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Ältere Ehepaar umarmt sich

Neue Ziele

Jeder fünfte Herzinfarktpatient stirbt innerhalb von fünf bis zehn Jahren an den Spätfolgen. Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten ist das aber eine deutlich höhere Überlebensrate dank einem verbesserten Versorgungssystem. 

Nach der Verdachtsdiagnose Herzinfarkt muss der Patient möglichst rasch in einer Spezialabteilung zu einer sogenannten Akutangiografie eintreffen. Noch in den ersten drei Stunden nach dem Ereignis müssen die verschlossenen Herzkranzgefäße wieder eröffnet werden, um die Durchblutung im betroffenen Areal zu sichern. Je früher das gelingt, umso mehr Herzmuskelgewebe ist zu retten – ein entscheidender Faktor für die weitere Lebensqualität.

Die ersten 48 Stunden sind die kritischste und deshalb intensiv überwachte Phase mit dem größten Risiko dramatischer Zwischenfälle, wie etwa bösartigen, lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen. 

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Individuelles Krankheitsbild 

Schonung und nochmals Schonung, das war früher die Taktik unmittelbar nach dem Infarkt. Mehrere Wochen Krankenhaus waren üblich, berichtet der Linzer Kardiologe und ehemalige Vorstand der zweiten Internen Abteilung am Linzer Krankenhaus der Elisabethinen, Univ.-Doz. Dr. Hans Joachim Nesser. Heute bestimmt das individuelle Krankheitsbild die Dauer des Spitalsaufenthalts. Wenn keine schweren Komplikationen vorliegen, steht der Patient bereits am zweiten Tag wieder auf.

Günstigstenfalls hinterlässt ein Herzinfarkt keine organischen Spuren. In der Regel aber bilden sich in den ersten sechs Wochen nach dem Infarkt Narben, die gefährliche Rhythmusstörungen und eine Störung der Pumpleistung des Herzens auslösen können. Ist das wieder eröffnete Gefäß mit einem Stent – also einer Gefäßstütze – versorgt, folgt in der Regel eine einjährige medikamentöse Kombinationstherapie mit sogenannten Plättchenhemmern. Damit wird die Gefahr einer Thrombose oder einer Wiedereinengung des Stents verringert. 

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Cholesterinsenker 

Hinterlässt der Infarkt eine eingeschränkte Herzleistung, braucht der Patient zusätzlich eine Therapie, etwa mit Betablockern und ACE-Hemmern, zur Steigerung der Pumpleistung. Auch die Implantation eines Defibrillators gegen Rhythmusstörungen kann notwendig sein. In manchen Fällen muss störendes Narbengewebe mit einer sogenannten Ablation verödet werden.

Die meisten Herzinfarktpatienten brauchen Cholesterinsenker, vor allem gegen das „schlechte“ LDL. Ein zu niedriger Wert an HDL, dem „guten“ Cholesterin, ist aber ebenso ein Risikofaktor wie ein erhöhter Lipoprotein(a)-Spiegel. Das ist ein noch wenig beachteter Blutwert, der sich maßgeblich auf das Gefäßerkrankungsrisiko auswirkt. Diabetiker sollten ihre Blutzuckerwerte sorgfältig einstellen. 

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Tierische Fette – gestrichen 

Tierische Fette sind Gefäßkiller – und nicht die Einzigen. Noch nie in der Menschheitsgeschichte wurden so viel Zucker, Fett und Salz konsumiert. Fettarme Produkte der Nahrungsmittelindustrie enthalten meist sehr viel Zucker. „Freien Zucker wie etwa Süßspeisen sollte man nach einem Herzinfarkt komplett meiden“, mahnt Univ.-Doz. Dr. Nesser. Übergewicht bis zu einem gesunden Normgewicht abzubauen, gehört ebenfalls zur neuen Lebensgestaltung.

Dass Nikotin tabu ist, versteht sich von selbst. Wein ist im Prinzip erlaubt, aber nur in Maßen. Höhere Mengen können eine eingeschränkte Pumpleistung weiter schädigen. „Leider gibt es einen hohen Prozentsatz von Uneinsichtigen, die zu keiner Lebensstilveränderung zu motivieren sind oder ihre Medikamente nicht korrekt einnehmen“, weiß der erfahrene Kardiologe.

Mann liegt auf der Couch und schläft

Stress abbauen – auch das ist möglich und aus gesundheitlichen Gründen notwendig: Termine nicht zu eng planen, öfter einmal früher nach Hause gehen oder ein verlängertes Wochenende genießen und dabei einfach nicht erreichbar sein. Ein „Powernap“, also 20 Minuten Mittagsschlafpause, wirkt enorm entschleunigend. Entschleunigung ist möglicherweise auch das Zauberwort am Arbeitsplatz. Wenn es gar nicht anders geht, ist auch die Veränderung einer allzu belastenden Berufssituation zu überlegen. Denn es geht ums Überleben.

Eine halbe Stunde Bewegungstraining, idealerweise fünfmal wöchentlich, steigert den Blut- und Sauerstoffzufluss und senkt die Herzfrequenz, was wiederum den Herzmuskel schont.

Ehepaar wandert

Nicht günstig sind Sportarten wie Tennis und Squash, weil sie mit starken Belastungsspitzen einhergehen. Günstig sind hingegen Laufen, Radfahren, Nordic Walking, Schwimmen und ähnlicher Ausdauersport. Leichtes Hanteltraining ohne Pressatmung ist erlaubt, schwere Gewichte nicht. Die Belastbarkeit hängt davon ab, wie sehr das Herz durch die Narbenbildung geschwächt ist. Wichtig ist, das Training langsam ohne überschießenden Ehrgeiz aufzubauen und nie an die Leistungsgrenze zu gehen. Aus dem Alltag zu fallen, das nährt Selbstzweifel und Depressionen. Wenn der Betroffene sich zurückzieht und im Umgang immer schwieriger wird, ist psychologische Hilfe angebracht. Mit ihrer Hilfe lernt auch das Umfeld, neue Lebensmuster einzufordern und unterstützend zu begleiten – ohne durch übertriebene Schonung zu verunsichern. Dass nach dem Herzinfarkt nichts mehr so ist, wie es war, hat aber auch einen positiven Aspekt: Ein neuer Lebensstil ist die Chance auf ein gutes Leben nach dem Infarkt.

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Männer und Frauen 

Risiko und Tragweite von Folgeschäden sind bei Frauen deutlich schwerwiegender als bei Männern. Auch die Symptome werden bei Frauen viel häufiger unterbewertet beziehungsweise überhaupt nicht erkannt.

Im ersten Jahr nach dem Infarkt können gesunde Nachbargefäße im Infarktbereich ein neues Gefäßnetzwerk aufbauen, das die Mangeldurchblutung ausgleicht. Frauen bilden diese neuen Netzwerke weniger leicht als Männer.


Klaus Stecher

Februar 2017


Bilder: shutterstock; mauritius; privat


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Kommentar

Neue Ziele Kommentarbild Prim.emerit.MR Univ.-Doz. Dr. Hans Joachim Nesser „Schlafmangel treibt den Blutdruck hoch und ist schlecht fürs Herz.“

Prim. emerit. MR Univ.-Doz. Dr. Hans Joachim Nesser

Ehemaliger Vorstand 2. Interne, KH der Elisabethinen, Linz

 



 


 


‌ Zuletzt aktualisiert am 09. Februar 2017