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Totgeburt: Geburt im Stillen

Totgeburt: Geburt im Stillen Viele Wochen lang bestimmte die Vorfreude auf die bevorstehende Geburt das Leben. Doch dann die schreckliche Nachricht: Das Kind ist tot. Wie Eltern und Geschwister mit dem plötzlichen Verlust umgehen und wie wichtig Rituale und Abschiedszeremonien sind, erklären Dr. Sonja Gobara und Karin Schnabl von der Initiative „Stille Geburt“. Beide setzen sich für eine stärkere Beachtung des Themas – auch in der Medizin – ein.

Stirbt das Kind während der Schwangerschaft oder Geburt ist das für Eltern eine sehr schmerzhafte Erfahrung. „Professionelle Aufklärung ist hier besonders wichtig. Denn viele Betroffene sind mit ihrer Trauer alleine und haben nicht lange die Möglichkeit, öffentlich zu trauern“, stellt Karin Schnabl, Hebamme, Trauerbegleiterin und Mitbegründerin der Initiative „Stille Geburt“ ( www.stille-geburt.net) fest. Dr. Sonja Gobara, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, ergänzt: „Nach wie vor fehlt es an einer breiten Diskussion des Themas, auch von Seiten der Medizin!“ Viele Betroffene wissen nicht, welche Möglichkeiten des Abschieds ihnen offen stehen und wohin sie sich mit ihrer Trauer über den Tod und den Verlust der gemeinsamen Zukunft mit dem Kind wenden können.

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Unterschied zwischen Tot- und Fehlgeburt

Von einer Totgeburt spricht man, wenn das Kind nach der Entbindung keine Lebenszeichen wie Herzschlag oder Atmung zeigt und mehr als 500 Gramm wiegt. Liegt das Geburtsgewicht darunter, handelt es sich um eine Fehlgeburt. Diese Unterscheidung hat Auswirkungen auf das Namensrecht: Totgeburten erhalten einen Vornamen, der auf der Urkunde für Totgeburten eingetragen wird. Fehlgeburten erhalten keinen Namen. Auch entfällt bei einer Fehlgeburt der Anspruch auf Mutterschutz. Der Hausarzt kann jedoch eine Krankschreibung veranlassen.

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Zum Begriff „Stille Geburt“

Die medizinisch geprägten Begriffe Fehlgeburt oder Abortus wirken für viele betroffenen Eltern befremdend und lösen nicht selten auch Schuldgefühle aus: Viele Mütter befürchten, dass sie selbst für den Tod des Kindes verantwortlich sind, weil sie während der Schwangerschaft etwas „falsch gemacht“ haben. „Wir haben uns daher für die Bezeichnung ‚Stille Geburt’ entschieden, da das Kind lautlos auf die Welt kommt, es fehlt sozusagen seine Stimme“, so Schnabl.

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Möglichkeiten des Abschieds

Weil sich viele Eltern in einem Ausnahmezustand befinden, ist eine professionelle Trauerbegleitung besonders wichtig. „Hebammen und das Pflegepersonal leisten hier bereits einen wertvollen Beitrag. Bei vielen Gynäkologen löst das Thema allerdings noch sehr viel Abwehr aus“, sagt Gobara. Die Hebamme Karin Schnabl ergänzt: „Nach dem ersten Schock brauchen Betroffene eine liebevolle und kompetente Aufklärung, was alles geschehen wird und welche Möglichkeiten ihnen offen stehen.“
Um den Trauerprozess zu erleichtern, sollten sich Eltern bewusst Zeit für die Begrüßung und den Abschied nehmen: Da bei einer Kürettage keine Möglichkeit besteht, das Kind noch einmal zu sehen, hilft ein letztes Ultraschallbild als Erinnerungsstück. Karin Schnabl: „Hilfreich erweist sich auch, dem Kind einen Namen zu geben, es als ‚Kind’ zu bezeichnen und nicht als Embryo oder Zellhaufen.“ Nach einer eingeleiteten Geburt ist es besonders wichtig, das Kind in den Arm zu nehmen, es anzusehen und zu begrüßen, ein letztes Foto, einen Fuß- oder Handabdruck zu machen. Der Vater kann die Nabelschnur durchtrennen und man kann das Baby waschen. „Wenn Eltern nicht ausreichend Möglichkeit haben, das Kind zu sehen, dann leiden viele sehr lange“, so Schnabl. Das Baby sollte erst dann auf die Pathologie gebracht werden, wenn für Betroffene der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

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Wichtige Rituale und Abschiedszeremonien

Abschiedszeremonien helfen auch durch die schwierige Zeit der Trauer. Egal ob das Gestalten von Abschiedskerzen oder Gedenkbüchern, das Schreiben von Tagebüchern oder schließlich die Beerdigung selbst – Rituale haben eine heilende Wirkung. Bewusst Abschied zu nehmen hilft, die Erinnerung an das Kind im Herzen lebendig zu halten.

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Als Paar trauern

Viele Partnerschaften führt der Tod des Kindes in eine schwere Krise: Väter und Mütter trauen nicht selten auf unterschiedliche Art und haben auch unterschiedliche Zeiten der Trauer. Die Folge kann ein gegenseitiges Unverständnis sein: Die Partner fühlen sich in der eigenen Trauer verletzt, was zu Entfremdungen und einer Krise der Paarbeziehung führen kann. „Insbesondere wenn es sich um eine Fehlgeburt in den ersten Schwangerschaftswochen handelt, nehmen viele Väter nicht wahr, dass sie selbst betroffen sind, denn sie haben noch keine so starke Bindung zum Kind entwickelt wie Mütter. Häufig wird dem Mann seine Trauer aber auch gar nicht zugestanden, weil er funktionieren und stark sein muss“, erklärt Gobara. Besonders hilfreich in diesen Fällen ist der Austausch mit Gleichgesinnten in Selbsthilfegruppen.

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Geschwister unbedingt aufklären

In der Ausnahmesituation werden Geschwister häufig nicht über die Umstände des Todes informiert oder aus dem Trauerprozess ausgeschlossen. Die Folge können starke Schuldgefühle und Ängste sein. „Geschwister haben ein Recht auf altersgerechte Aufklärung. Sie sollten auf alle Fälle in den Abschiedsprozess eingebunden werden wie durch das Gestalten von Geschenken, die man in den Sarg legt“, so die Ärztin. Sind die Eltern dazu nicht in der Lage, sollten Verwandte oder Bekannte die wichtige Aufgabe der Aufklärung übernehmen. Generell können Angehörige wertvolle Unterstützung leisten, indem sie ihre Hilfe anbieten und den Trauernden eine Möglichkeit geben, ihre Geschichte zu erzählen – so oft sie wollen!

MMag. Birgit Koxeder
Dezember 2010


Foto: Bilderbox

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015