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Mann macht hinter dem Rücken das Hexenzeichen

Lüge - echt wahr!

Du sollst nicht lügen, heißt es im achten Gebot. Trotzdem lügen wir alle – um uns besser darzustellen, aus Bequemlichkeit oder schlicht aus Höflichkeit. Und es gibt Menschen, die zwanghaft lügen und sich damit eine eigene Welt bauen. Der wissenschaftliche Name dafür: Pseudologia phantastica. 

Die Lüge sei das Schmiermittel jeder Gemeinschaft. Ein internationales Wissenschaftlerteam kommt in einer aktuellen Studie zu dem Schluss, dass Lügen die Menschheit zusammenhält. Das lernen schon die Jüngsten, wie Psychologen aus Harvard im Versuch mit 80 Kindern im Alter zwischen fünf und elf Jahren zeigen konnten. Die Kinder beobachteten dabei eine Frau, die sich vergeblich mühte, Bilder von Tieren und Blumen zu malen. Einmal zeigte sich die Frau traurig, dass sie nicht schöner malen konnte; ein anderes Mal meinte sie, es sei ihr egal, dass die Bilder nicht gelingen. Wenn sich die ungeschickte Malerin zerknirscht zeigte, bekam sie von den Kindern deutlich öfter die gut gemeinte Lüge zu hören: „Ich finde das Bild schön.“ 

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Soziale Lüge

Diese soziale Lüge („Du siehst gar nicht dick aus!“) soll zum Wohl des Belogenen beitragen. Auch die Notlüge dient meist dazu, zwischenmenschliche Komplikationen zu vermeiden: „Da habe ich leider einen privaten Termin.“ Dass wir uns ein wenig günstiger darstellen, ist nicht nur beim Bewerbungsgespräch Standard. Professor Dr. Harald Freyberger, der Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Greifswald: „Das gehört zum normalen menschlichen Verhalten. Kleinere Flunkereien können helfen, die Beziehungen zu anderen Menschen zu stabilisieren.“ 

Von einer gänzlich anderen Dimension ist krankhaftes Lügen. Dabei werden nicht selten ganze Lebensgeschichten neu konstruiert. Die Betroffenen seien in vielen Fällen äußerst phantasiebegabt und kreativ und sozusagen „Romanschriftsteller in eigener Person“, meint der Berliner Psychotherapeut und Pseudologie-Experte Professor Dr. Hans Stoffels. Im Fall von Karl May fanden die Romane sogar reißenden Absatz. Der Schöpfer von Winnetou hat ja beharrlich behauptet, alles Niedergeschriebene selbst erlebt zu haben. 

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Fehlende Selbstliebe

Traurige Berühmtheit erlangte der Schweizer Bruno Dössekker, der unter dem Namen Binjamin Wilkomirski die Lebenserinnerungen als Überlebender des Holocaust veröffentlichte – die sich schließlich als reine Erfindung erwiesen. Zur prominenten Pseudologin brachte es auch die Amerikanerin Tania Head. Sie stellte sich als Opfer der Anschläge auf das World Trade Center in New York dar, die gerade noch aus dem brennenden Büroturm entkommen sei, während ihr Verlobter es nicht mehr geschafft habe. Tania Head gründete sogar eine Selbsthilfegruppe von 9/11-Überlebenden – bis sich ihre Geschichte als frei erfunden entpuppte. 

Pseudologia phantastica sei meist Teil einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, meint Professor Freyberger: „Oft ist das Selbstwertgefühl so gering, dass es der Lügner zwanghaft aufwerten muss.“ Immerhin etwa fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung seien davon betroffen. 

Professor Stoffels: „Pseudologen haben ein enormes Bedürfnis nach Anerkennung und Geltung.“ Und sie glauben, dieses Bedürfnis mit ihrer wahren Person nicht abdecken zu können. Es fehle diesen Menschen schlicht an Selbstliebe, so der Berliner Psychotherapeut. Nur sehr wenige krankhafte Lügner würden professionelle Hilfe suchen. Stoffels: „Da muss der Leidensdruck schon sehr hoch sein.“ Unter anderem auch wegen eines Umstandes, den George Bernard Shaw beschrieb: „Die Strafe des Lügners ist es nicht, dass ihm niemand mehr glaubt, sondern dass er selbst niemandem mehr glauben kann.“

  

Heinz Macher

Jänner 2017

 

Foto: shutterstock 

  

‌ Zuletzt aktualisiert am 05. Januar 2017