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Pestizide: Unerwünschte Nebenwirkungen


Spritzen.i. Glashaus_Mauritius - Mann im Glashaus Fünf Mal am Tag soll der Mensch Obst und Gemüse essen, empfiehlt die Weltgesundheits-organisation WHO. Doch Früchte und Beerenliefern nicht nur lebensnotwendige Vitamine, sondern haben auch eine unerwünschte Nebenwirkung: Sie „versorgen“  den Menschen mit Pestiziden. Das verunsichert viele Konsumenten und sie fragen sich: Sollen wir lieber auf Obst und Gemüse verzichten?

Himbeeren im November, Erdbeeren zu Weihnachten – was in der Jugend unserer Großeltern noch undenkbar war, ist heute fast Normalität. Fast jedes Obst und Gemüse gibt es zu jeder Jahreszeit. Was in Österreich gerade nicht reift, wird mit dem Flugzeug aus den entlegensten Winkeln der Welt herangebracht. Doch diese ständige Verfügbarkeit von Obst und Gemüse hat ihren Preis: Ein Obstbauer, der nicht düngt, kann nicht vier bis fünf Mal pro Jahr ernten und liefern. Also werden Pestizide eingesetzt. Der Begriff leitet sich vom lateinischen „pestis“(Seuche, Unheil) und „caedere“ (töten) ab und man versteht darunter Pflanzenschutzmittel, die zum Schutz vor Insekten, Milben, Unkraut, Pilzen oder Schnecken eingesetzt werden. Meist kann man die an der Oberfläche der Genusspflanzen wirkenden Substanzen mit lauwarmem Wasser abwaschen. Doch mit bloßem Auge kann man Pestizide nicht erkennen.

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Erhöhte Werte müssen nicht gleich giftig sein

Und systemische Pestizide werden ohnehin von der Pflanze in deren Inneres aufgenommen. „In der EU gibt es derzeit noch unterschiedliche Höchstwerte, die Begrenzungen in Österreich sind sehr streng“, sagt DI Oskar Wawschinek von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Er warnt auch vor Hysterie beim Verzehr von Gemüse: „Liegen die Rückstände über dem Höchstwert, heißt es nicht automatisch, dass die Frucht giftig ist.“ Denn der Höchstwert gibt den sogenannten ADI-Wert an – den „acceptabledaily intake“, jene Menge von Pestiziden, die man bei täglicher Nahrungsaufnahme zu sich nehmen kann, ohne die Gesundheit zu gefährden.

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Bedrohung aber auch nicht widerlegt

Auch DI Dr. Helmut Burtscher, Pestizid-Experte der Umweltschutzorganisation Global 2000, weist darauf hin, dass eine direkte Bedrohung durch Pestizide beim Menschen „nicht eindeutig belegt ist — genauso wenig wie das Gegenteil“. Burtscher: „Es gibt auch keine Studie, dass Menschen, die Pestizide aufnehmen, signifikant öfter an Krebs erkranken.“  Aufregung also um sonst? Mitnichten. Von Tierversuchen wisse man, dass die Tumorbildung durch Aufnahme von Pestiziden begünstigt wird, sagt Burtscher und erinnert an eine österreichische Studie, die vor einigen Jahren gezeigt hat, dass die Spermienqualität von Wein- und Obstbauern, die Pestizide einsetzen, signifikant schlechter war als die von Männern, die nicht mit Pestiziden in Kontakt kommen. Voriges Jahr hat Greenpeace Deutschland in Österreich, der Schweiz und Deutschland rund 660 Lebensmittelproben auf 300 Pestizide getestet. Am besten hat in Österreich Billa abgeschnitten. Die Handelskette betreibt mit Global 2000 seit April 2003 ein Programm zur Reduzierung von Pestiziden. Von einigen Produzenten, die massiv Pestizide einsetzen, nimmt Billa mittlerweile kein Obst und Gemüsemehr an. Generell war beim Greenpeace-Test Obst und Gemüse aus der Türkei, Spanien und Griechenland deutlich stärker belastet als Ware aus Holland und Österreich.

Dass sich der Griff zu Bio-Obst und -Gemüse lohnt, zeigen Zahlen des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes in Stuttgart: 2003 lag die mittlere Pestizidbelastung von Öko-Ware bei 0,002 mg/kg. Konventionelles Obst hingegen enthielt 0,3 mg Pestizidrückstand pro Kilogramm – also 150 Mal mehr.


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Frisch kaufen, rasch essen

Vor dem Essen einfach in den Garten gehen und grünen Salat ernten – diese Möglichkeit haben die meisten Menschen nicht, sie müssen ihr Obst und Gemüse kaufen. Um möglichst viele Vitamine zu verzehren, sollte man bei Kauf, Lagerung und Zubereitung einiges beachten. Grundsätzlich gilt die Empfehlung: Frisches Obst und Gemüse der Saison und aus der Region sollte man gegenüber importierter Ware bevorzugen. Es wird schon reif geerntet und kommt frisch in die Küche, wo es auch möglichst bald weiterverarbeitet werden soll. Wer im Juni Erdbeeren vom heimischen Feld pflückt, kommt garantiert zu mehr Geschmack und Vitaminen als jemand, der zu Weihnachten zumeist ohnehin nur hellrote Beeren aus fernen Landen verspeist. Wertvolle Inhaltstoffe liefert aber auch Tiefkühlware, da Obst und Gemüse schon kurze Zeit nach der Ernte schockgefroren werden, was Vitamine erhält. Wichtig ist dabei, dass die Kühlkette nicht unterbrochen wird. Von undichten Verpackungen mit starker Schneebildung sollte man die Finger lassen. Dass Tiefkühlware unter Umständen sogar gesünder ist als vermeintlich „frisches Gemüse“, zeigt das Beispiel Spinat: Frische Blätter verlieren bei einem Tag Lagerung in der Küche die Hälfte ihres Gehalts an Vitamin C. In der Tiefkühltruhe gibt Spinat bei viermonatiger Lagerung nur 15 Prozent des Vitamins ab. Wichtig für den Erhalt von Vitaminen ist auch die richtige Lagerung. „Da Zitrusfrüchte, Bananen, Birnen und Äpfel kälteempfindlich sind, ist der Kühlschrank nicht der richtige Platz für sie“, sagt Claudia Müller, Diplom-Ökotrophologin und Verbraucherschützerin aus Bonn. Gleiches gilt für stark wasserhaltige Gemüse wie Gurken und Paprika. Auch Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch sollte man außerhalb des Kühlschrankes aufbewahren – im Gegensatz zu Blattsalaten. Die müssen kühl gelagert werden, um schnelles Welken zu verhindern.


Birgit Baumann

August 2006


Foto: Mauritius, privat

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Kommentar

Kommentarbild von DI Dr. Helmut Burtscher zum IFG-Printartikel "Pestizide: Unerwünschte Nebenwirkungen", Ausgabe 2/2006 „Obst und Gemüse zählen zu den gesündesten Lebensmitteln. Auf keinen Fall sollte man aus Angst vor Vergiftungen aufhören, diese zu essen. Die gesundheitsfördernde Wirkung von Obst und Gemüse überwiegt eine Gefährdung durch Pestizid-Rückstände. Dennoch handelt es sich bei der Pestizid-Belastung um keine Bagatelle. Es ist erfreulich, dass Handel und Politik immer mehr erkennen, dass Konsumenten mehr und mehr Wert auf gesunde Lebensmittel legen.

DI Dr. Helmut Burtscher

Global 2000, Wien

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015