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Einbandagierte Beine

Krampfadern: Bye bye Stripping

Die klassische Varizentherapie mittels Stripping bekommt auch in Deutschland mehr und mehr Konkurrenz, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com. Endovenöse Methoden mittels Katheter zielen darauf ab, lediglich erkrankte Venenabschnitte zu verschließen statt wie beim Stripping die komplette Vene zu entfernen. 

In den meisten Fällen ist die Ursache von Krampfadern (Varizen) die unzureichende Funktion der in den Venen gelegenen Venenklappen. Deren Aufgabe besteht darin, den Rückfluss des Blutes zu verhindern, das durch die Muskeltätigkeit der Beine zum Körperstamm gepumpt wird. Sind die großen oberflächlichen Venen betroffen, sprechen Mediziner von einem Krampfaderleiden.

„Obwohl das Stripping hierzulande derzeit noch etwa 80 Prozent der jährlich schätzungsweise 300.000 Varizen-OPs ausmacht, lässt sich durchaus von einem Paradigmenwandel zugunsten der schonenderen endovenösen Therapien sprechen“, sagte Dr. Tobias Hirsch vom Venen Kompetenz-Zentrum Halle (Saale) auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) am 13. Dezember 2016 in Berlin. 

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Effizienz endovenöser Methoden und Stripping vergleichbar 

Zu den kathetergestützten Verfahren zählen besonders die endovenöse Lasertherapie (ELT) und die Radiofrequenzablation (RFA). Beide beruhen auf der Einwirkung von Wärme. Eine weitere Methode ist die Schaumsklerosierung. Sowohl ein Cochrane Review als auch eine dänische Studie kamen zu dem Schluss, dass diese drei Verfahren und das Stripping hinsichtlich ihrer Effizienz als gleichwertig anzusehen sind.

Prinzipielle Unterschiede: „Die sonografisch gesteuerte endovenöse Behandlung zielt darauf ab, nur erkrankte Venenabschnitte zu behandeln und gesunde zu erhalten. Gleichzeitig ist diese Methode für den Patienten wesentlich schonender als das Stripping“, erläuterte Hirsch, so Medscape.

So erfolgen ELT und RFA üblicherweise unter Lokalanästhesie, das Stripping dagegen oft in Vollnarkose. „Beim Stripping ergibt sich aufgrund der Größe des Traumas mit multiplen Schnitten und großen Hämatomen sowie postoperativem Ödem für den Patienten in der Regel eine Arbeitsunfähigkeit von 1 bis 2 Wochen. Bei den endovenösen Methoden ist an der zu behandelnden Stelle nur eine kleine Inzision [Einschnitt] nötig, der Patient geht nach der OP nach Hause und ist am übernächsten Tag wieder arbeitsfähig“, so der Hallenser Angiologe im Gespräch mit Medscape.

Weitere Vorteile der endovenös-thermischen Verfahren seien geringere postoperative Schmerzen und ein geringeres Risiko von Wundinfektionen. Erhaltene gesunde Venenabschnitte könnten für eine später eventuell notwendige Bypass-Versorgung genutzt werden. 

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Diagnostik und Therapie mit Ultraschall kontrolliert 

Zu den Voraussetzungen für eine erfolgreiche endovenöse Varizentherapie zählt Hirsch eine subtile Diagnostik vor der Operation sowie eine akribische Kontrolle während des Eingriffs mittels Duplexsonografie. „Dabei ist es erforderlich, sowohl die Anatomie als auch die Funktion der Venen zu untersuchen, um geschädigte Klappen zu beurteilen und Refluxe genau zuzuordnen.“ Auch tiefer lokalisierte erkrankte Venenabschnitte, die sonst möglicherweise übersehen würden, ließen sich duplexsonografisch darstellen.

Mit der Doppler- oder Duplex-Sonographie kann die Geschwindigkeit des Blutes in den Gefäßen (Arterien und Venen) gemessen werden. Dadurch lassen sich Gefäßverengungen aufdecken. Die Doppler/Duplex-Sonographie ist heute eine Routinemethode in der Diagnostik von Gefäßerkrankungen. Mit ihr ist es möglich die Strömungsrichtung des Blutes, Gefäßeinengungen und Veränderungen der Gefäßwand zu bestimmen. 

Nicht nur die präoperative Diagnostik, sondern die gesamte endovenöse Therapie findet unter Ultraschall-(US-)Sicht statt: „Man stellt die erkrankte Vene unter US dar, platziert den Katheter unter US-Sicht, legt die Tumeszenz-Lokalanästhesie unter US-Sicht und behandelt unter US-Sicht.“ Der Vorteil, dass die Untersuchungen wiederholbar und unmittelbar in der operativen Therapie durchführbar sind, habe dazu geführt, dass die Phlebografie [Gefäßdiagnose mittels Röntgenstrahlen und injiziertem Kontrastmittel] in diesem Indikationsbereich de facto abgelöst worden sei.

Bei der sonografischen Reflux- beziehungsweise Funktionsdiagnostik einer Varikose kommt zur räumlichen Darstellung des Venensystems sozusagen als 4. Dimension die Erfassung der veränderten Blutströmungen hinzu. „In der dynamischen Untersuchung“, so Hirsch, „können neben Messungen der Venenkaliber die venösen Abflüsse simuliert werden. Rückflüsse lassen sich dabei nicht nur topografisch detektieren, sondern auch zeitlich erfassen.“ 

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Tage der Stripping-Methode gezählt 

Seit 2011 in den USA und seit 2013 auch in Großbritannien werden Hirsch zufolge die thermischen Kathetermethoden in den nationalen Leitlinien als Therapie der ersten Wahl empfohlen, in den USA machten sie mittlerweile bis zu 95 Prozent der Varizen-OPs aus.

Deutschland ist noch nicht ganz so weit. Es sei aber zu erwarten, dass die endovenös-thermischen Methoden in einer für 2017 avisierten Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Krampfaderleidens einen höheren Stellenwert erhalten werden.

„Die endovenösen Methoden“, so Hirsch, „ermöglichen Varizen-Behandlungen nicht nur durch Phlebologen, Chirurgen und Gefäßchirurgen, sondern auch durch interventionell tätige Angiologen beziehungsweise speziell ausgebildete Dermatologen, Internisten, Allgemeinmediziner oder Radiologen.“ Er erwartet, dass in den kommenden Jahren die Stripping-Operation auch in Deutschland mehr und mehr von den Kathetermethoden abgelöst werden. Kurse zur Duplexsonografie des Venensystems werden in der BRD u.a. von der Ultraschall-Akademie der DEGUM angeboten. 

Auch in Österreich kommt der Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger zu einer positiven Beurteilung der „endovenöse Lasertherapie (EVLT)“: „EVLT ist eine komplikationsarme, minimal-invasive Technik zur Ausschaltung pathologischer Refluxe in Stammvenen, die langfristig (3 Jahre) mindestens so effektiv ist wie Stripping, aber nicht mit schweren Komplikationen wie tiefe Beinvenenthrombose, Nervenschäden, Wundinfektionen einhergeht.“ Die entsprechende Metastudie stammt aus dem Mai 2011.

 

Der gesamte Artikel wurde am 2. Jänner 2017 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

Jänner 2017


Foto: shutterstock

 

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. Januar 2017