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Agoraphobie – Platzangst erkennen und überwinden

Platzangst ist die Angst, in bestimmten Situationen keinen Fluchtweg oder Helfer zu haben. Kurz gesagt: Es ist die Angst, in der Falle zu sitzen. Ihr Wesen ist ständige Vermeidung von gefürchteten Orten und Situationen. Mittels Konfrontation lässt sich die Angst überwinden. 

Vier Prozent der Bevölkerung Deutschlands hat in den letzten zwölf Monaten zumindest einmal an Agoraphobie (Platzangst) gelitten. „Diese hohe Zahl dürfte auch für Österreich gelten“, sagt Dr. Hans Morschitzky, Psychotherapeut und Angstspezialist in Linz. 

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Das Wesen der Platzangst 

Als Agoraphobie bezeichnet man die starke und anhaltende Furcht vor oder die Vermeidung von mindestens zwei der folgenden Situationen:

  • Menschenmassen
  • Öffentliche Plätze
  • Alleine Reisen
  • Reisen, vor allem mit weiter Entfernung von Zuhause

Müssen Betroffene ihre gewohnte und daher subjektiv sichere Umgebung verlassen, werden sie unruhig. Platzangstpatienten fürchten sich zudem dann besonders, wenn sie auf sich alleine gestellt sind. Sind vertraute Personen nicht anwesend und gibt es auch keine Fluchtmöglichkeit, dann taucht das panikartige, zentrale Gefühl auf: „Ich sitze in der Falle.“

Bei Platzangst besteht eine starke emotionale Belastung durch die Symptome der Angst oder durch das Vermeidungsverhalten. Die Betroffenen wissen zwar, dass ihre Reaktionen übertrieben oder unvernünftig sind, diese Einsicht nützt ihnen aber nichts. 

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Symptome 

Mögliche Angst-Symptome sind: Erhöhte Herzfrequenz, Schweißausbrüche, Zittern, Atembeschwerden, Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust, Übelkeit, Schwindel, Benommenheit, Gefühl, die Umwelt erscheint unwirklich (Derealisation), Gefühl, als stünde man neben sich selbst (Depersonalisation), Angst vor Kontrollverlust, Angst zu sterben (wegen der heftigen körperlichen Symptome).

Die Symptome treten auf, wenn man sich den gefürchteten Situationen nähert oder bloß an sie denkt.  

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Beispiele und Abgrenzung 

Agoraphobie bezieht sich auf viele verschiedene Orte und Situationen, vor denen man sich fürchtet. Darin unterscheidet sie sich von einer spezifischen Phobie, wie z.B. der Flugangst oder vor der Angst, Lift zu fahren, bei der man sich ausschließlich vor dieser einen Situation fürchtet.

Typische Beispiele einer Platzangst:

  • Öffentliche Plätze überqueren, Veranstaltungen besuchen, in einem Stau stehen, durch einen langen Tunnel fahren, durch einen See schwimmen, einen Berg besteigen
  • Reisen; vor allem Fernreisen oder Reise in unbekannte Gebiete
  • Fahren mit dem Bus oder Zug, fliegen, Fahrten auf Autobahnen
  • Aufenthalte in Geschäften, Theater, Stadion, Wartezimmer bei Ärzten, Gaststätten, Schlange stehen vor einer Kassa, bei Behörden, vor Skiliften, Arbeit in einem Großraumbüro, Besuch des Elternsprechtags, Teilnahme an einer großen Feier
  • Aufenthalt in engen geschlossenen Räumen (wird umgangssprachlich oft Klaustrophobie genannt) Lift, Keller, Dachboden

 

Um von einer Platzangst zu sprechen, dürfen die Beschwerden nicht durch eine andere psychische Störung oder eine körperliche Erkrankung verursacht sein. 

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Vermeiden vergrößert die Angst 

Betroffene reagieren auf ihre Ängste in aller Regel mit Vermeidung. Manche spüren ihre Ängste gar nicht mehr, weil sie ihr Leben so ausgerichtet haben, dass sie allen angstmachenden Situationen vorsorglich aus dem Weg gehen. Diese Vermeidungshaltung kann Betroffene in die soziale Isolation treiben, wenn sie nicht gegensteuern.

Angst lebt von Vermeidung und bei Platzangst trifft das ganz besonders zu. Vermeidet man gefürchtete Situationen, bietet sich niemals die Möglichkeit, auch positive Erfahrungen zu machen, nämlich, dass man die Situation auch meistern kann. „Vermeiden macht alles schlimmer. Je mehr man Situationen meidet, desto größer werden die Ängste. Eine gewisse Angst ist ja durchaus menschlich, wird sie aber dem Leben hinderlich, sollte man trachten, sie zu überwinden“, sagt Morschitzky.

Für manche Betroffene ist es ein absoluter Alptraum, wenn sie wissen, dass sie in einigen Tagen z.B. eine Feierlichkeit besuchen „müssen“. Ihre Erwartungsängste können sehr dominant werden und verschiedenste körperliche Beschwerden auslösen. Unbewusst oder bewusst werden Betroffene alles tun, um dem Ereignis zu entgehen. Diese negative Erfahrung wird gespeichert und verschärft das Problem für die Zukunft noch mehr. 

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Angst vor Kontrollverlust 

Man sollte sich fragen: Was fürchte ich eigentlich so sehr? Morschitzky: „Betroffene meinen meist, sie fürchten den Lift, das Fliegen oder ähnliches, doch, wenn man seiner Angst gründlich auf den Zahn fühlt, dann erkennt man, dass sich die Angst meist um einen möglichen Kontrollverlust dreht. Man fürchtet, die Kontrolle über den eigenen Körper und seine Funktionsfähigkeit zu verlieren. Man fürchtet, die Situation nicht mehr im Griff zu haben und wildfremden Menschen ausgeliefert zu sein.“

Man fürchtet zum Beispiel, ohnmächtig zu werden, keine Luft zu bekommen, einen Herzinfarkt zu erleiden, oder dass einem der Schwindel zu Boden gehen lässt. So etwas in der Öffentlichkeit zu erleben, ist die schlimmste Angst. 

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Sich der Angst stellen 

Mit Agoraphobie muss man sich nicht abfinden, die damit verbundenen Ängste können durchaus überwunden werden. Betroffene müssen aktiv werden, sie müssen sich den Ängsten aussetzen, die sie so fürchten. „Das tun, wovor man sich fürchtet, ist der Weg heraus aus der Angst-Spirale. Das hört sich schlimmer an, als es dann letztendlich ist“, sagt Morschitzky. Im Sinne einer solchen Konfrontationstherapie lässt sich der Betroffene absichtlich auf jene Orte und Situationen ein, die er eigentlich unbedingt vermeiden will.

Man sollte sich der Angst schrittweise stellen. Man kann trainieren, mit dem eigenen Körper und dessen Symptomen in solchen Situationen umzugehen, indem man sich behutsam der „Gefahr“ nähert. Man beginnt mit eher leichten „Mutproben“, erzielt erste Erfolge und steigert sich langsam.

Morschitzky: „Kurz gesagt: Man kann nicht alles im Griff haben. Will man etwas tun, aber fürchtet man sich davor, dann gibt es nur eines: Es trotzdem tun. Trotz Angst handeln. Nicht so sehr gegen Angst und Furcht kämpfen, sondern vielmehr für ein Leben mit mehr Aktionsradius als bisher. In leichteren Fällen kann das alleine gelingen, in schweren Fällen kann eine Psychotherapie hilfreich sein.“ 

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Motivation ist alles 

Ob man seine Angst überwinden kann, entscheidet auch das Ziel, das man erreichen möchte. Ist das Ziel verlockend genug, bedeutet das eine große Motivation. Die Frage, die dahintersteht: Was habe ich davon, dass ich trotz meiner Angst handle?

Kann man sich nicht überwinden zu handeln, sollte man sich fragen, wie es mit dem Motiv tatsächlich aussieht. „Kann zum Beispiel jemand seinen Beruf nicht mehr ausüben, weil er nicht mehr auf der Autobahn fahren kann, gilt es zu hinterfragen, ob er diesen Job auch wirklich noch ausüben will oder in Wahrheit nicht ganz etwas anderes machen will. Kann man kein Flugzeug besteigen, soll man sich fragen, ob man in Wahrheit vielleicht gar nicht verreisen will und die Flugangst als Vorwand sucht, nicht weg zu müssen“, sagt der Therapeut.

 

Dr. Thomas Hartl

März 2017


Foto: shutterstock



‌ Zuletzt aktualisiert am 13. März 2017