DRUCKEN
Frau steht bei einer Besprechung

Gläserne Decke

Der Anteil von Frauen in Führungspositionen steigt, aber weibliche Chefs sind nach wie vor keine Selbstverständlichkeit – denn Frauen stoßen häufig noch immer an die vielzitierte „gläserne Decke“. 

Frauen werde immer wieder suggeriert, dass sie in der Familie gebraucht werden oder dass sie nicht die Härte haben, sich an vorderster Front durchzusetzen, erklärt Univ.-Prof. MMag. Dr. Jutta Menschik-Bendele, Psychologin, Psychotherapeutin und als Vizerektorin selbst viele Jahre Führungskraft an der Universität Klagenfurt. Und Frauen seien einem „subtilen männlichen Chauvinismus ausgesetzt. Etwa, wenn Männer sagen, dass sie Frauen sehr schätzen und Posten auch gern weiblich besetzen würden, aber es leider nicht genügend Geeignete gebe. Was natürlich nicht stimmt“, sagt sie.

Auch seien bestimmte Eigenschaften in der öffentlichen Meinung bei Männern oft positiv, bei Frauen hingegen negativ besetzt. Sei ein Mann tüchtig, gelte eine Frau als verbissen. Was bei Männern als Ehrgeiz gilt, wird bei Frauen als Karrieresucht bezeichnet, nennt Jutta Menschik-Bendele Beispiele.

Diese Einstellung gibt es leider auch bei Frauen und sie bringen weiblichen Vorgesetzten nicht immer Loyalität und Unterstützung entgegen, bedauert sie. Denn Frauen sehen in weiblichen Vorgesetzten häufig eine stärkere Konkurrenz als in Männern und sind in diesem Zusammenhang auch gegen Neidgefühle nicht gefeit, weiß sie aus Erfahrung. 

up

Effektivere Arbeit 

„Frauen haben auch meist nicht gelernt, sich in den Mittelpunkt zu stellen“, meint Menschik-Bendele und sieht die Ursachen dafür in der frühesten Erziehung. „Buben erfahren, dass sie gut sind. Mädchen hören, dass sie schön sind.“ Dadurch werden Verhaltensmuster geprägt. Sie coacht immer wieder Frauen im Vorfeld von Bewerbungen und hilft ihnen, sich den Raum zu nehmen, auf sich aufmerksam zu machen, in die Konfrontation zu gehen, dabei aber authentisch zu bleiben.

Denn die Art, wie Frauen kommunizieren, dringe in einer von Männern dominierten Welt oft nicht durch, weiß Menschik-Bendele. „Sie sprechen sanfter, beziehen mehr Menschen ein, werben um breite Zustimmung, während Männer sich auf ,das Leittier‘ konzentrieren.“

Doch gerade jene Eigenschaften und Verhaltensmuster – mehrere Aspekte, Ebenen und Personen zu berücksichtigen –, die ihnen als Nachteil ausgelegt werden, erweisen sich in der Praxis als Führungsstärke und machen ihre Arbeit effektiver. Das belegen zahlreiche Studien: Unternehmen, die von gemischten Teams geführt werden, sind erfolgreicher und rutschen seltener in die Pleite.

Es fällt auch auf, dass Frauen dann gerufen werden, wenn der Karren im Dreck steckt. Beispiel Island: Nach der Bankenpleite wurden wesentliche Positionen mit Frauen besetzt, die das Land innerhalb weniger Jahre wieder auf Erfolgskurs führten. In der Katerstimmung nach dem Brexit-Votum in Großbritannien gab’s plötzlich keinen Mann mehr, der sich ernsthaft dafür interessierte, die Verantwortung zu übernehmen. Jutta Menschik-Bendele: „Frauen sind gewohnt zu reparieren, was Männer zerstört haben, und gehen auch Arbeiten an, die nicht so attraktiv sind.“

 

Monika Unegg

September 2017


Bild: mauritius images; privat


 

up

Kommentar

Gläserne Decke Kommentarbild Univ.-Prof. MMag. Dr. Jutta Menschik-Bendele „Weiblicher Führungsstil wird oft als Schwäche ausgelegt, ist in Wirklichkeit aber effektiver als gemeinhin unterstellt.“

Univ.-Prof. MMag. Dr. Jutta Menschik-Bendele

Emeritierte Vizerektorin, Uni Klagenfurt

‌ Zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2017