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Nacktes Dasein - Beschneidungen

Nacktes Dasein - Beschneidung Beschneidung: Fachleute sehen keine Vorteile. Weltreligionen tun es, Stämme tun es, Amerikaner tun es. Wir tun es nur, wenn es sein muss. Doch nun scheint die Beschneidung des Mannes in Mode zu kommen.

Zwei Damen in meinem Bekanntenkreis haben schon mit einem beschnittenen Mann geschlafen. Tenor: Beschnittene Männer können weder besser noch länger. Eine empfindet den beschnittenen Penis als optisch aufdringlich, ja sogar „mehr als nackt“, die andere vergibt Pluspunkte in Sachen Ästhetik an ein Gemächt ohne Mützchen. Rechtfertigt das die Rüsselamputation?

 

In Österreich sind höchstens zehn bis 15 Prozent aller Männer beschnitten, während es in Nordamerika über die Hälfte und in Afrika über 60 Prozent sein sollen. Das hat religiöse Gründe: Bei Juden und Moslems gehört die Circumcision, die Entfernung der Vorhaut, zur religiösen Pflicht. Die Unterschiede liegen aber auch an verschiedenen Traditionen in der Ärzteschaft. So oder so geht es um hygienische Überlegungen. „Wo Dusche und Badewanne greifbar sind, sollte das aber kein Thema mehr sein“, meint der Leiter der andrologischen Abteilung im AKH Wien, Dr. Rolf Herwig. Mangelnde Hygiene kann zu chronischen Entzündungen im Vorhaut-Eichel-Bereich und weiter zum Peniskarzinom führen. Mit derartigen Fällen hat es Dr. Herwig selten, aber doch zu tun. Im arabischen und jüdischen Kulturkreis ist das Peniskarzinom so gut wie unbekannt. In Österreich wird meist wegen einer Phimose beschnitten, einer Verengung der Vorhaut, bei der diese gar nicht oder nur unter Schmerzen hinter die Eichel zurückgeschoben werden kann.

 

In der ersten Nacht trinken sie gesüßtes Getreidebier. In der zweiten Nacht werden sie mit Fett und Eingeweiden einer geschlachteten Kuh eingeschmiert. Am nächsten Morgen werden sich Tausende versammelt haben, um zu sehen, ob sie schreien oder weinen. Und dann kommt der Mann mit dem Messer … So läuft es bei den Bukusu im Westen Kenias ab. Bei uns geht es einfacher. Bei der Beschneidung kann die Vorhaut vollständig oder nur teilweise entfernt werden. In jedem Fall handelt es sich um einen kleinen Eingriff, der bis auf übliche Komplikationen wie Nachblutung oder schlechter Wundheilung weitgehend problemlos ist. Das beste Stück sollte nach einem Monat wieder voll einsatzfähig sein. Medizinisch indizierte Beschneidungen zahlt die Krankenkasse, wer sein Genital aus hygienischen, optischen, sexuellen oder sonstigen Gründen tunen möchte, muss selbst zahlen. Und das nicht zu knapp. Bis zu 1200 Euro berechnet Dr. Andreas Jungwirth, Androloge aus Salzburg, für eine Circumcision, je nachdem ob ambulant oder stationär, mit lokaler oder Vollnarkose.

 

 

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Aber warum?

„Manche Männer sind mit der Optik ihres Gliedes nicht zufrieden, manche versprechen sich Hilfe gegen vorzeitigen Samenerguss oder bessere Hygiene“, fasst Dr. Jungwirth die Beweggründe zur Kapuzenkappung zusammen. Bei näherer Betrachtung ist keiner der Punkte wissenschaftlich haltbar. Es gibt keine Studie, die zeigt, dass ein beschnittener Mann „länger kann.“ Und bei regelmäßiger Hygiene „ist für Unbeschnittene die Wahrscheinlichkeit eines Infektes auch nicht größer“, sagt AKH-Androloge Dr. Ralf Herwig. Doch selten scheren sich Mode und Körperkult um Fakten.

 

Beschneidung in einer Reihe mit Piercings und Totalrasur? Es scheint so. Viele Homosexuelle machen den Anfang – eine Klientel, bei der Hygiene beim Geschlechtsverkehr aber besonders wichtig ist. Die WHO empfiehlt die Bescheidung neuerdings sogar als Teil der globalen Anti-Aids-Strategie. Demnach belegen Studien, dass eine Beschneidung das Infektionsrisiko um 60 Prozent senkt – einfach weil ein beschnittener Penis weniger zu Entzündungen neigt. Ein Kondom kann die Beschneidung freilich nicht ersetzen.

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Frauen machen Druck

Auffällig: In einschlägigen Internetforen tummeln sich viele Frauen, die ihren Partner überreden wollen, sich beschneiden zu lassen — weil sie einen beschnittenen Penis hygienischer und einfach schöner finden. Von intensiverem Sex und „absoluten Empfindungen“ ist da die Rede, weil keine „störende Vorhaut“ mehr im Wege sei. Der Druck baut sich auf. Langsam, aber sicher.

 

Fritz Kalteis

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Kommentar

„Die Vorhaut ist ein natürlicher Schutz der Eichel. Sie leichtfertig wegzuschneiden ist nicht zu empfehlen, zumal dieses Gewebe hervorragend herangezogen werden kann, um etwa Harnröhren zu rekonstruieren.“

Dr. Ralf Herwig

Leiter der Andrologie an der Abteilung für Urologie, Universität Wien


Foto: Bilderbox

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015