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Kinder liegen im Kreis

Mit allen Sinnen

Über die Sinne nehmen wir uns und unsere Umwelt wahr und erschaffen so die Welt in unserem Kopf. Die Sinne bewirken ein komplexes System von Empfindungen und Wahrnehmungen und funktionieren zum Teil schon im Mutterleib recht gut. 

Unsere Sinneszellen nehmen ständig automatisch und unbewusst Reize auf und leiten sie über unterschiedliche Nervensysteme als elektrische Impulse ans Gehirn zur Verarbeitung weiter. Sie werden gewertet und sortiert und je nach ihrer Bedeutung bewusst oder unbewusst abgespeichert. Auf diese Weise baut der Mensch im Laufe seines Lebens ein Lexikon der Empfindungen und Wahrnehmungen auf.

„Diese Sinneserfahrungen sind die Grundvoraussetzung zum Kennenlernen der eigenen Person und der Umwelt“, erklärt Oberärztin Dr. Doris Kuchernig, Fachärztin für Neuropädiatrie am Klinikum Klagenfurt. Man weiß, dass die Entwicklung der Sinne in unterschiedlicher Ausprägung schon vor der Geburt beginnt und die Entwicklung des Menschen essentiell mitprägen kann. Daher ist die Entwicklung der Sinne schon von der pränatalen Phase an essentiell für die Entwicklung des Menschen. So weiß man, dass entsprechende sinnliche Angebote ein Leben lang die Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit fördern, wobei besonders der frühkindliche Einfluss prägend für das gesamte weitere Leben ist. Das betrifft die motorischen und die kognitiven und im Besonderen auch die emotionalen und sozialen Funktionen.

Die Experten unterscheiden zwischen niederen und höheren Sinnen. Zu Ersteren zählt man den Tast- und Berührungssinn, den Gleichgewichtssinn, die Tiefenwahrnehmung inklusive Eigenwahrnehmung und Bewegungsempfinden sowie Riechen und Schmecken. Sie erzeugen Empfindungen, die das körperliche Wohl- und Unwohlsein definieren und von individuellen und kulturellen Gegebenheiten beeinflusst sind. Als Basissinne bilden sie die Grundlage für das Zusammenspiel der Sinnesorgane und sind im Hirnstamm lokalisiert. Sehen und Hören nennt man höhere Sinne. Für sie ist das Großhirn zuständig und sie fallen in die Gruppe der Wahrnehmungen. Sie ermöglichen dem Menschen ein sicheres Leben im Raum sowie das Erkennen von Personen, anderen Lebewesen, von Formen und Farben sowie das Erleben von Klängen. Während die Basissinne bereits vor der Geburt funktionsfähig sind, entwickeln sich die höheren Sinne erst später, wobei die einzelnen Systeme im ersten Lebensjahr noch relativ unverbunden sind. „Die Eindrücke eines Systems werden einzeln verarbeitet, das Miteinander entwickelt sich erst später“, so die Kinderneurologin. Aber erst das Zusammenwirken der einzelnen Sinnessysteme ermögliche die menschliche Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit. 

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Gleichgewicht 

Der erste Sinn, der sich beim Ungeborenen entwickelt, ist der Gleichgewichtssinn. Damit reagiert es auf die Schwerkraft und auf Lageveränderungen. Er stehe in Verbindung mit fast allen Gehirnteilen, daher bedeute die Störung dieses Sinns auch eine Beeinträchtigung vieler anderer Sinnesempfindungen, sagt die Ärztin. Durch die Verbindung zum Muskelapparat übe er auch einen entscheidenden Einfluss auf die Muskelspannung aus und sei dadurch für die Stabilisierung und Aufrichtung des Körpers von Bedeutung.

Bereits im zweiten oder dritten Schwangerschaftsmonat stimuliert das Ungeborene diesen Sinn selbst, indem es Purzelbäume schlägt, und hat ihn im sechsten Monat schon beachtlich entwickelt. Die Forschung auf diesem Gebiet sei relativ jung, erst in den vergangenen 30 bis 40 Jahren habe man sich intensiver damit beschäftigt, erklärt Dr. Doris Kuchernig. Das taktile System, also der Tast- und Berührungssinn, ist beim Neugeborenen am besten ausgereift, denn es ist in dieser Lebensphase essentiell fürs Überleben. Das Baby spürt Kälte oder Hitze und durch Berühren wird der Saugreflex aktiviert. Bereits in der zweiten Schwangerschaftswoche hat es auf Berührungsreize reagiert und sein taktiles System durch Eigenstimulation, wie Daumenlutschen oder Berühren der Nabelschnur, in den folgenden Wochen und Monaten erweitert. 

Die große Bedeutung von Berührungen, die so sehr mit Emotionen vernetzt sind, gerade auch für Neu- und Frühgeborene wurde erst in den vergangenen Jahrzehnten besser erforscht. „Zuwendung schafft emotionale Sicherheit“, erklärt Dr. Kuchernig. Daher setze man auf den Geburtenabteilungen nun auf „Kangarooing“ – dabei wird das Neugeborene unmittelbar nach der Geburt den Eltern auf die nackte Haut gelegt. 

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Die Welt erkunden 

Ist der neue Erdenbürger da, benutzt er zuerst den Tastsinn zur Erkundung seiner Welt und seiner selbst. „Für ein optimales Körperempfinden braucht das Gehirn Informationen über das taktile System“, sagt die Ärztin. Der Mund mit seiner sensiblen Schleimhaut ist jene Region, die diese Reize am stärksten aufnimmt. Daher stecken Babys, sobald sie greifen können – das ist ab dem dritten bis vierten Lebensmonat – alle Gegenstände in den Mund, um deren Form, Oberfläche und Beschaffenheit zu erfassen und in der entsprechenden Gehirnregion abzuspeichern. „Die Eltern sagen dann meist, es bekommt Zähne“, meint die Ärztin. Dieser Erkundungsdrang mit dem Mund kann sogar bis zum Schulalter, wenn auch in deutlich abnehmender Intensität, anhalten.

In enger Verbindung mit dem Gleichgewichtssinn und dem taktilen System steht die Tiefensensibilität, die bei der Geburt nur ansatzweise vorhanden ist. Dabei werden Muskeln und Sehnen stimuliert. Auch hier geht es darum, sich selbst zu spüren. Der Geruchs- und Geschmackssinn sind mit dem Tag der Geburt ebenfalls gut ausgebildet. So erkennt das Baby den Geruch der Mutter und Geschmack der Muttermilch und bevorzugt Süßes, wie man in Versuchen festgestellt hat. Auch der Gehörsinn funktioniert schon im Mutterleib. Ungeborene reagieren auf harmonische, rhythmische Klänge beruhigt und schrecken bei schrillen, lauten Tönen zusammen, wobei es auch zu diesem Zeitpunkt bereits individuelle Bandbreiten gebe, sagt Dr. Kuchernig. Neugeborene erkennen die Stimme der Mutter und der engsten Bezugspersonen. Mit einem Monat können sie bereits zwischen einzelnen Lauten unterscheiden und entwickeln ihr Gehör und damit das Verständnis für das Gehörte stetig weiter. Im Alter von einem Jahr verstehen sie fast alles. Eine störungsfreie Entwicklung des akustischen Systems ist ganz wichtig für den jungen Menschen, denn sie ist die notwendige Voraussetzung für die Entwicklung der Sprache. 

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Den Raum erobern 

Der Sehsinn spielt vor der Geburt eine untergeordnete Rolle, auch wenn er in Ansätzen bereits funktioniert. So haben Versuche gezeigt, dass Ungeborene die Augen wegdrehen, wenn ein heller Lichtstrahl auf den Mutterleib gerichtet wird. Sofort nach der Geburt reagiert das Baby auf Lichtreize und nimmt Bewegungen sowie einfache Formen wahr, kann sich aber nur auf einen Gegenstand konzentrieren. „Es bringt also nichts, wenn sich alle Familienmitglieder gleichzeitig auf das Kind stürzen, das verwirrt es nur“, meint die Ärztin. Das Defizit von Schärfe- und Kontrastsehen verbessert sich bis zum sechsten Lebensmonat.

Durch die Entwicklung des Sehsinns und mit Hilfe des Tastsinns wächst der junge Mensch in den Raum hinein. „Das Kleinkind sieht sich als Mittelpunkt des Raums und bekommt erst mit der Zeit das Gefühl dafür, dass ein und dasselbe Ding in jeder Entfernung gleich groß ist.“ Die Distanzwahrnehmung bildet sich im Laufe der Jahre und ist erst im Alter von zwölf Jahren fertig ausgebildet. Das heißt, ab diesem Zeitpunkt haben Kinder das volle Gesichtsfeld und können Entfernungen und Geschwindigkeiten gut abschätzen und damit Gefahren im Straßenverkehr beurteilen. Das muss bei der Verkehrserziehung im Volksschulalter mitbedacht werden“, meint Dr. Kuchernig. 

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Störungen 

Die Funktion der Sinne kann durch eine Krankheit der Sinnesorgane, eine Verletzung der entsprechenden Hirnregion durch Unfall oder einen Schlaganfall beeinträchtigt werden, aber auch schon von Geburt an gestört sein. Ursachen für solch eine Störung der sensorischen Integration – der Aufnahme, Weiterleitung oder Verarbeitung von Sinnesreizen – beim Baby können Vererbung, Sauerstoffmangel des Gehirns vor, während oder nach der Geburt, Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch oder starker Nikotinkonsum, aber auch Infektionskrankheiten der Mutter während der Schwangerschaft oder Umweltgifte sein.

Deshalb sollten „verhaltensauffällige“ Kinder nicht nur psychiatrisch, sondern auch neurologisch abgeklärt werden, sagt Dr. Kuchernig. So kann bei Kleinkindern mangelnde Lust am Erforschen, Ertasten und an Bewegung oder die Ablehnung von Berührungen auf ein überempfindliches taktiles System schließen lassen. Undeutliche Sprache, eine niedrige Schmerzschwelle und schlechtes Abschätzen von Gefahren könnten der Hinweis auf ein zu wenig ausgeprägtes Tastsystem sein. Mit gezielter Förderung und Ergotherapie kann man dem entgegenwirken.

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Tasten und Fühlen 

Die Haut ist das größte Sinnesorgan des Menschen und hat bei einem Erwachsenen eine Fläche von rund zwei Quadratmetern. In ihr befinden sich hochempfindliche Fühler, die unterschiedliche Reize wie Druck, Temperatur, Schmerz oder Kitzeln identifizieren. Die meisten Sensoren befinden sich auf Händen, Lippen und Zunge. Das Wesentlichste an diesem Sinn ist aber, dass wir unseren eigenen Körper und damit überhaupt unsere Existenz spüren. Dabei markiert die Haut die Grenze zwischen dem Ich und dem Rest der Welt. Mit den anderen Sinnen könnten wir diesen Unterschied nicht zweifelsfrei erfassen. Im Alter lässt die Fühlkraft nach – die Zahl der Rezeptoren in der Haut nimmt ab und die Signale werden im Gehirn schlechter verarbeitet. Einfache Tätigkeiten, wie das Zuknöpfen eines Mantels, können für alte Menschen zur Herausforderung werden. 

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Riechen 

Der Geruchssinn ist der am wenigsten erforschte Sinn des Menschen und kann mehr als eine Billion Gerüche unterscheiden. Im Laufe des Lebens legt der Mensch in seinem Gehirn einen riesigen Speicher an olfaktorischen Eindrücken an. Gerüche sind sehr oft mit Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse und Situationen verbunden. Denn die Nase ist als Einziges der Sinnesorgane mit jenen zwei Hirnzentren verknüpft, die für Emotionen und Erinnerungen zuständig sind – dem limbischen System und dem Hippocampus. Mit etwa 70 Jahren beginnt der Geruchssinn nachzulassen. Experten empfehlen daher ein rechtzeitiges „Riechtraining“, indem man regelmäßig an bestimmten Lebensmitteln mit geschlossenen Augen intensiv schnuppert. 

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Schmecken 

Im Vergleich zum Geruchssinn ist der Geschmackssinn eher simpel ausgestattet. Das Sinnesorgan Zunge unterscheidet über die Geschmacksknospen lediglich die Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig und bitter. Vor einiger Zeit kam eine fünfte Geschmacksrichtung dazu. Die Wissenschaft nannte sie „umami“, das japanische Wort für „köstlich“. Der Geschmack kommt vor allem in Fleisch, Paradeisern oder Käse vor. Schärfe ist eine Schmerzempfindung, die nicht über Geschmacksner ven, sondern die Sensoren des Trigeminusnervs weitergegeben wird. Essen ist eine komplexe Kooperation aller Sinne. Geschmack, Geruch, Aussehen und Konsistenz, sogar das Ambiente spielen eine Rolle, wie eine Speise empfunden wird. Flüchtige Substanzen aus der Mundhöhle geraten dabei durch den Rachentrakt in die Nase, Wissenschaftler bezeichnen es als „retronasales Riechen“. Daher ist auch der Geschmackssinn beeinträchtigt, wenn der Geruchssinn ausfällt. 

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Hören 

Unsichtbare Schwingungen in Form von Schallwellen, die wir zum Teil auch selbst erzeugen, gelangen ständig in unsere Ohren und setzen einen komplexen Prozess in Gang. Im Laufe seines Lebens speichert der Mensch verschiedene akustische Muster in Form von Geräuschen, Tönen und Klängen, um sie unterscheiden und einordnen zu können. Ab der zweiten Lebenshälfte lässt bei den meisten Menschen das Hör vermögen nach, die Reizempfindlichkeit und die Zahl der Sinneszellen im Ohr nehmen ab. So werden immer weniger akustische Signale weitergeleitet. Aber auch junge Leute klagen zunehmend über ein schlechtes Gehör. Kopfhörer mit lauter Musik sorgen dafür, dass Sinneszellen absterben. Wiederholte schwere Entzündungen des Mittelohres können das Gehör ebenfalls schädigen. 

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Sehen

Jede Sekunde nimmt das Auge Milliarden von Lichtsignalen auf, wandelt sie in elektrische Impulse um und schickt Botschaften ans Gehirn. Die Hälfte aller Informationen über die Außenwelt erhalten wir über das Auge. Die Natur hat verschiedene Augenarten hervorgebracht, die den jeweiligen Lebensumständen und der Umgebung, ob an Land, unter der Erde oder im Wasser, angepasst sind. Die brillantesten Bilder aber liefert das Linsenauge, das auch die Menschen und alle Wirbeltiere benutzen. Im Gegensatz zu vielen anderen Säugetieren können Menschen die Farbpalette von Rot über Gelb und Grün bis Blau und Violett unterscheiden. Die „Zapfen“ in der Netzhaut sind dafür zuständig, die „Stäbchen“ ermöglichen das Hell-Dunkel-Sehen.  


Monika Unegg

Februar 2018


Bilder: shutterstock; privat



Mit allen Sinnen Kommentarbild Oberärztin Dr. Doris Kuchernig „Mit Sinneserfahrungen lernen wir uns und unsere Umwelt kennen. Je besser es gelingt, die Umwelt mit allen Sinnen zu erfassen, desto bunter ist sie, desto besser klingt und riecht sie und desto angenehmer fühlt sie sich an.“

Oberärztin Dr. Doris Kuchernig

Fachärztin für Neuropädiatrie am Klinikum Klagenfurt    

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‌ Zuletzt aktualisiert am 09. Februar 2018