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Schneekanonen besprüht Skipiste

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Kunstschnee lässt sich heute relativ umweltschonend erzeugen, doch bis zum flächendeckenden Einsatz ökologischer Alternativen wird noch viel Zeit vergehen.

Das Wirkungsprinzip einer Schneekanone ist einfach: Sinken die Temperaturen unter null Grad, sprüht sie mit hohem Luftdruck fein zerstäubtes Wasser in die kalte Luft, das als kleine, gefrorene Tröpfchen am Boden landet. Wenn man es genau nimmt, erzeugen Schneekanonen also keinen Schnee in Form von Eiskristallen, sondern kleine, kompakte Eiskügelchen.

Auf den Pisten wird dieser Schnee-Ersatz dringend gebraucht. Naturschnee wird immer mehr zur Mangelware, wie der Wärme-Winter 2015/2016 eindrucksvoll bewies. Sobald es die klimatischen Bedingungen erlauben – generell bei Temperaturen unter null Grad, idealerweise unter minus fünf Grad – wird daher aus allen Rohren geschossen. Rund 30.000 Schneekanonen und Schneelanzen gibt es mittlerweile in ganz Österreich. Sie beschneien etwa 17.000 der insgesamt rund 25.000 Hektar an planierten Pisten, erklärt der Klima- und Wintertourismus - Forscher DI Dr. Meinhard Breiling von der Technischen Universität Wien. Viele Liftbetreiber setzen Kunstschnee zunehmend nicht nur bei Steilhängen und Kanten, sondern möglichst auf allen Pisten ein.

Diese immer intensivere Beschneiung hat Folgen für die Umwelt. Naturschutzorganisationen beklagen die Belastung der alpinen Flora und Fauna durch schweres Gerät, das Aufreißen der Grasnarbe für Kabelstränge und Wasserreservoirs sowie das Ersticken und Absterben zahlreicher Pflanzenarten durch die dichten, luftarmen Kunstschneepisten. Schneekanonen sind aber vor allem „Wasser- und Energiefresser“ und sorgen für beträchtliche CO2-Emissionen.

Für alle diese Probleme haben die großen Hersteller von Beschneiungsanlagen noch keine wirtschaftlich und ökologisch tragfähigen Lösungen: „Die Schneekanonen wurden, seit sie vor über 20 Jahren auf den Markt gekommen sind, zwar perfektioniert, sie haben sich aber prinzipiell nicht geändert. Sowohl die aktuellen Nieder- als auch Hochdrucksystemen (Schneekanonen, Schnei-Lanzen) arbeiten nach dem Prinzip, unterkühltes Wasser unter Beigabe von Nukleationskeimen in der kalten Umgebungsluft gefrieren zu lassen“, weiß Dr. Meinhard Breiling.

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Aus der Wolkenkammer

Aus ökologischer Sicht keine Alternative sind umstrittene Beschneiungszusätze bei der Kunstschnee-Erzeugung. Das Wasser wird dabei durch die Beimischung von Mikroorganismen bei höheren Temperaturen sogar über dem natürlichen Gefrierpunkt zu Eis. Der Einsatz ist in Österreich wie in den meisten EU-Ländern verboten. Den in einer fast subtropischen Umgebung stattfindenden Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi hingegen bescherte das Bakterienprotein die nötige Schneepracht.

Ganz andere Wege bei der künstlichen Beschneiung geht DI Michael Bacher, Geschäftsführer der österreichischen Firma Neuschnee GmbH. Sein Traum ist die umweltschonende Herstellung von weichem Naturschnee aus Wasserdampf in einer sogenannten Wolkenkammer. Entwickelt wurde das System unter Federführung von Michael Bacher und Meinhard Breiling an Universitätsinstituten der Boku und der TU Wien. Die Vorrichtung erinnert an einen Ballon, ist drei Meter hoch und hat einen Umfang von 2,5 Metern. In ihr werden die meteorologischen Bedingungen einer natürlichen Wolke nachgebildet. Ein Ventilator zerstäubt mit wenig Energieeinsatz das in diese Kammer gespritzte Wasser. Dieses wird nicht wie bei herkömmlichen Schneekanonen einfach weggeblasen, sondern trifft in der Wolkenkammer auf feine Eiskristalle. Auf diesen wachsen dann freischwebend mehrarmige Schneekristalle wie bei natürlichem Pulverschnee. Die Wasserverluste für die Schneeproduktion werden minimiert. Die Verweilzeit in der Wolkenkammer bestimmt die Dichte und die Qualität des Schnees. Während herkömmliche Schneekanonen pro Kubikmeter Wasser etwa zwei Kubikmeter dichten Kunstschnee (für entsprechend harte Kunstschneepisten) erzeugen, soll die Wolkenkammer künftig mit der gleichen Wassermenge bis zu 15 Kubikmeter luftigen Pulverschnee schaffen.

Die Anlage ist allerdings noch nicht als Serienprodukt am Markt. Derzeit wird sie laut Projektbetreiber Michael Bacher wie schon im vergangenen Winter im Tiroler Skigebiet Obergurgl/Hochgurgl im Praxisbetrieb getestet. Eine großflächige Anwendung der Wolkenkammer werde noch ein paar Jahre auf sich warten lassen, so Bachers Einschätzung. Auch dann werden herkömmliche Schneekanonen weiter ihren Dienst verrichten. Konventionelle Beschneiung schafft die Basisunterlage, auf der der weiche Schnee der Wolkenkammer aufgebracht wird. Die Kosten für den Schnee aus der „künstlichen Wolke“ sollen ähnlich hoch sein wie bei der Erzeugung mittels Schneekanonen.

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Snowfarming

Naturschnee aus der Wolkenkammer ist aber nicht das einzige Projekt, mit dem der Mensch Frau Holle Konkurrenz macht. Es gibt viele weitere Ansätze wie etwa das „Snowfarming“ – das Übersommern von Schnee in Schneedepots, das Skifahren auf Kunststoffmatten oder die Kühlung des Pistenbodens mit Kühlschläuchen, was das Wegschmelzen des Schnees verzögert. Doch noch seien derartige Alternativen, die herkömmliche Schneekanonen ersetzen könnten, teurer als diese und daher für die meisten Liftbetreiber nicht interessant, erklärt Dr. Breiling. Nur spezielle Einsätze rechnen sich bereits heute. Dazu gehören der Schutz von Gletscherflächen durch besondere Textilien oder das Abkühlen der obersten Bodenschicht, um die Fundamente bei Bauten aus Schnee länger gefroren zu halten. Vermutlich wird die Zukunft des Wintertourismus eine Bündelung verschiedenster Strategien zur Kunstschnee-Erzeugung nötig machen. DI Bacher ist jedenfalls zuversichtlich, dass Wintersportler auch noch in 50 Jahren Spaß beim Skifahren haben werden: „Je konkreter die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren sind, desto ernsthafter werden auch die Lösungen dafür gesucht“, ist der „Schneemacher“ überzeugt.

 

Dr. Regina Sailer

Jänner 2018


Bild: shutterstock; privat


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Kommentar

Kommentarbild DI Dr. Meinhard Breiling „Die künstliche Beschneiung wird schwieriger und teurer werden. Ökologisch verträglichere Alternativen sind ein vorrangiges Ziel und eine spezielle Herausforderung.“

DI Dr. Meinhard Breiling

Technik - Tourismus - Landschaft, TU Wien

‌ Zuletzt aktualisiert am 04. Januar 2018