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Traktor Pflügt Feld

Dünne Haut der Erde

Er ist unsere Lebensgrundlage und leidet still. Der Boden ist uns etwas so Selbstverständliches, dass wir kaum erkennen, wie gefährdet er ist – mit sehr weit reichenden Folgen. 

Nicht umsonst haben die Vereinten Nationen das vergangene Jahr zum Jahr des Bodens ausgerufen. Damit wollte man Bewusstsein schaffen und auf die vielen Gefahren hinweisen, die dem Boden drohen. So zum Beispiel die Verbauung und Versiegelung – ein Problem, das die fruchtbaren Böden in Österreich so stark bedrängt wie in keinem anderen Land Europas. Täglich wird in Österreich die Fläche von 20 Hektar verbaut, etwa mit Einfamilienhäusern, Straßen und Parkflächen. Der landwirtschaftliche Boden, der damit für immer verloren geht, entspricht etwa der Fläche von 30 Fußballfeldern – täglich. Pro Jahr summiert sich das auf 73 Quadratkilometer, mehr als die Fläche der Stadt Salzburg.

Kurt Weinberger, der Vorstandsdirektorder Österreichischen Hagelversicherung, rechnet in der Wiener Zeitung vor, dass bei ungebremstem Verbauungstempo in 165 Jahren kein Ackergrund mehr übrig ist. Österreich „verbraucht“ pro Jahr rund 0,5 Prozent der Agrarfläche, die Nachbarländer Schweiz und Deutschland kommen nicht einmal auf die Hälfte. Der Hagelversicherer ortet hierzulande einen besonders sorglosen Umgang mit Grund und Boden.

Dass der Europarat bereits vor 40 Jahren eine „Bodencharta“ zum Schutz des Bodens herausbrachte, wurde ebenso ignoriert wie ein Schutzkonzept der Bodenkundlichen Gesellschaft, die vor mehr als zehn Jahren den Bodenverbrauch auf den Zielwert von 2,5 Hektar pro Tag reduzieren wollte – einem Achtel des aktuellen Werts. Dabei wird den Böden die österreichische Kleinteiligkeit zum Verhängnis. Jede der rund 2.300 Gemeinden will den Siedlungsraum mit einem großzügigen Straßennetz erschließen und mit einem üppig dimensionierten Gewerbepark Betriebe anlocken. Eine übergreifende Raumplanung fehlt weitgehend. Auch die finanziellen Anreize wirken in die falsche Richtung: Böden gehören zu den wenigen Gütern, deren Wert steigt, wenn sie zerstört werden. Das gilt vor allem im Umland von größeren Städten. Gerade dort gehen aber meist sehr fruchtbare Böden verloren, weil man sich einst eben eher in fruchtbaren Gebieten angesiedelt hat.

Beim Schutz des Bodens geht es nicht nur darum, die Ernährung zu sichern. Denn die Böden haben viel mehr Aufgaben zu erfüllen. Der Boden ist Lebensgrundlage für Tiere und Pflanzen, für Pilze und Mikroorganismen. Nahezu jedes Leben außerhalb des Wassers ist auf das Medium Boden angewiesen. Der Boden ist deshalb auch das wichtigste Genreservoir der Erde.

Eine ungemein wichtige Funktion des Bodens ist die des Wasserspeichers. In seinem Porensystem kann der Boden ungeheure Mengen Wasser aufnehmen. Je nach Bodenart kann er wie ein Schwamm pro Quadratmeter und bis in eine Tiefe von einem Meter bis zu 100 Liter Regenwasser binden. Wird diese Speicherfunktion eingeschränkt oder fehlt sie ganz, steigt die Gefahr von Überschwemmungen und Vermurungen. Sind die Böden versiegelt, fließt das Wasser bei Starkregen oder bei längeren Niederschlägen rasch in großen Mengen über das Abwassersystem in die Flüsse, wo binnen Kürze Hochwasser entstehen kann. Ein intakter Boden speichert einen Teil des Wassers und gibt ihn in Trockenphasen an Pflanzen ab, die das Wasser verdunsten. Ein anderer Teil des Wassers versickert und wird zu Grundwasser.

Der Boden speichert das Wasser nicht nur, sondern wirkt auch wie ein großer physikalischer und chemischer Filter. Damit wird vor allem das Grundwasser geschützt. Bis zu einem gewissen Grad kann der Boden sogar Schadstoffe abbauen. Sie werden im Porensystem wie in einem Sieb zurückgehalten und in vielen Fällen von den im Boden lebenden Mikroorganismen zerlegt. Da die Böden die Fähigkeit haben, Kohlenstoff zu speichern, wirken sie sogar gegen den Treibhauseffekt. Das in den Böden gelöste organische und anorganische Material macht sie zum reichhaltigen Buffet für Tiere und Pflanzen. Letztere profitieren vor allem davon, dass der Boden Nitrat speichert und so als Nahrung zur Verfügung stellt. 

Ein intakter Boden ist ein höchst komplexer und dynamischer Lebensraum, bei dem schon kleinste Veränderungen zu empfindlichen Störungen führen können. Der Boden ist nicht nur durch Verbauung und Versiegelung bedroht. Auch eine Vielzahl von Schadstoffen setzen ihm zu. Im städtischen Bereich sind die Böden häufig mit Bauschutt und den Hinterlassenschaften von Industrie- und Gewerbebetrieben durchsetzt. Da rächt sich, dass man es vor Jahrzehnten mit der Entsorgung von Schadstoffen nicht so genau genommen und vieles einfach vergraben hat.

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Verdichtung

Aber auch auf dem Land ist nicht alles eitel Wonne. Seit Jahrzehnten werden Düngemittel und Pestizide verwendet, die dem Boden, aber auch dem Grundwassser zusetzen. Monokulturen laugen den Boden aus, auch Überdüngung schadet ihm. Die biologische Landwirtschaft und ihr Konzept der Nachhaltigkeit stecken noch in den Kinderschuhen. Dass auf den Äckern immer größere und schwerere Maschinen eingesetzt werden, führt zur Verdichtung und Funktionseinschränkung des Bodens. Immer häufiger bildet sich unterhalb der Reichweite der Pflugscharen in etwa 30 Zentimeter Tiefe eine kaum durchdringliche Schicht, die sogenannte Pflugsohle.

Wie ernst das Problem ist und wie katastrophal sich die Zerstörung der Böden auswirken kann, zeigt eine aktuelle UN-Studie. Sie geht davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren weltweit 50 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil die zerstörten Böden sie nicht mehr ernähren können.

 

Heinz Macher

Februar 2017


Foto: mauritius

‌ Zuletzt aktualisiert am 15. Februar 2017