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Mädchen spritzt sich Insulin in den Bauch

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Typ-1-Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Täglich Insulin spritzen, Blutzucker messen und den Kohlenhydratgehalt von Speisen und Getränken berechnen, sind ständiger Lebensbegleiter. Neue Therapieformen erleichtern zwar das Leben, Heranwachsende haben aber im Alltag immer noch mit Hürden zu kämpfen. 

Die Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes mellitus-Typ-1 ist rasant im Steigen. Jedes Jahr erkranken in Österreich rund 300 Kinder und Jugendliche. Die Zahlen haben sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Vor allem Kinder unter fünf Jahren sind immer häufiger betroffen. 

Der Diabetes mellitus Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, bei der die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört werden. Das lebenswichtige Hormon Insulin muss daher von außen zugeführt werden, denn der Körper braucht Insulin zum Überleben. Da man noch nicht weiß, wodurch die Erkrankung ausgelöst wird, ist es auch ein Rätsel, warum immer mehr Kinder daran leiden. 

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Aller Anfang ist schwer 

Wird bei einem Kind Diabetes diagnostiziert, bedeutet das für die Eltern zunächst einen Schock- und Ausnahmezustand. Das Leben des Kindes und der Familie ändert sich durch die Diagnose, alles wird komplizierter und aufwändiger.

Eine Schulung der Eltern und ihres Kindes in einem Diabetes-Zentrum ist unbedingt nötig. Die Erst- und Langzeitbetreuung sollte unbedingt in einem Diabetes-Zentrum (oder einer Diabetes-Ambulanz) erfolgen, wo sich ein multidisziplinäres Team um das Kind und die Eltern kümmert. 

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Insulinpumpe im Vormarsch 

Das mehrmals tägliche Spritzen von Insulin stellt vor allem für Kinder ein Problem dar. Anfangs bekommen sie die Spritzen von den Eltern verabreicht, im Laufe der Zeit lernen sie, das selbst zu machen. „Manche Kinder unter sechs Jahren setzen sich Spritzen unter Anleitung und Aufsicht der Eltern mitunter schon selbst. Meist lernen sie es aber im Volksschulalter. Zug um Zug lernen sie schrittweise immer selbstständiger mit dieser Erkrankung umzugehen“, berichtet Priv.-Doz. Dr. Elke Fröhlich-Reiterer von der Medizinischen Universität Graz. 

Die Verwendung von Insulinpumpen ist stark im Vormarsch. Vor allem bei Kindern unter sechs Jahren wird Insulin fast nur mehr per Insulinpumpe verabreicht. „Kinder brauchen oft nur sehr kleine Insulin-Dosen und die können per Pumpe viel genauer verabreicht werden als durch die Spritze. Und natürlich fällt das lästige Spritzen weg, eine große Erleichterung für Kinder und Eltern“, so Fröhlich-Reiterer.

Insulinpumpen haben die Größe eines Handys und werden direkt am Körper (z.B. in der Hosentasche) getragen. In der Pumpe befindet sich ein Insulinvorrat, der durch einen dünnen Plastikschlauch und eine Stahl- oder Teflonkanüle (Katheter), die im Unterhautfettgewebe platziert ist (meist am Bauch), in den Körper gelangt. Der Katheter wird in der Regel alle zwei bis vier Tage gewechselt. 

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Blutzuckermessen noch blutig 

Kinder müssen mindestens sechsmal pro Tag ihren Blutzucker messen (lassen), meist wird dieser sogar zehn bis zwölfmal gemessen. Dies geschieht einerseits, weil bei kleinen Kindern die Blutzuckerschwankungen oft sehr groß sind, andererseits aus Angst der Eltern vor Unterzuckerung ihrer Kinder. Aus dieser Angst heraus wird der Blutzucker absichtlich eher hochgehalten, es wird also oft weniger Insulin verabreicht, als nötig wäre. 

Für jede einzelne Messung ist nach wie vor ein Tropfen Blut nötig. Das bedeutet anfangs oft eine große Belastung für Kinder und Eltern. Mit der Zeit gewöhnen sich die Kinder aber an die Piekser und ab dem fünften Lebensjahr übernehmen sie die Messungen teilweise schon selbst. Die gute Nachricht ist, dass zurzeit an Systemen gearbeitet wird, die unblutig messen. 

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Ablehnung in der Pubertät 

In der Pubertät weigern sich manche in einer Art Rebellion, den Blutzucker zu messen und sich Insulin zu spritzen. Sie lehnen die Erkrankung ab oder wollen sie nicht wahrhaben. Das betrifft vor allem jene, die die Erkrankung erst relativ spät, also zwischen zehn und zwölf Jahren bekommen haben und sich deshalb sehr gut daran erinnern können, um wie viel leichter das Leben davor abgelaufen ist. 

Da die Erkrankung noch nicht heilbar ist, müssen Betroffene lernen, diese als lebenslang bestehend zu akzeptieren, was in der Pubertät oft schwerfällt. „Es dauert dann oft Jahre, bis man die Erkrankung wieder annehmen kann. Vielen hilft da der Austausch mit Gleichgesinnten, etwa in einem Diabetes-Camp. In so einem Feriencamp sieht man, dass man nicht alleine ist mit seinen Problemen und man kann endlich mit anderen darüber reden“, sagt Fröhlich-Reiterer. 

Der Übergang von der Pubertät hin zum Erwachsenenalter ist insofern ein Problem, weil nun nicht mehr die Kinder- und Jugendärzte zuständig sind und sich die Jugendlichen nun Erwachsenenmedizinern anvertrauen müssen. Die Suche nach neuen Ärzten und die geringere Fürsorge als beim Kinderarzt überfordern in dieser Lebensphase viele Jugendliche. „Manche fallen dann aus dem Betreuungssystem, weil sie in dieser Lebensphase oft mehrere Jahre nicht mehr zum Arzt gehen“, so Fröhlich-Reiterer. 

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Schulungen 

Um mit Diabetes umgehen zu können, ist eine Schulung (Diätschulung, Geräte-Handhabung etc.) unbedingt nötig. Sind kleine Kinder betroffen, werden die Eltern geschult. Je älter die Kinder sind, desto mehr werden sie in die Schulungen miteinbezogen. „Wichtig ist es auch, dass man sich Folgeunterschulungen unterzieht, damit man von den Fortschritten neuer Therapiemöglichkeiten profitieren kann. Altes Wissen wird aufgefrischt und neues Wissen weitergegeben“, sagt Dr. Fröhlich-Reiterer. 

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Kindergarten und Schule 

Auch die Pädagogen in Kindergärten und Schulen können sich schulen lassen, Pflicht dazu besteht freilich keine. Die Lage in Österreich ist nicht einheitlich. Manche Kindergärten und Schulen stehen dem Thema Diabetes offen gegenüber und haben keine Probleme, Kinder mit Diabetes aufzunehmen und zu betreuen. Andere wiederum sind von der Angst der Verantwortung geleitet und fühlen sich überfordert, die Verantwortung für die Kinder während der Betreuungszeit zu übernehmen. Im Endeffekt läuft die momentane Situation darauf hinaus, dass Eltern einen Kindergarten bzw. eine Schule suchen müssen, in der die Betreuungspersonen bereit sind, sich in Bezug auf Diabetes schulen zu lassen. 

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Normalität anstreben 

Die medizinische und soziale Unterstützung betroffener Kinder und Jugendlicher zielt darauf ab, ihnen Normalität zu bieten und zu verhindern, dass jemand als Außenseiter abgestempelt wird. Da immer mehr Kinder betroffen sind, sind sie keine seltene Ausnahme und nicht mehr eine so kleine Gruppe wie in früheren Jahren.

Dr. Fröhlich-Reiterer: „Die Kinder sollten bei allen Aktivitäten von Gleichaltrigen mitmachen dürfen, wie zum Beispiel bei Schul- oder Sportwochen. Vielen betroffenen Kindern gelingt das auch sehr gut. Wie die soziale Umgebung mit solchen Kindern umgeht, ist uneinheitlich. Oft gibt es Ängste, etwas falsch zu machen und dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Geht man auf Lehrer, andere Eltern etc. zu und spricht mit ihnen über den Diabetes des Kindes, dann wird das Kind auch meist offener aufgenommen und die Vorbehalte und Ängste nehmen ab.“

 

Dr. Thomas Hartl

Mai 2016


Foto: shutterstock


‌ Zuletzt aktualisiert am 17. Mai 2016