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Urban Gardening: Gemüse zwischen Beton

Garten in der Stadt Salatköpfe, die aus alten Autoreifen wachsen. Bohnenstangen, die zwischen kleinen Mauern emporragen. Üppige Tomatenstauden zwischen hohen Häusern. Noch vor einigen Jahren hätte man bei solchen Bildern gedacht, es müsse sich um Fotomontagen handeln. Doch mittlerweile ist das Gemüse in der Stadt Realität. 


Urban Gardening nennt sich ein Trend, der seit einigen Jahren die Städte erobert – urbanes Garteln also. Es erlaubt auch dem Städter ein Beet in seiner Nähe, beschränkt den Anbau von Gemüse (aber auch Obst) nicht nur auf den Garten am Land oder den Schrebergarten in der Stadt. 


Urban Gardening ist zu einer globalen Bewegung geworden, Gärten schießen weltweit wie die sprichwörtlichen Schwammerln aus dem Boden. Mittlerweile gibt es nicht nur in größeren Städten wie Berlin oder Wien, sondern auch in vielen österreichischen Regionen Gemeinschaftsgärten, in denen mitten in der Stadt das Gemüse sprießt. Doch für die Stadt gilt das Gleiche wie auch für Gärten am Land: Es geht auch individuell, man muss sich nicht unbedingt im Kollektiv zusammentun. „Auch der kleinste Topf ist ein Garten“, sagt Dipl.-Ing. Wolfgang Palme, Leiter der Abteilung Gemüsebau an der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau in Schönbrunn. In Österreich gibt es laut Lebensministerium nicht nur zwei Millionen Gärten, sondern auch 1,3 Millionen Balkone und fast eine Million Terrassen. Viele davon sind – noch – nicht begrünt, ebenso wenig wie Innenhöfe von Mehrfamilienhäusern. 

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Soziale Komponente

Es ist natürlich nicht besonders sinnvoll, Gemüse, das unter der Erde seinen Platz braucht, in einen Topf pressen zu wollen. Also eignen sich Karotten und Kartoffeln weniger. „Ein guter Anfang sind ein paar Töpfe mit Kräutern“, sagt Palme. In größere Töpfe passen auch Tomaten oder Salat – Sorten eben, die in die Höhe wachsen. Eigentlich ist Urban Gardening in Österreich, wie auch in anderen westlichen Ländern, ja ein Paradoxon. Es wollen jene Menschen zur Scholle zurück, die überhaupt nicht unter Lebensmittelknappheit leiden. Doch die Produktion von Gemüsebergen ist hier zu Lande ohnehin nicht das Hauptkriterium. „Urban Gardening hat eine stark soziale Komponente, da man Gleichgesinnte trifft. Man ist außerdem an der frischen Luft und bekommt mehr Bezug zum Gemüse“, sagt Palme. Vor allem Stadtkindern kann man dadurch zeigen, dass Erbsen beispielsweise tatsächlich in Schoten wachsen und nicht aus dem Tiefkühlregal im Supermarkt kommen. Oder dass sich Karotten nicht von Bäumen pflücken lassen.  


Doch bei allen positiven Aspekten des Urban Gardening darf man eines nicht vergessen: Die Schadstoffbelastung ist in der Stadt höher als auf dem Land und das hat Auswirkungen auf Obst und Gemüse. Dr. Ina Säumel vom Institut für Ökologie an der Technischen Universität (TU) Berlin hat das Stadtgemüse mit Gemüse aus dem Supermarkt verglichen. „Unsere Ergebnisse waren überraschend deutlich. Gemüse aus innerstädtischen Gärten kann im Vergleich zu Gemüse aus dem Supermarkt ein Vielfaches an Schwermetallen angereichert haben. Teilweise wurden sogar EU-Grenzwerte für Lebensmittel überschritten.“


Dem kann man jedoch auf zweierlei Weise entgegenwirken. Zum einen gilt es beim Standort für das Beet einiges zu beachten (siehe Kasten „Tipps für das Stadtbeet“). „Jeder Meter, den der Stadtgarten von einer stark befahrenen Straße entfernt ist, zählt“, sagt Säumel. Experte Palme weist darauf hin, dass damit durchaus auch die Höhe eines Beetes gemeint sein kann: „Obst und Gemüse aus dem Hochbeet sind auch weiter von der Straße entfernt als jene Früchte, die direkt am Erdboden angebaut werden.“    

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Auch Blumen

Zudem gibt es Sorten, die sich besser für Urban Gardening eignen als andere. So haben Studien gezeigt, dass Blattgemüse, Salate und Kräuter mehr an Schwermetallen akkumulieren, Wurzelgemüse wie Karotten weniger und Hülsenfrüchte wie Erbsen nur moderat. Dennoch rät Säumel nicht generell vom urbanen Gärtnern ab: „Stadtgärten erfüllen verschiedene Funktionen und insgesamt überwiegen die positiven Aspekte.“ Und wer sich nicht ganz sicher ist, ob er den Gemüseanbau zwischen Beton wagen soll, der kann ja auch zu Blumensamen greifen. Denn Stadtgärtner erfreuen sich natürlich auch „nur“ an Blüten.

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Tipps für das Stadtbeet

Paradeiserstaude auf einem Balkon Einfach mal ausprobieren – so lautet die Devise vieler urbaner Gärtner. Ein paar Regeln sollte man jedoch beim Urban Gardening beherzigen, denn in der Stadt gibt es mehr Schadstoffe als auf dem Land. Besonders wichtig: Bevor man beginnt, ein Fleckchen mit Schaufel und Harke zu bearbeiten, sollte man sich erkundigen, was zuvor auf dem Grundstück war. Etwa eine Autowerkstatt oder ein Lackier-Betrieb? Dann sollte man das Gartengerät gar nicht erst auspacken oder auf das Pflanzen im Boden verzichten. Möglich ist es auch, Erde selbst mitzubringen.


Diese sollte für den Gemüseanbau zertifiziert sein und kommt dann eben nicht auf die schon vorhandene Erde, sondern in Kisten, Tonnen, Hochbeete oder auch große Reissäcke, sodass keine Verbindung zum ursprünglichen Boden gegeben ist. Hat der urbane Gärtner ein Plätzchen gefunden, so legt er sein Gärtchen möglichst weit weg von verkehrsreichen Straßen an. Schutz vor Staub und Schadstoffen bieten Mauern oder auch Gebüsch. Experten raten aber davon ab, direkt neben Hausmauern zu garteln, da bleihaltige Anstriche von den Mauern in die Erde gelangt sein könnte. Ist dann eines Tages die Zeit der Ernte gekommen, so gilt für Stadt-Gemüse das Gleiche wie für Gemüse aus dem Markt: vor dem Verzehr unbedingt waschen. 


Birgit Baumann  

September 2014


Foto: shutterstock, privat


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Kommentar

Kommentarbild von Dipl.-Ing. Wolfgang Palme zum Printartikel „Urban Gardening ist eine gute Sache, weil es die Pflanze wieder zu den Menschen bringt. Auch wenn die Schadstoffbelastung in der Stadt höher ist als auf dem Land, spricht nichts gegen Urban Gardening.“
Dipl.-Ing. Wolfgang Palme

Leiter der Abteilung Gemüsebau an der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau Schönbrunn, Wien

‌ Zuletzt aktualisiert am 12. März 2015