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Kaiserschnitt: Angst vor natürlicher Geburt

Geburt: Angst vor natürlicher Geburt Planbare Entbindung nach Wunschtermin, keine kräfteraubenden und schmerzhaften Wehen – viele werdende Mütter sehen im „Wunsch-Kaiserschnitt“ Vorteile gegenüber einer natürlichen Geburt. Oft jedoch steckt dahinter große Angst vor der natürlichen Geburt und zu wenig Wissen über die Risiken eines Kaiserschnitts.

Too posh to push – zu fein zum Drücken. Dieses Motto ist vor einigen Jahren in den USA aufgekommen, als sich dort immer mehr Prominente, wie etwa Victoria Beckham, für eine Kaiserschnittgeburt entschieden. Auch in Österreich kommt mittlerweile jedes dritte bis vierte Kind per Skalpell auf die Welt. Vor 15 Jahren waren es nur halb so viele. Was die Planung betrifft, ist die „Sectio caesarea“ unschlagbar. Tag und Stunde des Eingriffs werden vorher genau festgelegt. Vor allem Akademikerinnen, die schon etwas älter sind und voll im Berufsleben stehen, gehen diesbezüglich gerne auf Nummer sicher. Und durch viele Medien geistern Geschichten von Paaren, die die Geburt des Kindes nach dem Dienstreise-Plan des Vaters legen. „Das sind sicher nur Einzelfälle“, sagt Priv.-Doz. Dr. Peter Oppelt. Er ist Leiter der Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Landes- Frauen- und Kinderklinik Linz – jener Klinik, in der österreichweit die meisten Kinder auf die Welt kommen (3.500 im Vorjahr).

Er sieht, dass sich immer mehr Frauen für einen Kaiserschnitt entscheiden, auch wenn es medizinisch gar nicht nötig ist. Und ortet ein Hauptmotiv: „Diese Frauen sind sehr unsicher. Sie haben große Angst vor der natürlichen Geburt, weil sie sich nicht vorstellen können, diese durchzustehen.“ Oft werden Bedenken wie diese geäußert: „Meine Freundin lag zwei Tage im Kreißsaal, das schaffe ich sicher nicht.“

Auch die Gesundheitspsychologin Judith Raunig, die sich intensiv mit Kaiserschnittgeburten befasst, sieht die Ängste von Frauen als Hauptmotiv für den geplanten Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation: „Aus Jux und Tollerei entscheidet sich keine Frau dafür. Dahinter stecken Unsicherheit und Versagensängste.“

Die Geburt körperlich und psychisch nicht durchzustehen und so dem Kind schaden zuzufügen, ist nicht die einzige Sorge, die Frauen umtreibt. Belastend ist auch die Vorstellung, einen Dammriss zu erleiden, der dann zu Stuhlinkontinenz führen kann. „Natürlich besteht diese Gefahr, jegliches Risiko kann man vor einer natürlichen Geburt ja nicht ausschließen“, sagt Hebamme Brigitte Theierling vom Österreichischen Hebammengremium. Doch sie weist auf einen Umstand hin, den viele Frauen nicht sehen oder sehen wollen: „Ein Kaiserschnitt ist ein massiver operativer Eingriff im Bauchbereich, auch das ist kein Spaziergang.“ Gynäkologe Oppelt sagt ebenfalls: „Beide Methoden, ein Kind zur Welt zu bringen, bergen Risiken.“

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Die Angst der Frauen

Zwar „erspart“ sich eine Frau, die auf den Kaiserschnitt setzt, die Geburtswehen. Aber die meisten hängen, nachdem das Kind auf die Welt gebracht worden ist, noch viel länger in den Seilen. Die Narbe schmerzt, frau darf nicht schwer heben. Frauen, die auf natürlichem Weg gebären, haben die Schmerzen hingegen in dem Moment hinter sich, in dem das Kind das Licht der Welt erblickt hat. Nicht nur dies versucht Judith Raunig werdenden Müttern klarzumachen. „Es ist wichtig, dass man auf die Angst der Frauen vor einer natürlichen Geburt eingeht“, erklärt sie. Oft stehe diese stellvertretend für generelle tiefgründige Versagensängste. Raunig: „Auch wenn die Betroffene die Angst vor der natürlichen Geburt durch einen Kaiserschnitt zu umgehen versucht, ist ihr Problem nicht gelöst. Denn nach der Geburt kommen noch viele weitere Sorgen, die man sich um ein Kind macht.“ Der Idealfall ist für Raunig, die Frauen „zu ihrer eigenen Kraft zu führen“, sodass sie aus eigener Entscheidung sagen könnten: „Ja, ich schaffe die Geburt.“

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Information und Aufklärung

Auch Oppelt setzt auf Information und Aufklärung: „Wir Ärzte wollen niemanden davon überzeugen, sich für eine bestimmte Geburtsmethode zu entscheiden. Unsere Aufgabe ist es, die Betroffenen so gut zu informieren, dass sie selbst mit gutem Gefühl eine Entscheidung treffen können.“ In vielen Gesprächen gelinge es immer wieder, Ängste abzubauen und dann den Frauen doch eine natürliche Geburt zu ermöglichen, die zuvor unvorstellbar schien. Manchmal findet sich zwischen den scheinbar unvereinbaren Positionen zwischen Kaiserschnitt und vaginaler Geburt sogar ein Mittelweg, wie Oppelt schildert: „Die Frau entschließt sich zur natürlichen Geburt – auch weil sie von den Ärzten versichert bekommen hat, dass nicht bis zur letzten Minute mit dem Kaiserschnitt gewartet wird, wenn die Geburt sehr schwierig wird.“

Birgit Baumann
August 2013


Foto: Bilderbox, privat

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Die Legende von Caesar

Hartnäckig hält sich die Legende, dass der römische Kaiser Julius Caesar 100 vor Christus durch einen Kaiserschnitt auf die Welt kam und so zum Namensgeber für diese Geburtsmethode („Sectio caesarea“) wurde. Allerdings überlebte Caesars Mutter die Geburt, dies wäre beim Kaiserschnitt damals unmöglich gewesen. Eher geht der Name auf das lateinische Wort für „schneiden“ zurück. Bis ins 16. Jahrhundert wurde der Kaiserschnitt angewandt, um wenigstens das Kind zu retten, wenn die Mutter bei der Geburt starb. Im Jahr 1500 gelang dem Schweizer Schweinekastrierer Jacob Nufer der erste Kaiserschnitt, den sowohl das Kind als auch die Mutter – nämlich Nufers Frau – überlebten. 1881 führte der Gynäkologe Ferdinand Adolf Kehrer in Deutschland den ersten klassischen Kaiserschnitt durch. Er durchtrennte Bauchdecke und Gebärmutter nicht wie bis dahin üblich von oben nach unten, sondern quer. Diese Methode ist die noch heute gültige Grundlage. Allerdings werden Bauchdecke und Gebärmutter mittlerweile durch Dehnen und Reißen geöffnet, da die Heilung danach einfacher ist.

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Skalpell als Geburtshelfer

In manchen Fällen zeichnet sich schon in der Schwangerschaft ab, dass das Kind nur per Kaiserschnitt geholt werden kann – etwa bei einer Querlage des Kindes, einer Verformung des Beckens oder einem groben Missverhältnis zwischen Kindergröße und Becken der Mutter. Auch ein (drohender) Riss der Gebärmutter oder eine vorzeitige Plazentaablösung zählen zu den Gründen für einen Kaiserschnitt. Darüber hinaus gibt es „relative Indikationen” für eine Sectio. Dazu zählen etwa eine Steißlage des Kindes, mehr als 4.500 g Geburtsgewicht des Kindes, eine Mehrlingsschwangerschaft, ein vorangegangener Kaiserschnitt sowie ein sehr langer Geburtsvorgang mit totaler Erschöpfung der Mutter.

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Anfällig für Allergien

Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Kaiserschnitt-Kinder automatisch gesundheitlich benachteiligt sind. Manche Studien legen aber nahe, dass bei ihnen ein höheres Risiko für Asthma, Diabetes, Allergien und Zöliakie (Überempfindlichkeit gegen Weizenbestandteile in der Nahrung) besteht. Der Geburtskanal der Mutter ist voll von Keimen, bei der Geburt wird das Kind zum ersten Mal immunisiert. Dies fällt beim Kaiserschnitt weg.

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Kommentar

Geburt: Angst vor natürlicher Geburt „Wenn eine Frau ihr Kind ohne medizinische Notwendigkeit unbedingt per Kaiserschnitt zur Welt bringen möchte, dann steckt dahinter meist große Angst vor der natürlichen Geburt. Daher ist es wichtig, dass Frauen vor der Geburt gut beraten werden.”
Priv.-Doz. Dr. Peter Oppelt
Leiter der Abteilung für Gynäkologie an der Landes- Frauen- und Kinderklinik Linz

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015