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Krank durch Jobverlust

Krank durch Jobverlust - Mann hält sich den Kopf Arbeitslosigkeit hat viele Gesichter: erhöhte Selbstmordrate, Depressionen, körperliche Beschwerden. Mehr als 311.694 Menschen oder 8,9 Prozent der Erwerbstätigen waren Anfang März 2006 in Österreich ohne Job. Diese Zahl gibt über die dahinter stehenden Schicksale gibt allerdings keine Auskunft. In sehr vielen Fällen hat Arbeitslosigkeit massive psychische und körperliche Auswirkungen: Jobverlust macht krank.

Rita hat 35 Jahre lang als Einkaufsleiterin fleißig und engagiert für ihren Chef gearbeitet, daneben ihre Familie gemanagt, gesellschaftliche Termine wahrgenommen, ihr Leben genossen. Krankheit, Depressionen, Angst waren für sie Fremdworte. Bis das Unternehmen gezwungen war, Mitarbeiter zu kündigen. Darunter auch Rita. Die 50- Jährige fiel in ein schwarzes Loch, ging an Selbstzweifeln und Mutlosigkeit beinahe zugrunde. Sie litt an Schlafstörungen, Rücken- und Kopfschmerzen, kam tagelang nicht aus dem Pyjama heraus und hatte keine Zukunftsvisionen mehr. Bis sie erkannte, dass der Arbeitsplatzverlust für sie eine neue, letzte Chance sein könnte, ihr Leben noch einmal ganz neu zu gestalten. Nicht jeder hat so viel Kraft wie Rita. Viele plötzlich arbeitslos gewordene Menschen erkranken ernsthaft, werden Alkoholiker oder leiden unter Depressionen. Auch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der Verlust des Arbeitsplatzes neben den finanziellen Einbußen für den Betroffenen oftmals gravierende gesundheitliche Auswirkungen hat. So kommt eine in Norwegen durchgeführte Studie zum Schluss, dass in einer Gruppe von Arbeitslosen Depressionen, Beklemmungszustände und somatische Beschwerden zwischen vier- und zehnmal so häufig auftreten wie in einer in Beschäftigung stehenden Kontrollgruppe. Alarmierende Ergebnisse bringt auch eine Untersuchung aus Schweden: Demnach leiden 29 Prozent der arbeitslos gewordenen Menschen an Krankheiten wie Magenbeschwerden, Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Auch Störungen im Verdauungstrakt, Nervensystem, Herzprobleme, Appetitverlust und Konzentrationsstörungen sind häufige Begleiterscheinungen. Nicht selten bekommen Arbeitslose auch Alkoholprobleme, wie eine in Finnland durchgeführte Studie ergab. Untersuchungen in Großbritannien haben sogar einen starken Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Selbstmordversuchen ergeben.

 

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Mit dem Jobverlust sinkt das Selbstwertgefühl

Als eine der Hauptauswirkungen des Jobverlustes berichten Arbeitslose von einem permanenten Unwohlsein. In der Folge kommt es zu Frust, Verlust von Selbstwertgefühl, zudem gehen persönliche und soziale Identität verloren. „Viele Menschen, die plötzlich ihren Job verlieren, werden depressiv, finden in ihrer Lebensplanung keine Orientierung mehr und verlieren an Selbstachtung. Interessant dabei ist, dass je mehr sich ein Betroffener nach einer Wiederbeschäftigung sehnt und die damit verbundenen Ängste durchlebt, desto geringer das Selbstwertgefühl ausgeprägt ist. Arbeitslosigkeit wirkt sich auf das Selbstbewusstsein negativ aus, weil einerseits der im Gehalt ausgedrückte Marktwert und andererseits der symbolische Marktwert schwindet. Generell verschlechtert sich das Wohlbefinden umso mehr, je länger die Phase der Arbeitslosigkeit dauert”, weiß Lebens- und Sozialberaterin Mag. Helga Gumplmaier, die am Institut Integral in Zell am Moos mit Betroffenen Wege aus der Arbeitslosigkeits-Krise erarbeitet.

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Zeit der Unsicherheit

Ein wichtiger Stressfaktor ist für Arbeitslose die Unsicherheit über die berufliche Zukunft. Nicht zu unterschätzen sind auch die abnehmenden Sozialkontakte, weil die Freunde andere zeitliche Abläufe haben und damit quasi in einer anderen Welt leben. Und dieses Gefühl kann auch nicht durch den Zuwachs an Freizeit kompensiert werden. Zumeist empfinden die Betroffenen nämlich die Zeit der Jobsuche nicht als Freizeit, sondern als eine Zeit des Wartens und der Unsicherheit. „Menschen, die ihren Job verloren haben, bereitet es oft Schwierigkeiten, ihre Zeit zu managen”, so Gumplmaier. Im Allgemeinen kommen selbstbewusste, flexible und psychisch gefestigte Menschen mit den Auswirkungen der Arbeitslosigkeit besser zurecht als introvertierte Personen mit einer höheren inneren Spannung. Weiters zeigen Menschen mit höherer Bildung eine größere Wiederstandsfähigkeit gegenüber der Gefahr, ihre Selbstachtung durch den Verlust des Arbeitsplatzes zu verlieren. Andererseits werden die Probleme umso größer, wenn die Betroffenen über wenig Kontakte zu Freunden und Familienmitgliedern verfügen, es also an sozialen Rettungsankern fehlt. „Es gibt Wege aus dieser Krise. Wichtig ist es, psychische und physische Zeichen zu erkennen, Krankheiten, Unwohlsein durchaus dem Jobverlust anzurechnen und die Hilfe von Experten in Anspruch zu nehmen. Für Menschen, die der Arbeitsplatzverlust krank macht, ist es wichtig, vor allem das Selbstwertgefühl zu stärken, Visionen aufzubauen, neue Chancen und Wege aufzuzeigen. Am Jobverlust sind die Betroffenen in den seltensten Fällen selber schuld. Auch wenn mit zunehmender Arbeitslosigkeit die Sozialschmarotzer-Diskussion am Stammtisch wieder aufflammt” macht Gumplmaier Mut.


Mag. Kornelia Wernitznig
Februar 2007

Foto: Bilderbox, privat

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Kommentar

Krank durch Jobverlust „Viele Menschen zerbrechen an der Arbeitslosigkeit, was sich auch an der erhöhten Suizidrate bei Betroffenen äußert. Deshalb ist es wichtig, zu erkennen, dass Jobverlust nichts mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat, dass man nichts dafür kann. Wer erkennt, dass Arbeitslosigkeit auch eine Chance sein kann, das Leben neu zu gestalten, hat gute Chancen auf eine vielversprechende Zukunft.”
Mag. Helga Gumplmaier
Lebens- und Sozialberaterin am Institut Integral, Zell am Moos

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015