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Chronischer Schmerz: Botenstofftherapie mit Antidepressiva

Chronischer Schmerz: Botenstofftherapie mit Antidepressiva Bei einer chronischen Schmerzerkrankung wirken herkömmliche Schmerzmittel kaum oder gar nicht. Eine langfristige Einnahme von Botenstoffen kann das Problem in vielen Fällen lösen.

Chronische Schmerzen entwickeln sich ohne angemessene Behandlung häufig zu einer eigenständigen Krankheit. Dabei ist die Schmerzursache oft nicht mehr zu ermitteln beziehungsweise kann nicht behoben werden, die Schmerzen aber bleiben. In diesen Fällen konzentriert sich die Behandlung vorrangig auf die Beseitigung oder Linderung der Schmerzen.
Bei chronischen Schmerzen kommt es zu neurochemischen Veränderungen im Gehirn und Rückenmark. Wer ständig Schmerzen leidet, verbraucht die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Diese beeinflussen sowohl die Schmerzempfindung als auch Schlaf und Stimmung. Dauern die Schmerzen jahrelang an, erschöpfen sich die Reserven der Botenstoffe und die Schmerzfilter im Gehirn werden immer durchlässiger. Die Folge: Der kleinste Impuls genügt, um große Schmerzen auszulösen.
Bei vielen chronischen Schmerzerkrankungen, vor allem bei starken und jahrelangen Schmerzen, bei Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen) und auch bei Phantomschmerzen kann eine Botenstofftherapie angezeigt sein. Man nennt die zum Einsatz kommenden Medikamente auch Antidepressiva, geht aber zunehmend von dieser irreführenden Bezeichnung ab. Zwar werden dieselben Wirkstoffe auch für die Behandlung von Depressionen herangezogen, jedoch in wesentlich höherer Dosierung. In der Schmerztherapie werden diese Medikamente zur Behandlung der Schmerzen verordnet, und nicht, weil der behandelnde Arzt eine psychiatrische Krankheit vermutet.
In diesen Medikamenten sind also Botenstoffe enthalten (Serotonin oder eine Kombination von Serotonin und Noradrenalin). Sie kommen bei einer chronischen Schmerzstörung zum Einsatz, weil zumeist ein chemisches Ungleichgewicht, nämlich ein Serotoninmangel im Gehirn herrscht. Man unterteilt die Präparate in „klassische“ und „moderne“ Antidepressiva.

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Schlafen ohne Suchtgefahr

Eine Therapie mit Botenstoffen verändert weder die Persönlichkeit, noch macht sie süchtig oder abhängig. „Man kann es sich wie ein Mittel gegen Bluthochdruck vorstellen. Es wirkt, nicht mehr und nicht weniger“, beruhigt Prim. Dr. Josef Macher, ärztlicher Leiter der Klinik Diakonissen. Zur Schmerztherapie werden häufig trizyklische Antidepressiva eingesetzt, sie haben eine müde machende Wirkung und wirken auch eigenständig schmerzlindernd. Auch nach längerer Einnahme kommt es zu keinem Wirkungsverlust.

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Schmerzen, Schlaf und Stimmung

Jahrelange Schmerzen werden meist von Schlafstörungen und Stimmungsbeeinträchtigungen begleitet und verstärkt. Diese Probleme bilden einen Kreislauf, der sich mit der Zeit immer mehr verstärkt und eine Negativspirale in Gang setzt. Andauernde Schmerzen verschlechtern die Stimmung und können zu depressiven Zuständen oder Erschöpfungszuständen führen, sie verkürzen den Schlaf oder verschlechtern seine Qualität. Die Phasen des Tiefschlafes sind aber besonders wichtig, denn in dieser Zeit entwickeln sich die Botenstoffe (Serotonin/Noradrenalin), die die Übertragung von Schmerzreizen stören. Um diese Spirale zu stoppen werden „Antidepressiva“ eingesetzt, denn sie können alle diese Symptome gleichzeitig positiv beeinflussen: Sie heben die Konzentration der Botenstoffe im Gehirn an und beeinflussen damit die Schmerzen, die Stimmung und den Schlaf.

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Therapieverlauf

Der Wirkungsverlauf der Therapie variiert zwar von Mensch zu Mensch, oft geschieht folgendes: In den ersten Tagen treten gelegentlich Nebenwirkungen wie Benommenheit, Schläfrigkeit, Mundtrockenheit auf. Der Schlaf wird tiefer und länger. Die Schmerzen selbst bleiben in dieser Zeit meist unverändert. Sie bessern sich meist von Woche zu Woche ein wenig, schleichend und nicht sprunghaft. Nach zwei bis vier Wochen sollte man erste Verbesserungen wahrnehmen. Die Besserung tritt wellenförmig auf, guten Phasen folgen schlechte, es ist ein Auf und Ab.
Wichtig ist es, dass die Tendenz stimmt. Man muss das Gefühl haben, es geht bergauf, es wird langsam aber doch besser. Ist das nicht der Fall, sollte man mit dem behandelnden Arzt über ein Alternativpräparat oder eine Änderung der Dosis sprechen. „Oft merken die Angehörigen die Besserung früher als der Patient, indem ihnen auffällt, dass sie weniger Klagen hören und sich die Stimmung des Betroffenen bessert“, sagt Macher.

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Therapiedauer

Geduld ist nötig. Die Therapie mit Botenstoffen sollte mindestens sechs bis zwölf Monate dauern. Denn es benötigt viel Zeit, bis die (durch die Schmerzen zerstörten) nötigen Rezeptoren (Andockstellen) für die Botenstoffe im Gehirn und die Schmerzfilter wieder funktionsfähig werden. Anders als bei Depressionen ist die Therapie bei Schmerzen keine lebenslange.

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Begleitmaßnahmen

Zusätzlich sollte während der Botenstofftherapie die Mobilität (Bewegung, Sport) verstärkt werden (der Patient kann sich, da die Schmerzen nun geringer sind, mehr bewegen). Weiters können auch interventionelle Maßnahmen (Blockadetechniken) erforderlich sein. Das soziale Umfeld sollte informiert und eingebunden sein, der Patient sollte sich nicht zurückziehen und aktiv seinem Alltag nachgehen. In Akutschmerzphasen können die üblichen Schmerzmittel zusätzlich eingenommen werden.
Während der Therapie sollte Alkohol vermieden oder zumindest nicht große Mengen davon konsumiert werden. „Man muss nicht völlig abstinent leben. Die Therapie mit Botenstoffen bedeutet nicht, dass sich der Patient in Verbotswelten begeben muss. Alkohol kann die Wirkung der Botenstoffe zwar verstärken und manchmal auch aufheben, bei kleinen Mengen Alkohol ist das aber kaum der Fall“, so Macher.

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Therapie abbrechen

Über einen Abbruch einer Botenstofftherapie sollte man mit dem Arzt sprechen, wenn man während der Therapie einen ursächlichen Auslöser der Schmerzen entdeckt. „Dann sollte man überprüfen, ob überhaupt ein selbstständiger chronischer Schmerz vorhanden ist oder ob die Schmerzen rein durch die entdeckte Ursache erzeugt worden sind“, erklärt Macher. Nur wenn sich selbstständige chronische Schmerzen gebildet haben, ist eine Weiterführung der Therapie sinnvoll.
Ebenso kann ein Abbruch oder ein Wechsel des Präparates nötig sein, wenn:

  • Keine Besserung eintritt, das Medikament also nicht wirkt,
  • die anfänglich übliche Tagesmüdigkeit nicht verschwindet,
  • der Patient sich damit nicht wohl fühlt oder
  • der Schlaf nicht besser wird.

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Hohe Erfolgsrate

Schmerzen und das Wohlbefinden lassen sich natürlich nicht exakt messen, doch es ist unbestritten, dass die Therapie mit Botenstoffen in einem hohen Ausmaß wirkt. „Rund 90 Prozent der Patienten erreichen damit wieder einen Wohlfühlzustand, der auch nachhaltig ein besseres Leben mit sich bringt, weil die Schmerzen behoben oder zumindest gelindert sind. Wurde auch die ursprüngliche Schmerzquelle, der Schmerzauslöser beseitigt, wird die Besserung oder Heilung zumeist auch nachhaltig sein“, sagt Macher. Der Negativkreislauf von Schmerzen, gedrückter Stimmung, angeschlagenem Nervensystem und Schlaflosigkeit ist im Erfolgsfall also durchbrochen und aufgehoben.

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Langsames Beenden der Therapie

Keinesfalls sollte man die Therapie abrupt beenden, gleichgültig ob sie erfolgreich oder erfolglos verlaufen ist. Am Ende jeder Therapie steht die Reduzierung der Botenstoffmenge, man stellt also auf eine niedrigere Dosierung in Schritten von vier bis sechs Wochen um. Bleibt der Schmerz trotz niedrigerer Dosierung weg, kann man die Dosierung weiter reduzieren und schließlich beenden. Dieses so genannte „Ausschleichen“ sollte mit dem behandelnden Arzt abgestimmt sein. Bleiben geringe Schmerzen bestehen, sollte die Therapie mit niedriger Dosierung fortsetzt werden.

Dr. Thomas Hartl
Jänner 2014


Foto: BilderBox

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015