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Kleiner Junge mit Brille liegt in Buchstaben

Sprachentwicklung – Störungen bei Kindern und Jugendlichen

Sprache zu verstehen und sich auszudrücken ist grundlegende Voraussetzung, um in der Schule und später im Beruf bestehen zu können. Entwickeln sich diese Fähigkeiten bei kleinen Kindern nur mangelhaft, helfen Logopädie und Sprachförderung in Kindergarten, Schule und Familie, den Spracherwerb sowie Leseverständnis und Kommunikation mit anderen zu erleichtern. 

Sprachentwicklungsstörungen liegen vor, wenn Kinder Schwierigkeiten haben, sich auszudrücken oder Informationen richtig zu verstehen. Bei einer Sprachentwicklungsstörung verläuft die sprachliche Verarbeitung im Gehirn mangelhaft. „Diese Störung zeigt sich familiär gehäuft, hat also eine stark genetische Komponente. Sieben Prozent der Vorschulkinder haben eine solche Störung“, sagt Priv.-Doz. Dr. Daniel Holzinger, Leiter des Zentrums für Kommunikation und Sprache im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz. 

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Sprach- und Sprechstörungen 

Die Sprachentwicklungsstörung zählt zur Kategorie der Sprachstörungen. Man unterscheidet Sprachstörungen von Sprechstörungen (Sprechfehler). Sprechstörungen beziehen sich auf eine mangelhafte Aussprache, also auf die Unfähigkeit, Sprachlaute korrekt und fließend wiederzugeben. Während eine Sprechstörung sofort erkannt wird, ist das bei Sprachstörungen oft längere Zeit nicht der Fall. Leidet jemand an einer Sprachstörung, so können Sprechfehler zwar vorliegen, müssen es aber nicht. 

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Merkmale 

Eine Sprachentwicklungsstörung kann sich durch folgende Merkmale (meist liegen einige, aber nicht alle vor) äußern:

  • Kommunikationsprobleme: Das Kind kann sich schlecht mitteilen, es versteht oft nicht, was ein anderer meint, es braucht oft länger als andere, um zu verstehen, worüber gesprochen wird und hat Probleme, ein flüssiges Gespräch zu gestalten
  • Schwierigkeiten im Verstehen eines Textes, über 50 Prozent der Betroffenen haben ein mangelhaftes Leseverständnis
  • Geringer Wortschatz
  • Probleme mit der Grammatik, das Kind verwendet kurze und einfache Sätze
  • Schwierigkeiten in zielgerichtetem, mehrschrittigem Denken
  • Man versteht Anordnungen und Aufgabenstellungen nicht, falsch oder langsam
  • Sprechfehler – zum Beispiel werden Laute nicht richtig gebildet  
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Soziale Entwicklung 

Die gesamte soziale Entwicklung kann von einer Sprachentwicklungsstörung beeinträchtigt werden, da Betroffene Schwierigkeiten in den Interaktionen mit anderen Menschen haben. Sie können sich weniger in das Gegenüber hineinversetzen.

Früher ging man davon aus, dass Sprachentwicklungsstörungen separat auftreten. In letzter Zeit kommt man immer mehr zur Erkenntnis, dass Probleme mit der Sprache oft auch mit anderen Entwicklungsdimensionen verbunden sind. Betroffene tun sich oft in verschiedenen sozialen Bereichen schwer, mitunter wirken sie impulsiv und/oder unaufmerksam. 

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Schwierigkeiten in der Schule 

Eine solche Störung belastet die Kinder und Jugendlichen und führt zu Problemen im sozialen und schulischen Bereich. Betroffene empfinden sich selbst oft als dumm. Ihr Deutsch (lesen, schreiben) ist schlecht und auch andere Fächer bereiten ihnen Probleme, da sie sprachliche Aufgabenstellungen (etwa Textaufgaben in Mathematik) nicht verstehen. Generell geht ihnen vieles zu schnell. Die vorhandenen Defizite lassen sich nicht dauerhaft verstecken, sondern sind oft so ausgeprägt, dass sie früher oder später auffällig werden. „Bei Testungen zeigt sich, dass Kinder mit Sprachstörungen durchaus intelligent sind und dass lediglich das mangelnde Sprachverständnis oder der sprachliche Ausdruck Schwierigkeiten bereitet. Häufig haben diese Kinder in anderen Bereichen ihre Stärken“, so Holzinger.

Auch für Lehrer sind solche Kinder eine Herausforderung. Häufig fallen Pädagogen die Besonderheiten dieser Kinder in der Sprachverarbeitung nicht auf und sie werden als unbegabt oder desinteressiert eingeschätzt. „Neben der Schriftsprache ist auch die Teilnahme an einer Gruppendiskussion für so ein Kind oft kaum möglich“, sagt der Klinische Linguist. 

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Eltern können helfen 

Um seinem Kind zu helfen, sollten sich Eltern immer wieder die Schwierigkeiten, die ihr Kind mit dem Verständnis von Sprach hat, vergegenwärtigen. Auch Eltern müssen sich angesichts schlechter Noten immer wieder klarmachen, dass ihre Kinder nicht dumm sind. „Darum ist eine eindeutige Diagnose für das Kind sehr wichtig, sonst wird man dem Kind nicht gerecht“, so Holzinger. Eine Diagnose hilft dem Kind, ihm sollte seine besondere Veranlagung auch unbedingt erklärt werden.

Hilfreich ist es, wenn Eltern

  • mit ihren Kindern viel lesen, Gelesenes besprechen und Sprache spielerisch üben,
  • ihren Kindern viel Zeit im Gespräch lassen und dieses nicht selbst dominieren,
  • im Beisein des Kindes „laut denken“, das Denken also versprachlichen,
  • über ihre Gefühle und die des Kindes sprechen und diese dem Kind bewusstmachen.

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Diagnose 

Ab einem Alter von zirka zwei Jahren lässt sich eine Sprachentwicklungsstörung diagnostizieren. Meist beobachten Eltern, dass das kleine Kind sehr ruhig ist, kaum plaudert oder vermeintlich schlecht hört. Ein Hinweis ist auch, wenn das Kind im Alter von zwei Jahren noch weniger als 50 Wörter spricht und noch keine Wörter zu ersten Zweiwortsätzen verbindet. „Wenn man solche Beobachtungen macht, sollte man dies mit dem Kinderarzt besprechen, denn die Sorgen stellen sich oft als berechtigt heraus“, sagt Holzinger. Freilich liegt häufig auch gar keine Störung vor, es gibt auch Kinder, die zeitverzögert zu sprechen beginnen, die diesen Rückstand später aber aufholen.

Eine Diagnose ist auch wichtig, um andere Störungen oder Erkrankungen auszuschließen (z.B. Autismus oder eine allgemeine Entwicklungsverzögerung oder Hörproblematik). 

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Therapie 

In der Logopädie lernen Kinder, ihre individuellen sprachlichen Fähigkeiten auszubauen. Zudem wird versucht, Kinder die Freude am Kommunizieren und am Lesen spielerisch zu vermitteln.

Holzinger über die Notwenigkeit einer Therapie: „Ohne Leseverständnis, das auf dem Verstehen gesprochener Sprache aufbaut, ist ein erfolgreicher Schulabschluss nicht möglich. Zudem besteht die Gefahr, zum Außenseiter zu werden. Wenn man zum Beispiel in der Pause am Schulhof nicht an den Unterhaltungen der anderen mitmachen kann, weil man zum Beispiel einen Witz zu spät versteht, dann ist man schnell ausgesperrt aus den Gruppen. Dann zieht man sich zurück und der ohnehin schon angeschlagene Selbstwert sinkt noch weiter.“

Eine logopädische Behandlung sollte also möglichst früh einsetzen. Unterbleibt sie, besteht die Gefahr, dass die Symptome der Sprachentwicklungsstörungen dauerhaft bestehen bleiben und das Kind/der Jugendliche in eine soziale Negativspirale gerät. Leistungsprobleme in der Schule können zum Schulabbruch und später zu gering qualifizierter Arbeit führen. Auch als Erwachsener kann man in diesen Fällen weiterhin an einem eingeschränkten Sprachverständnis leiden. Wurde bei betroffenen Kindern eine Therapie versäumt, ist diese auch bei älteren Kindern und Jugendlichen noch möglich, die Therapieangebote und Therapieerfolge sind allerdings für Kinder, die sich im vorschulischen Bereich befinden, größer.

 

Dr. Thomas Hartl

April 2017


Bild: shutterstock




‌ Zuletzt aktualisiert am 21. April 2017