DRUCKEN
Mann hält Hand auf die Stirn

Kopf in Not

Rund 250 Arten von Kopfweh unterscheidet die Internationale Kopfschmerzgesellschaft IHS. Dumpfer Druck, helles Brennen, Stechen, Pochen, Hämmern, Bohren – je genauer die Pein vom Patienten beschrieben und vom Arzt zugeordnet wird, umso größer ist die Chance auf Schmerzfreiheit oder zumindest Linderung. Wer aber unbedacht und zu häufig zur Schmerztablette greift, kann einen Teufelskreis in Gang setzen. Die kritische Menge ist erreicht, wenn man über einen längeren Zeitraum jeden dritten Tag oder öfter Schmerzmittel nimmt. Dann droht ein Gewöhnungseffekt. Der Körper reagiert dann auf das Ausbleiben des Schmerzmittels mit Entzugserscheinungen sprich Kopfschmerzen. 

Grundsätzlich sind Kopfschmerzen in zwei Gruppen zu trennen, nämlich in primäre und sekundäre Kopfschmerzen. Letztere sind Symptom einer Vielzahl von Erkrankungen und Störungen, etwa von Gefäßerkrankungen wie Schlaganfall, Gehirnblutung oder Entzündungen, Schäden der Halswirbelsäule, Blutdruckkrisen, Gehirnerschütterung und anderen Kopfverletzungen. Augenleiden wie das Glaukom, Infektionen wie Schnupfen, Grippe, Gehirnhautentzündung, Nasennebenhöhlenkatarrhe oder Ohrenerkrankungen und – glücklicherweise selten – Gehirntumore sind Auslöser für Kopfweh. Ein Brummschädel – etwa vor der Regelblutung, als Nebenwirkung von Medikamenten, Schlafmangel, Alkohol und Rauchen, Flüssigkeitsmangel, Fasten oder als Folge von Lebensmittelunverträglichkeiten, wegen Zahn- und Kieferfehlstellungen oder schlecht korrigierter Fehlsichtigkeit – wird ebenfalls dem sekundären Kopfschmerz zugerechnet. Im Gegensatz dazu ist der primäre Kopfschmerz in seinen zahlreichen Varianten ein eigenständiges Leiden und deutlich häufiger. Nicht selten liegt eine familiäre Veranlagung zugrunde. Wahrscheinlich sind 90 Prozent aller Kopfwehpatienten von solcherlei Schmerzen heimgesucht, wie etwa Migräne, Spannungskopfschmerz, dem Cluster-Kopfschmerz und anderen selbständig auftretenden Schmerzen unter der Schädeldecke.

Die meisten Kopfweh-Episoden sind harmlos, beruhigt Univ.-Prof. Dr. Gerhard Ransmayr, Vorstand der Klinik für Neurologie 2 am Kepler Universitätsklinikum Linz. Tritt Kopfschmerz jedoch erstmalig auf beziehungsweise intensiver oder häufiger als sonst, dann gilt er als Alarm -signal, das vorsichtshalber sofort ärztlich abgeklärt werden soll. Wiederkehrende ungeklärte Kopfschmerzen sind immer ein guter Grund, zum Arzt zu gehen. Eine genaue Diagnose mit sorgfältiger Erhebung der Krankengeschichte ist Voraussetzung für eine erfolgversprechende Therapie. Je präziser der Patient sein Beschwerdebild beschreibt, umso besser kann der Arzt nach der Ursache forschen. „Man muss sehr gut zuhören, wie sich dieser Schmerz entwickelt, ob er einmalig auftritt oder wiederholt, ob es vergleichbare Muster gibt und welche Begleitphänomene damit einhergehen. Damit allein gelingt fast immer die richtige Diagnose“, berichtet der Linzer Neurologe. Zudem wird der Patient auf neurologische Auffälligkeiten untersucht, ob etwa Nacken-steifigkeit, Schluckbeschwerden oder Empfindungsstörungen vorliegen. Bei Verdacht auf Gefäßerkrankungen sind auch Laboruntersuchungen wichtig und auch radiologische Diagnose-Techniken wie Computer- und Magnetresonanztomografie werden bei Bedarf herangezogen. 

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Spannungskopfschmerz 

Am häufigsten tritt der sogenannte Spannungskopfschmerz auf: ein Schmerz, der häufig vom Genick aus nach vorn ausstrahlt, vielfach aber auch nur an der Stirn empfunden wird, oft beidseitig auftritt, aber auch einseitig sein kann. Stundenlang kann der drückende, pochende, oft auch brennende Schmerz den Betroffenen in die Zange nehmen. Ursache sind Verspannungen der Schulter-Hals-Nacken- und Schädelmuskulatur, die über Botenstoffe störende Nervenreize ins Gehirn senden. Wahrscheinlich nimmt der Schmerz von sogenannten Triggerpunkten aus seinen Lauf, die in die Nackenmuskulatur eingebettet sind. Regelmäßiges gezieltes Massieren dieser empfindlichen Stellen kann Erleichterung bringen, sanfte Halswirbelgymnastik, Entspannungsübungen wie Yoga und leichte körperliche Aktivität wie ein ausgedehnter Spaziergang bringen oft Verbesserung. Spannungskopfschmerz ist auch Ausdruck von Erschöpfung und Überforderung, wenn einem Probleme buchstäblich im Nacken sitzen. „Wenn möglich eine Auszeit nehmen, mehr in uns hineinhören, das ist ganz wichtig, unterstützt mit spezifischen Medikamenten“, rät Professor Ransmayr. 

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Frau greift sich mit den Fingern zwischen die Augen

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Gewitter im Gehirn

Bei der Migräne ist ein Großteil der vermutlich vielen verschiedenen auslösenden Faktoren noch weitgehend ungeklärt. „Man weiß aber, dass ein Ungleichgewicht von Botenstoffen und Überträgersystemen eine Rolle spielt, das die elektrischen Gehirnströme verändert“, erklärt der Nervenfacharzt. Als „Gewitter im Gehirn“ wird die Migräne deshalb bezeichnet. Die sich langsam ausbreitende „Gewitterfront“ resultiert in einer Verkrampfung und schließlich in einer Weitstellung von Gefäßen an den Hirnhäuten. Gleichzeitig werden Entzündungsreaktionen angekurbelt. Nicht wenige Betroffene halten bestimmte Getränke, Alkoholika, Früchte und Nahrungszusätze für die Übeltäter. Unter anderem stehen reifer Käse, Rotwein, Zimt und Geschmacksverstärker im Verdacht. Regelmäßige Kaffeetrinker können bei plötzlicher Kaffeeabstinenz durchaus einen Migräneanfall erleiden. Für eine Wetterfühligkeit oder den Einfluss des Mondes gibt es keine wissenschaftlich gesicherten Belege – auch wenn manche Kopfwehpatienten davon überzeugt sind. Ein Kopfwehtagebuch kann übrigens ein sehr informatives Protokoll über das „Kopfwehmuster“ sein. 

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Kopfweh-Tagebuch 

Fragen für das Kopfweh-Tagebuch:

❍ Wo sitzt der Schmerz?

❍ Wie fühlt er sich an?

❍ Wie lange dauert er?

❍ Welche Beschwerden begleiten ihn?

❍ Was verstärkt den Schmerz?

❍ Was hilft?

 

Typisch an der Migräne ist der meist einseitig betonte, pochende Schmerz, der sich bei körperlicher Anstrengung verstärkt. Gerüche werden als unangenehm empfunden, jede Belastung als zu viel – ein Migränepatient hat im akuten Anfall ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Stille, Ruhe und Dunkelheit. Recht häufig stellen sich Verdauungsstörungen, Übelkeit oder gar Erbrechen ein, Gefühlsstörungen, schlimmstenfalls sogar größere neurologische Ausfälle bis zur Lähmung.

Etwa jeder fünfte Migränepatient erlebt Stunden vor der Kopfwehattacke eine sogenannte Aura. Diese meist etwa 30 Minuten anhaltende Wahrnehmungsstörung mit Sehunschärfe enthält meist bogenförmige, glitzernde, im Gesichtsfeld wandernde Trugbilder, selten kommt es zu einem vorübergehenden halbseitigen Sehverlust. Eine solche „komplizierte“, also mit einer visuellen Aura verbundene Migräne birgt übrigens, besonders bei bestehenden Gefäßrisikofaktoren oder -erkrankungen, ein mehrfach erhöhtes Schlaganfallrisiko. Eine weitere Sonderform ist die vertiginöse (lat. Vertigo = Schwindel) Migräne, die mit dramatischem Schwindel einhergeht. Migräne kann auch im Verbund mit Spannungskopfschmerz auftreten – ein verschärfter Leidensdruck.

Im Verlauf des Migräneanfalls erleben die Patienten Reizbarkeit, Nervosität bis zum katastrophalen Stimmungseinbruch und eine Störung des Allgemeinbefindens bis zur Arbeitsunfähigkeit. Die Migräne mag in der Belletristik als Ausflucht zart besaiteter Damen der feinen Gesellschaft beschrieben sein. In Wahrheit sind es nicht nur sensible Naturen, sondern auch durchaus robuste und widerstandsfähige Menschen, die sehr unter der zermürbenden Migräne leiden. Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer. Nicht allen Migränepatienten gelingt es, durch regelmäßigen Sport, Stressabbau und einen allgemein ausgeglicheneren Lebensstil die Migräneattacken zumindest zu reduzieren. 

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Botox-Injektionen 

Depression und Migräne scheinen verwandt zu sein. Zur Migränebehandlung werden unter anderem Triptane eingesetzt. Diese Wirkstoffgruppe wirkt gefäßverengend, entzündungs-hemmend, sie stimuliert im Gehirn die Andockstellen für den „Glücksbotenstoff“ Serotonin und wirkt so schmerzhemmend. Nicht jeder Patient spricht auf jedes dieser Präparate gleich gut an, so dass sich das Ausprobieren mehrerer Varianten empfiehlt. Modernere Nachfolger dieser Triptane haben ihre Marktreife noch nicht erlangt. Weiters werden zur Vorbeugung Antiepileptika eingesetzt, aber auch Kalziumantagonisten und Betablocker, also gängige Blutdrucksenker, sowie bei einem Anfall herkömmliche Schmerzmittel. Bei chronischer Migräne wird in Einzelfällen Botulinumtoxin (Botox) in die Kopfhaut injiziert, dessen Wirkung wochenlang anhält. Neurophysiologische Techniken als Wahrnehmungs- und Bewegungstraining versuchen ebenfalls, eine Schmerzlinderung zu erreichen.

Ist der Kopfschmerz überhaupt nicht oder nur mit extremen Nebenwirkungen zu bändigen, ist die transkutane Vagusnervstimulation vielleicht eine Lösung. Das batterie-betriebene Gerät wird unter die Haut an der Brust, die dazugehörigen Elektroden am Vagusnerv auf der linken Halsseite implantiert. Über den Vagusnerv gelangen so Reizströme ins Gehirn, die das elektrische Chaos ordnen und den Schmerz stillen sollen.

Dauerhaft heilbar ist die Migräne derzeit noch nicht. Es gilt vor allem, in der vorbeugenden Therapie erreichbare Ziele gemeinsam abzustecken, um möglichst viel an uneingeschränkter Lebensqualität zu gewinnen, betont Primar Dr. Ransmayr. 

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Suicide headache 

Im Englischen auch als „Suicide headache“ (Selbstmordkopfschmerz) bezeichnet, ist der vernichtende Cluster-Kopfschmerz meist immer nur auf die gleiche Seite beschränkt. Er tritt gebündelt (engl. Cluster = Bündel) über Tage bis Wochen bis zu mehrmals täglich auf, oft sogar zur gleichen Tageszeit, was auf einen Einfluss des Wach-Schlaf-Rhythmus hindeutet. Eine rinnende Nase, ein tränendes, vielleicht auch gerötetes Auge auf der betroffenen Gesichtsseite sind typische Begleitsymptome, die Patienten spüren ein heftiges Verlangen nach frischer Luft. Den intensiven Schmerzzuständen folgen monatelange beschwerdefreie Intervalle. Die Mechanismen des Cluster-Kopfschmerzes sind noch weitgehend ungeklärt, es dürften aber auch hier Entzündungsreaktionen mitspielen. Männer sind eher betroffen als Frauen. Rauchen und Alkohol scheinen Wegbereiter zu sein. Auch beim Cluster-Kopfschmerz werden wie bei der Migräne Kalziumantagonisten und Triptane eingesetzt, aber auch Cortison sowie hochdosierter Sauerstoff, der direkt an den Gehirngefäßwänden wirkt. „Immer wieder kommen Menschen mit unerträglichen Cluster-Kopfschmerzen in die Notaufnahme. Nach erfolgter Diagnose und Schulung sind sie imstande, sich daheim mit einem Sauerstoffgerät in der Attacke selber zu behandeln“, so Dr. Gerhard Ransmayr. „Eine allgemein gesunde Lebensweise ist vorbeugend empfehlenswert, aber keine Garantie gegen neuerliche Cluster-Attacken.“

Wie der etappenweise auftretende Cluster-Kopfschmerz zählt auch der weniger heftige, aber ständig präsente halbseitige Hemicrania continua (lat. Hemicrania = Halbschädel) zu den Kopfschmerzarten im Bereich des dreiästigen Hirnnervs Trigeminus, der Auge, Ober- und Unterkiefer versorgt. Das erklärt auch, warum Kiefer- und Zahnprobleme oder auch ein Stirnhöhlenkatarrh intensive Kopfschmerzen hervorrufen können.

Der unbedachte, allzu häufige Griff zur Schmerztablette kann einen Teufelskreis in Gang setzen. Wer ein Drittel bis zur Hälfte des Monats Schmerzmittel nimmt, überschreitet eine kritische Menge. Dann droht ein Gewöhnungseffekt, indem der Körper auf das Ausbleiben des Schmerz-mittels mit Entzugserscheinungen, sprich Kopfschmerzen, reagiert und die Patienten immer mehr Schmerzmittel brauchen.

Kopfschmerz ist schon bei Kindern im Vorschulalter verbreitet und meist ein Spannungskopfschmerz, sollte aber immer ärztlich hinterfragt werden, auch um bei Bedarf Verhaltensänderungen anzuregen und, falls nötig, kindgerechte Medikamente zu verabreichen. Auch drei Viertel aller Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren leiden mehr oder weniger oft an Kopfschmerzen. Zeit- und Leistungsdruck, Reizüberflutung, aber auch Bewegungsmangel können dabei da und dort schuld sein, vermutet Primar Univ.-Prof. Dr. Ransmayr. 

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Brummschädel 

Wie sehr der Schädel brummt nach einer langen Nacht, hängt von Menge und Qualität des alkoholischen Getränkes, den Begleitumständen (Nikotin?) und der persönlichen Veranlagung ab. Alkohol wirkt meist stark entwässernd und verändert dadurch den Elektrolyt-haushalt. Zudem enthalten neben vielen Nahrungsmitteln auch alkoholische Getränke oft reichlich Histamine, also – durchaus natürliche – Stoffe, die überempfindlichen Personen erhebliche Kopfschmerzen bereiten können. Nur Sekunden dauert der durchdringende stechende Schmerz nach dem Genuss eiskalter Getränke oder von Eiscreme – wahrscheinlich ausgehend von einem Kältereiz am Gaumen, der die Blutgefäße verengt. Vielleicht ein körpereigener Schutzmechanismus gegen „Frost im Gehirn“. 

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Eispickel-Kopfschmerz 

Ein stechender Schmerz bei körperlicher Anstrengung, auch Eispickel-Kopfschmerz genannt, ist zwar meist harmlos, aber dennoch häufig Anlass für eine Spitalszuweisung. Selten steckt Bedrohliches dahinter, im Zweifelsfall sollte man aber zunächst Schlimmeres wie zum Beispiel eine Gehirnblutung einkalkulieren und den Patienten genau untersuchen.

Vom Einfließen genetischer Befunde in die Diagnose in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft verspricht sich Univ.-Prof. Dr. Ransmayr mehr Einblick in die Entstehungsmechanismen des Kopfschmerzes und mehr maßgeschneiderte Therapien. Sonden, die direkt in der Tiefe des Gehirns Schmerz stillen sollen, sind derzeit noch im Experimentierstadium und nur bei schwersten Formen eines ansonsten unbehandelbaren Kopfschmerzes angebracht. Im Labor entwickelte Antikörper gegen entzündungs- und kopfschmerzfördernde Eiweißstoffe sind hingegen wohl nicht mehr lange Zukunftsmusik.

 

Klaus Stecher

Februar 2017


Bild: shutterstock; privat


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Kommentar

Kopf in Not Kommentarbild Prim. Univ.Prof. Dr. Gerhard Ransmayr „Bei einem Migräneanfall ist es entscheidend, bei den ersten Anzeichen sofort medikamentös gegenzusteuern. Nur so kann der Anfall abgefangen werden, noch bevor er sich zu einem ausgeprägten Schmerz ausdehnt.“

Prim. Univ.-Prof. Dr. Gerhard Ransmayr

Vorstand Neurologie 2, Kepler Universitätsklinikum, Linz

‌ Zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2017