeit, Recycling und Upcycling waren gelebte Praxis, noch bevor diese Begriffe in unsere Köpfe wanderten. Zellmann: „Die ersten Baumärkte entstanden in den 70er und 80er Jahren als Reaktion auf den Heimwerkertrend.“ Die ersten Zeitschriften veröffentlichten zeitgleich Anleitungen zum Selbermachen. Es zeichnete sich ab, dass sich DIY zum Wirtschaftsfaktor entwickeln würde.

Dabei betrachten viele DIY sogar als Lebenseinstellung, als politisches Statement gegen Massen - und Konsumkultur. Die Hippies der 60er Jahre sind die Prototypen: Mit selbstgenähten und - gefärbten Kleidern und dem selbstangebauten Obst und Gemüse konnten sie ihre Unabhängigkeit leben. Auch die Punkbewegung nutzte das Selbermachen und vor allem das Upcyceln als Protest gegen das Establishment. Als hervorstechendstes „Ding“ sei die Sicherheitsnadel erwähnt – allerdings eher im Ohr als am Stoff.

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Präsentieren

Mittlerweile ist es chic, etwas selbst zu machen, die Managerin häkelt in ihrer Freizeit genauso, wie der Universitätsprofessor Zeit und Geld in selbstgezogene Kräuter investiert, die er zu ausgefallenen Gerichten verarbeitet. Der Trend zum Selbermachen kommt auch dem Trend der Menschen zugute, sich zu präsentieren. Im Internet trifft sich die DIY-Community zum Staunen und Bestauntwerden. „Wenn ich nach drei Stunden Arbeit ein Werk in meinen Händen habe, dann kommt Freude auf und diese will geteilt werden. Wenn ich mein Produkt dann im Internet präsentiere oder gar verkaufe, dann sage ich damit, dass ich es kann, dass ich es beherrsche“, analysiert Experte Zellmann. Aus DIY-Bastlern im stillen Kämmerlein werden mitunter Geschäftsleute, die ihre selbstgemachten Seidenmalereien, getöpferten Türschilder oder geritzten Tagebücher anbieten. Die Deutschen Claudia Helming und Michael Pütz haben den Zeitgeist erkannt und den ersten DIY-Online-Shop DaWanda gegründet. Die Zahlen der ersten zehn Jahre sind beachtlich: 360.000 Hersteller bieten ihre selbstgemachten Waren an, insgesamt 5,9 Millionen Produkte werden auf der Plattform angeboten, jede Minute wird eine Tasche verkauft, alle 20 Sekunden ein Schmuckstück. Das lockt. Die einen und die anderen. Dass mit dem DIY-Trend die Herstellungskosten oft höher sind als bei einem industriell gefertigten Teil, nehmen die Produzenten gerne in Kauf. Man ist längst weg vom Spar-Gedanken. Individualität und Selbstbestimmung gepaart mit dem Erfolgserlebnis, dass man das, was man mit den Händen erschaffen hat, sogar verkaufen kann, lässt die Herzen höherschlagen.

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DIY-Anleitungen

Die, die nicht ein Produkt verkaufen, aber dennoch zeigen wollen, was sie Kreatives gemacht haben – ob Mütze oder Gericht –, nutzen die digitale Auslage, um ihre Tipps an Mann und Frau zu bringen: DIY-Blogs und -Anleitungen finden sich zu fast allen Fragen. Die Bloggerinnen und Blogger lassen uns teilhaben an ihrem Scheitern, helfen, es besser zu machen, und garnieren das mit wunderschönen Fotos. Ihr Applaus sind Follower und Klicks, manches lässt sich auch vermarkten, Hypes sind nicht ausgeschlossen. Auch über YouTube verbreiten viele gerne Schritt für Schritt, wie sie zum Endergebnis gekommen sind. Die Frage „Wie mache ich …?“ bleibt so gut wie nie unbeantwortet. Auf jede Bewegung folgt üblicherweise eine Gegenbewegung, auch wenn diese beim DIY noch nicht in Sicht ist. Tatsache ist: Was als do it yourself, als selbstbestimmtes Vergnügen in der freien Zeit, begonnen hat, kann schnell in ein fremdbestimmtes, weil profitorientiertes DIY umschlagen. Das sollte man sich rechtzeitig bewusst machen.

 

Mag. Lisa Ahammer

August 2017


Bild: shutterstock; privat

 

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Kommentar


Alles_selbst_Kommentarbild_Peter_Zellmann_150x150.png „Die Forschung zeigt, dass sich 75 Prozent der Österreicher im Job nicht verwirklichen können. DIY ist eine Möglichkeit, etwas Kreatives zu schaffen.“

Prof. Mag. Peter Zellmann

Institut für Freizeitforschung, Wien

‌ Zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2017