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Frau hält Hände auf den Rücken

Fibromyalgie: Alles tut weh

Wenn der ganze Körper weh tut und man nicht weiß, woher die Schmerzen kommen oder wie sie zu vermeiden sind, kann die Ursache „FMS“ sein. Das „Fibromyalgie-Syndrom“ ist ein Muskel- und Bindegewebssyndrom, das mit Schmerzen und anderen Symptomen einhergeht.

Hauptsächliches Merkmal dieser Erkrankung sind vor allem großflächige schmerzende Areale am gesamten Körper mit wechselnder Ausdehnung und Verteilung. Zur Diagnosestellung werden unter anderem so genannte „Tender Points“ herangezogen, die bei Erkrankten eine heftige Schmerzreaktion auslösen. Begleiterscheinungen sind häufig: Schlafstörungen, Abgeschlagenheit, Depressionen, Verdauungsstörungen, Kältegefühl, Kopfschmerz oder Migräne. FMS-Kranke bekommen so gut wie nie Fieber.

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Entstehung noch teilweise unklar

Obwohl die Betroffenen ständig Schmerzen haben, kommt es zu keinen sichtbaren Veränderung an Muskeln oder Sehnen. Die Erkrankung zeigt auch keine signifikanten Veränderungen von Laborwerten. Die Anamnese weist sehr oft vorangegangene, meist virale, Infekte auf.

„Fibromyalgie ist noch immer eine Ausschlussdiagnose und lässt sich  vor allem am klinischen Erscheinungsbild diagnostizieren. Auffallend sind neben den häufig vorangegangene Infekten, bestehende oder sich abzeichnende Überlastungssituationen oder psychische Erkrankungen“, stellt Primar Dr. Peter Pauly vom Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation am Landeskrankenhaus Vöcklabruck fest.

„Es ist heute klar belegbar, dass  Immunsystem und Schmerzgedächtnis eine Schlüsselrolle bei der Entstehung dieser Erkrankung zukommt. Die Auslöser sind multifaktoriell. Biogene Amine, Botenstoffe des Körpers, die bei Entzündungen auftreten, spielen dabei eine zentrale Rolle“, so Pauly weiter. Frauen sind neunmal mehr betroffenen als Männer.

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Diagnose

Diagnostiziert wird die Fibromyalgie zuerst durch Ausschluss einer Reihe von Erkrankung, die gleiche Symptome verursachen können, wie etwa Schilddrüsenerkrankungen, Weichteilrheuma, Infektionserkrankungen, Tumoren, Autoimmunerkrankungen etc. Erst wenn es keine andere schlüssige Erklärung für die klinische Symptome gibt, darf von einer FMS gesprochen werden.

Verschiedene Ursachen können sich negativ auf die Erkrankung auswirken: Stress, Angst oder Ermüdung verstärken die Symptome. Auch auf Kälte, Feuchtigkeit oder Wetterumschwung sowie anhaltend schwere Arbeit reagieren die Patienten sensibel.

Oft ist der Nachtschlaf gestört und das wiederum verschlimmert die körperlichen Zustände.

Bei der Fibromyalgie finden sich keine krankhaften Laborwerte oder Veränderungen im Röntgenbild.

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Auswirkung auf die Psyche

Obwohl sich keine entzündlichen Prozesse im Körper feststellen lassen, äußern sich die Schmerzen ähnlich wie Entzündungen. Gerade weil sich aber keine körperlichen Fehlfunktionen finden lassen, geraten die Betroffenen in einen Teufelskreis.

Bekannt ist, dass bei Fibromyalgie-Patienten eine Änderung im Regelsystem der cerebralen Schmerzempfindung festgestellt werden kann. So werden manche Hormone – zum Beispiel Serotonin – „zurückgefahren“, während andere – Schmerztransmittersubstanzen – vermehrt auftreten.

Betroffene haben oft damit zu kämpfen, als Hypochonder bezeichnet zu werden, eben weil keine körperlichen Ursachen festgestellt werden können. Auch dieser Umstand ist ein weiterer Grund zur Verschlechterung und zur psychischen Belastung.

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Körperliche Zustände

Die Fibromyalgie manifestiert sich als starker Schmerz in allen Muskeln und Sehnenansätzen. Die Patienten beschreiben die Schmerzen als großflächig, oft werden die Bereiche als geschwollen empfunden. Bei manchen Patienten führen körperliche Betätigung, aber auch Krankengymnastik oder Massagen, zur Verschlechterung der Symptome.

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Herkömmliche Schmerzmittel wirken nicht

Die Einnahme von Schmerzmitteln oder Antirheumatika führen nicht zum Ziel. Antidepressiva können bei vielen Patienten eine Erleichterung schaffen, weil sie den Serotoninspiegel anheben und den Schlaf verbessern. Auch Medikamente, die eigentlich gegen das Erbrechen bei Chemotherapien eingesetzt werden, helfen etwa einem Drittel der Patienten. Einige neue Substanzen sind derzeit  Ziel intensiver Forschung.

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Nicht allen hilft alles

Ausdauertraining in frischer Luft, Krankengymnastik und Massagen können manchen Patienten entscheidend helfen, zu intensiv oder falsch angewendet können sie die Symptome der Betroffenen auch verschlimmern, warnt Pauly.

Eine Kombination von psychologischer Therapie, physikalischen Anwendungen und intensiver Patientenschulung hilft ebenso vielen.

Die Ganzkörper-Fiebertherapie (künstlich hervorgerufenes, kontrolliertes Fieber), aber auch Kältetherapie ist sinnvoll.

Eine besondere Bedeutung kommt der individuellen Schmerzbewältigung zu.

Spezialisierte Einrichtungen, mit erfahrenen Behandlerteams und die ausschließliche Verwendung anerkannter Methoden ersparen den Betroffenen viel Leid und Geld. Ausdrücklich warnen Selbsthilfegruppen vor Geschäftemacherei und unlauteren Versprechungen verschiedener Anbieter im Internet. Es bestünde wenig Möglichkeit die Wirksamkeit der entsprechenden Mittel vor der Anwendung zu überprüfen.

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Chronifizierung vermeiden

Obwohl die Fibromyalgie nie zu einer funktionellen oder strukturellen Zerstörungen führt, erzeugt sie großen Leidensdruck.

Ist die Erkrankung erst einmal chronisch geworden, haben zwei Drittel der Erkrankten nach zehn bis 15 Jahren die gleichen Beschwerden wie zuvor. Deshalb sollte man rechtzeitig versuchen, die Beschwerden optimal zu behandeln, was durch konsequente Therapie in qualifizierten Zentren bei vier Fünftel der Patienten auch gelingt.

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FMS ist noch nicht heilbar, aber es gibt echte Hilfe

Ein gestuftes aerobes (in frischer Luft) Ausdauertraining, medikamentöse Konzepte, psychologische Führung, physikalische Therapiemaßnahmen, Fiebertherapien oder Kältekammern helfen sehr gut, betont Pauly. Vor unkontrollierter sportlicher Aktivität und Überlastung warnt Pauly allerdings, weil sie zu einer Verschlechterung der Symptome führen können.

Der Verzicht auf Diskriminierung, soziale Anerkennung der Erkrankung und weitere Forschung sind dabei ein wesentlicher Faktor. Nur so wird das Ziel der Heilbarkeit einst erreichen können.

Mag. Christian Boukal

März 2017


Foto: shutterstock


‌ Zuletzt aktualisiert am 20. März 2017