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Ältere Frau sitzt bei Ärztin

Kognitiver Abbau: Es muss nicht immer Alzheimer sein

Demenzsyndrome sind oftmals behandelbar, betonte Dr. Marija Djukic beim Gerontologie und Geriatrie Kongress, der vom 7. Bis 10. September 2016 in Stuttgart stattfand. „Die Demenz vom Alzheimer-Typ ist zwar nach wie vor die häufigste Form, aber auch die anderen Formen sind nicht zu vergessen“, so die Neurologin und Leitende Oberärztin in der Abteilung für Geriatrie am Ev. Krankenhaus Göttingen-Weende und Institut für Neuropathologie der Universitätsmedizin Göttingen. 

Nach eigenen Beobachtungen vermutet sie bei etwa 15 bis 30 Prozent der Patienten eine gefäßbedingte, bei 10 bis 15 Prozent eine Demenz, die den Stirn-Schläfen-Lappen des Gehirns betrifft, ebenfalls bei 10 bis 15 Prozent eine mit Parkinson oder Lewy-Körperchen assoziierte und bei 5 bis 10 Prozent eine sonstige Demenzform. Insbesondere bei der gefäßbedingten Demenz könne es aber Überlappungen und Mischformen mit der Alzheimer-Demenz geben, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com. 

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Behandelbare Demenzen stoppen – heilbar leider nicht 

Neben der bestmöglichen Therapie vaskulärer oder anderer Grunderkrankungen gibt es aber auch noch zahlreiche andere Aspekte zu beachten; viele zusätzliche Faktoren können bei der Verschlechterung des Denkvermögens eine Rolle spielen.

Wie groß letztlich der Anteil der Demenzen ist, die man behandeln könnte, wird in der Literatur sehr unterschiedlich angegeben: Es finden sich Zahlen von 1,5 Prozent bis zu 30 Prozent. Eine etwas ältere Studienanalyse kam zu dem Schluss, dass 9 Prozent der Demenzpatienten behandelbare Erkrankungsursachen haben, wie etwa:


  • Vitaminmangel (meist B12),

  • Depression,

  • Vergiftungen (Medikamente, Schwermetalle, Alkohol),

  • Schilddrüsenunterfunktion oder

  • Normaldruck-Hydrozephalus (NPH – Gehirndruck ist kurzzeitig – besonders nachts – erhöht).


Dazu kommen noch bakterielle oder virale Entzündungen, also Enzephalitiden (Gehirnentzündungen). „Um Enzephalitiden abzuklären, benötigen wir eine Liquoranalyse [Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeits-Analyse]“, betonte Djukic.

Die schlechte Nachricht: Selbst wenn solche (Mit-) Ursachen gefunden und fachgerecht behandelt werden, kann man damit den Erkrankungsverlauf nicht (oder nur selten) zurückdrehen. Früher entdecken und eingreifen ist also besser – wie so oft. 

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Langer Katalog möglicher Ursachen für kognitive Störungen 

Neben den bereits genannten kommen noch weitere Schilddrüsenstörungen und andere Vitaminmangelerkrankungen (B1, B6, Folsäure) als Auslöser für Demenzsyndrome in Frage. „Folsäuremangel ist in unserer Klinik die häufigste behandelbare Ursache, daran sollten wir immer denken“, so die Expertin.

Mögliche Gründe für Denkstörungen sind auch stoffwechselbedingte Enzephalopathien (etwa durch chronische Leber- und Nierenerkrankungen, Hyper- und Hypoglykämien und Sauerstoffmangelzustände) sowie „Blutarmut“, Hyperlipidämien [erhöhte Cholesterin-Konzentration] und Elektrolytverschiebungen (zum Beispiel bei Dialysepatienten).

An Medikamenten, die die Kognition beeinträchtigen können, nannte Djukic vor allem Anticholinergika [eingesetzt etwa bei Morbus Parkinson], Benzodiazepine [Beruhigungsmittel], Thiazide [Harntreiber], Antidepressiva wie SSRI und SRNI, außerdem Steroide, Digoxin [bei Herzinsuffizienz] und das Entwässerungsmittel Furosemid. 

Seltenere Auslöser kognitiver Störungen sind chronische Vergiftungen durch Kohlenmonoxid, Quecksilber, Blei oder Perchlorethylen, eine Polyzythämie [Knochenmarks-Erkrankung, bei der sich die roten Blutkörperchen unkontrolliert vermehren], ein Multiples Myelom [Erkrankung des blutbildenden Systems] und Spätformen der Leukodystrophie [Stoffwechselerkrankung, die die weiße Substanz des Nervensystems angreift]. 

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Wie oft kommt das denn vor? 

In einer eigenen Studie untersuchten Djukic und ihre Kollegen Patienten (überwiegend Frauen), die 2009 aus unterschiedlichen Gründen in ihrer Klinik aufgenommen wurden und bei denen außerdem eine Demenz vermutet wurde. Das mittlere Alter dieser Patienten war 83 Jahre.

Von den untersuchten 160 Patienten hatten 61 ihre Demenzdiagnose in der Göttinger Klinik erhalten und die anderen 99 bereits vor Klinikeinlieferung.

Bei genauerem Hinsehen wurden in dieser Gruppe von 99 Personen immerhin 23 Patienten (23,2 Prozent) gefunden, die (auch) potenziell behandelbare Ursachen der Kognitionsstörung aufwiesen:


  • Bei 9 Patienten (9 Prozent) bestand ein Vitamin-B12-Mangel,

  • 5 Patienten (5 Prozent) litten an chronischem Alkoholismus,

  • 4 Patienten (4 Prozent) zeigten in der Bildgebung Zeichen eines Normaldruck-Hydrozephalus und

  • 5 Patienten (5 Prozent) hatten eine Depression.


Da die Depression aber nicht unbedingt die Ursache der Demenz sein muss, sondern auch deren Folge sein kann, wurde sie von der weiteren Auswertung ausgeschlossen.

Von den 61 Patienten, deren Demenz erst in der Göttinger Klinik festgestellt wurde, zeigten 6 (das entspricht 10 Prozent) einen Vitamin-B12-Mangel. Eine Depression lag bei 8 Patienten (13 Prozent) vor. 5 Patienten (8 Prozent) hatten einen Normaldruck-Hydrozephalus und einer (1,6 Prozent) war alkoholkrank. Insgesamt hatte also sogar jeder Dritte in dieser Gruppe eine behandelbare Demenzursache.

Außerdem wurden in beiden Patientengruppen oftmals Laborwerte außerhalb der Referenzbereiche festgestellt. Besonders auffällig waren Abweichungen des Folsäurespiegels. 

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Einfache Maßnahmen immer beachten – es schadet nicht 

Studien mit dem schlüssigen Nachweis, dass sich Demenzerscheinungen durch das „Abstellen“ behandelbarer Ursachen wenigstens aufhalten lassen, sind bislang selten. So waren in eine prospektive Studie 271 über 70-jährige Personen mit milder kognitiver Beeinträchtigung aufgenommen worden; 187 von ihnen waren mit Hirnscans einverstanden.

Die Hälfte der Patienten erhielt täglich 0,8 mg Folsäure, 0,5 mg Vitamin B12 und 20 mg Vitamin B6. Diese Zusatzbehandlung war mit einem verlangsamten Verlust der Hirnsubstanz verbunden. Djukics Folgerung: „Solche einfachen Substitutionsmaßnahmen sollten wir immer beachten.“ 

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Normaldruck-Hydrozephalus entlasten 

Bei 5 Prozent aller Patienten mit Demenzsyndrom finden sich potenziell behandelbare Ursachen der kognitiven Störung, so die Neurologin – etwa ein Normaldruck-Hydrozephalus. Das Problem: Er tritt in 3 von 4 Fällen gemeinsam mit einer Alzheimer- oder vaskulären Demenz auf (und lässt diese noch ausgeprägter erscheinen als sie ist). So wird er leicht übersehen; 80 Prozent aller NPH-Fälle bleiben laut Djukic unentdeckt. 

Klinisch wegweisend für NPH sei „die klassische Trias aus Demenz, Inkontinenz und Gangstörung“. Sind mindestens 2 dieser 3 Zeichen positiv, sollte laut einem im Deutschen Ärzteblatt erschienenen Diagnose- und Behandlungsleitfaden per Bildgebung nach NPH-Markern gesucht werden. Bestätigt sich hier der Verdacht, kann (nach neuropsychologischer und motorischer Testung) versucht werden, Liquor abzulassen. Das weitere Vorgehen, gegebenenfalls bis hin zur Lumbaldrainage, richtet sich nach dessen Erfolg.

„Der Effekt der Lumbalpunktion auf die NPH-Patienten ist oftmals enorm, und die Verträglichkeit ist heutzutage sehr gut; die Maßnahme kann regelmäßig wiederholt werden“, berichtete Djukic.

 

Der gesamte Artikel wurde am 7. Oktober 2016 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

Jänner 2017


Foto: shutterstock



‌ Zuletzt aktualisiert am 03. Januar 2017