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Hyperakusis: Alles ist zu laut

Hyperakusis: Alles ist zu laut „Dieser Lärm ist ja nicht zum Aushalten.“ Wer ständig Worte wie diese von sich gibt, der leidet möglicherweise an Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, lateinisch Hyperakusis. Spätestens wenn Betroffene Geräuschen ständig aus dem Weg gehen oder sich die Ohren zuhalten, sollten die Alarmglocken schrillen.

Bei Hyperakusis verursachen alltägliche Geräusche Probleme. Angst, Schmerzen und sogar Panikzustände können entstehen, wenn „alles zu laut“ wird. „Alles“, das können so alltägliche Eindrücke sein wie die Stimmen von Menschen, das Bellen von Hunden, das Klingeln von Telefonen, der Verkehr der Straße.

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Normales Gehör

Hyperakusis ist eine Überempfindlichkeit gegenüber Höreindrücken. Sie entsteht durch eine Änderung der zentralen Verarbeitung von Hörinformationen. Dabei kann das Innenohr völlig intakt sein. Hyperakusis ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Ursachen und Wirkung können mehrere Fachbereiche betreffen, sind aber selbst vielen Ärzten unbekannt.

Hyperakusis-Patienten haben in der Regel ein normales Gehör, sie können nicht „besser“ hören als andere Menschen. Jedoch ist ihre Toleranzgrenze gegenüber Geräuschen und Geräuschpegeln, die gewöhnlich als normal betrachtet werden, gesenkt.

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Diagnose Hyperakusis

Hyperakusis wird diagnostiziert, wenn eine negativ bewertete, subjektive Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen normaler Lautstärke besteht und gleichzeitig lautere Geräusche zusätzlich reflexartige Reaktionen hervorrufen. Diese können sein: Schreckreaktionen wie Zu- oder Abnahme des Blutdrucks, Schwitzen, Unruhe, erhöhte Schmerzempfindung, Zunahme des Muskeltonus, insbesondere im Schulter-Nacken-Bereich, Flucht vor der Geräuschquelle.

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Körperliche und psychische Krankheitsbilder

Mögliche organische Krankheitsbilder sind Hörschäden, Verletzung oder Ausfall der großen Gesichtsnerven, Vorzeichen der Migräne, bestimmte Epilepsieformen oder Nebenwirkungen von Medikamenten.

Angsterkrankungen, Depressionen, Burnout oder auch Schizophrenie sind häufige Ursachen der Hyperakusis. „Die häufigste Ursache wollen die meisten Betroffenen nicht wahrhaben. Es ist die Angst“, sagt Dr. Helmut Schaaf, Oberarzt der Tinnitus Klinik am Krankenhaus Bad Arolsen in Deutschland. „Bei Anzeichen einer äußeren Gefahr ist es sicher evolutionär sinnvoll, dass Wahrnehmungsschwellen gesenkt werden. Wenn sich dies aber von real fassbaren Gefahren loslöst, kann das in Depressionen oder Angststörungen münden“, so Schaaf.

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Reizüberflutung

Häufig liegen dem Leiden jedoch weder körperliche noch psychische Erkrankungen zugrunde, sondern „bloß“ eine allgemeine erhöhte Reizbarkeit. Viele Menschen können mit der Flut an Reizen und Informationen, die über sie hereinbricht, nicht mehr umgehen. „Das Leben wurde in den letzten Jahren immer schneller, wodurch der menschliche Organismus immer mehr belastet wurde. Die Verarbeitung dieses Reizfeuerwerks kann das menschliche Gehirn überfordern“, so Schaaf.

Eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen kann auch Ausdruck einer Erschöpfung der körperlichen und nervlichen Reserven sein. „Vor allem ehrgeizige, sehr engagierte Menschen die selbst in der Freizeit Leistung erbringen, sind gefährdet. Sie sollten sich fragen, was sie vom Leben möchten, ob sie ihre Ziele wirklich nur durch permanente Leistung erreichen können.“ Eine Hyperakusis ist hier ein Warnsignal. Wird es nicht ernst genommen, kann die Selbstausbeutung des Körpers und der Psyche in einem Zusammenbruch oder einem Burnout enden.

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Sich den Geräuschen stellen

Unabhängig von der Ursache der Hyperakusis liegt ein entscheidender Schritt in der Überwindung dieses Leidens im Umgang mit den gefürchteten Geräuschen. Häufig reagieren Betroffene mit Flucht und Vermeidung. „Wer ständig jedem Lärm aus dem Weg geht, verschlimmert jedoch das Problem. Durch die Vermeidung sinkt die Toleranzgrenze immer weiter und immer geringere Geräusche werden in der Folge als unangenehm empfunden“, so Schaaf. „Anstatt permanent in die Stille zu flüchten, gilt es, sich wieder in die Alltagssituationen mit all seinen Geräuschen zu begeben“, sagt Schaaf. Er empfiehlt: Hände weg von Ohrstöpseln und andere Maßnahmen, die helfen sollen, Geräuschen zu entgehen. „Man bewirkt dadurch das Gegenteil und wird immer geräuschempfindlicher.“

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Behandlung

Behandlungsbedürftig wird Geräuschüberempfindlichkeit, wenn sie mit unangenehmen oder gar schreckhaften körperlichen und seelischen Reaktionen einhergeht. Liegt der Hyperakusis eine körperliche Erkrankung zu Grunde, sollte diese behandelt werden. Liegt das Problem im Innenohr, kann der HNO-Arzt helfen. Liegt eine seelische Erkrankung zu Grunde (Angsterkrankung, Depression) kann eine Psychotherapie nötig sein.

„Hyperakusis kann sich auch wieder normalisieren. Hilfreich sind eine kompetente Aufklärung, eine Behandlung mit Geräuschgeneratoren, und bei zugrunde liegenden emotionalen Komponenten, eine Psychotherapie“, so der Spezialist Schaaf.

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Hörtraining

Man kann auch selbst etwas gegen seine Überempfindlichkeit unternehmen. Durch bewusste Hinwendung zu Geräuschen des Alltags kann man Schritt für Schritt erlernen, diese Geräusche wieder besser zu ertragen. Ziel ist es, mit der Zeit diese Geräusche wieder als normal zu empfinden, ohne Ängstlichkeit und negatives Empfinden.

Dr. Schaaf empfiehlt Betroffenen folgende Übungen:

  • Konzentrieren Sie sich auf das Hören: Hören Sie auf das Rauschen von Blättern, auf Tier- und Vogelstimmen oder sonstige Geräusche. Setzen Sie sich auf eine Parkbank und wenden sie sich ganz konzentriert und bewusst den Geräuschen ihrer Umgebung zu.
  • Hören Sie mit geschlossenen Augen ein Musikstück, das Sie besonders gern mögen. Angenehme Musik kann helfen, die Geräuschüberempfindlichkeit zu überwinden. Sie verbessert die Stimmung und entspannt. Hören Sie dabei in sich hinein. Achten Sie auf Ihre Gefühle und Reaktionen.
  • Konzentrieren Sie sich auf ein bestimmtes Geräusch aus einer lauteren Umgebung. Dies fördert die Aktivierung von Hörfiltern. Gleichzeitig ist dies eine besondere Herausforderung und benötigt Geduld und Konzentration. Mit zunehmender Dauer wird die Übung immer schwieriger. So wie Sie beim Sport Ausdauer trainieren können, so ist auch die Filterfähigkeit des Hörsystems sehr gut zu üben. Allerdings sollten Sie auch hier in kleinen Schritten langsam vorgehen und sich nur allmählich steigern.

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Phonophobie – Angst vor bestimmten Geräuschen

Ein besondere Form der Hyperakusis ist die Phonophobie. Sie bezeichnet die Angst vor bestimmten Geräuschen. Hier besteht keine allgemeine Überempfindlichkeit, sondern nur bestimmte Geräusche mit einer sozialen Bedeutung lösen Angst aus. Beispiele sind etwa Kinderstimmen bei Kindergärtnern und Lehrern, die Stimme des eigenen (ungeliebten) Partners oder der Rasenmäher des verhassten Nachbarn.

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Abgrenzung von Tinnitus

Hyperakusis darf nicht mit Tinnitus verwechselt werden. Tinnitus ist nicht Ursache für die Geräuschüberempfindlichkeit und umgekehrt ist die Geräuschüberempfindlichkeit nicht Ursache für den Tinnitus. Beide Symptome können sich aus der gleichen Schädigung im Hörsystem entwickeln und dann einzeln oder gemeinsam auftreten.

Dr. Thomas Hartl
Oktober 2009


Foto: Bilderbox

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015