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Schuljunge liegt auf seiner Hand vor dem Computer

Lernstörungen: Wenn Lesen, Schreiben oder Rechnen schwerfällt

Hat ein Kind in einem Bereich große Lernschwierigkeiten, während es in den anderen Fächern gute oder durchschnittliche Leistungen erbringt, kann eine Lernstörung dafür die Ursache sein. Strukturiertes Üben, Geduld und Unterstützung aller am Lernprozess Beteiligten können Abhilfe schaffen. 

Eine spezifische Lernstörung drückt sich als Lernschwäche in den Bereichen Lesen und/oder Schreiben (Legasthenie) und/oder Rechnen (Dyskalkulie) aus, wobei jeder Bereich sowohl einzeln als auch in Kombination mit einem der anderen betroffen sein kann. 

Die Störung dürfte bei bis zu zehn Prozent aller Kinder auftreten. „Früher ging man davon aus, dass dreimal so viele Buben betroffen sind wie Mädchen. Heute jedoch weiß man, dass fast so viele Mädchen wie Burschen betroffen sind“, sagt Dr. Martin Schöfl, Klinischer Psychologe am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz. 

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Symptome und Warnzeichen 

Eine Lernschwäche fällt auf, sobald Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen erlernen sollen und sich ihre Leistungen langsamer entwickeln als jene der Klassenkollegen.

Häufige erste Warnzeichen sind, dass die Kinder Schreibaufgaben vermeiden oder nur unter Druck erledigen. Typisch ist, dass die betroffenen Kinder die Hausübung nicht machen wollen oder können, weil dies mit weiterem Frust verbunden wäre. Selbstständiges Lernen ist für Kinder mit Lernproblemen schwer. Häufig können sie Aufgaben nicht alleine lösen und verzweifeln somit schnell daran. 

Lese- und Rechtschreibprobleme stehen in Verbindung mit Schwächen in der Lautbewusstheit (phonologische Bewusstheit) und im raschen Abruf von Informationen aus dem Langzeitgedächtnis. Rechenprobleme kündigen sich häufig durch Schwächen in der räumlichen Wahrnehmung und durch Schwierigkeiten bei den frühen numerischen Leistungen (zum Beispiel beim Zählen, beim Schätzen) an.  

Wird die Lernschwäche nicht als solche erkannt, wird das Kind im gesamten Entwicklungsverlauf gebremst. Auch psychosomatische Störungen wie Kopf- und Bauchschmerzen durch Stress oder Angst vor der Schule treten häufig in Kombination mit Lernstörungen auf. 

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Objektiv intelligent, subjektiv Versager 

Wichtig zu wissen: Die betroffenen Kinder sind durchschnittlich genauso intelligent wie Kinder ohne Lernstörungen. Trotz ihrer Lernschwierigkeiten in Deutsch und/oder Rechnen sind sie also keineswegs „dumm“. Die gefühlte Wirklichkeit der Kinder ist aber eine andere. Viele fühlen sich nicht nur in dem betroffenen Lernbereich als Versager und minderwertig, sondern in der Konsequenz auch in anderen Lebensbereichen. Sie sind überzeugt, dass sie nichts an der Situation ändern können, dass sie Anforderungen ausgeliefert sind, die sie nicht erfüllen können.  

Nehmen Eltern eine derartige Entwicklung ihres Kindes wahr, ist ihre Reaktion darauf wegweisend: „Aufforderungen an das Kind, sich aufzuraffen und sich mehr anzustrengen, resultieren häufig aus der Vermutung der Eltern, dass eine Lernstörung einfach mit mehr Fleiß zu heilen ist. Leider bringt das dem Kind zusätzlichen Druck und noch mehr Abwertung. Hilfreich ist es, sich mit dem Kind hinzusetzen und ihm konkret zu zeigen, wie die Aufgaben zu lösen sind, damit es diesen Ablauf irgendeinmal selber schafft und auf die eigene Leistung stolz sein kann“, weiß Dr. Schöfl. 

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Diagnose 

Anzeichen für eine spezifische Lernstörung werden meist schon in der ersten Klasse Volksschule ersichtlich. Nur besonders kluge, fleißige oder gut geförderte Kinder fallen erst später auf. Früher oder später stoßen aber alle betroffenen Kinder an ihre Grenzen. 

Haben Eltern einen Verdacht, sollte der erste Weg zum Klassenlehrer führen, um zu klären, ob das Kind nur bei den Hausaufgaben Schwierigkeiten hat oder ob diese auch in der Schule bestehen. Bestätigt der Lehrer, dass das Kind auffällig langsam oder fehleranfällig schreibt, liest oder rechnet, ohne jedoch in den anderen Gegenständen abzufallen, braucht es eine genaue Beobachtung der Lernleistungen. 

Ein möglichst frühes Erkennen der Probleme erleichtert ein erfolgreiches Gegensteuern und Abmildern der Symptome und Sekundärfolgen. „Doch die Realität ist die, dass man in den ersten Schuljahren zwar die Schwächen des Kindes wahrnimmt, dass aber noch häufig nicht spezifisch reagiert wird. Viele Eltern suchen erst in der dritten bis fünften Schulstufe Hilfe. Das ist sehr spät, wenn man bedenkt, wie viele Misserfolge ein Kind bereits bis dahin erlebt hat“, weiß der Psychologe. 

Auch wenn eine möglichst frühe Diagnose und daran anknüpfende Lernmaßnahmen hilfreich sind, ein „zu spät“ gibt es nicht. Selbst Erwachsene können durch gezieltes Üben noch Erfolge erzielen. „Das ist zwar nicht leicht, aber mit Unterstützung machbar“, sagt Dr. Schöfl. 

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Üben als Therapie 

Es gibt keine einfache Methode oder Medikamente, um eine Lernstörung zu beseitigen. Sie lässt sich nicht „heilen“ oder völlig wegtrainieren. Die einzig sinnvolle und wirksame „Therapie“ besteht darin, unter Anleitung Lesen, Schreiben oder Rechnen zu üben. Lesen wird nur durch Lesen besser, Schreiben durch Schreiben, Rechnen durch Rechnen. Strukturiertes Üben ist das Um und Auf. Die Herausforderung -  vor allem für Eltern - ist, dass die Übungen kontinuierlich ausgeführt werden. Nur dann ist ein schulischer Erfolg auch in den Problemfächern möglich - und zwar in jeder Schulform. Wie man das am besten macht, kann man sich von Spezialisten (zum Beispiel spezifisch ausgebildete Pädagogen, spezialisierte Logopäden oder Lerntherapeuten) zeigen lassen.  

Kontinuierliches Üben ermöglicht schulische Erfolge, allerdings ist es nicht leicht, dauerhafte Erfolge zu erzielen. Die angeborenen Schwächen lösen sich nicht auf, das Grundproblem (die Lese-, Schreib- oder Rechenschwäche) an sich bleibt bestehen. Durch Übung lernt das Kind jedoch, besser mit seiner Lernstörung umzugehen. Wird ein betroffenes Kind mit neuen Herausforderungen konfrontiert, braucht es einfach länger um damit klarzukommen. „Auch das kann man durch Üben nicht völlig zum Verschwinden bringen, sondern nur kompensieren“, sagt der Psychologe. 

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Hilfestellungen in der Schule 

Hilfreich ist eine Absprache der Pädagogen mit den Eltern, in welcher Form geübt und unterstützt wird, welche Methoden zu Hause vielleicht schon gut geholfen haben. Dr. Schöfl: „Beide Seiten, Schule und Elternhaus, können voneinander lernen. Manchmal sind Experimente sinnvoll und erfolgreich, wie etwa das Ersetzen von Teilen der Hausübung durch spezifische Übungen für einen umschriebenen Zeitraum oder eine alternative Beurteilung. Für derartige Lösungsansätze braucht es Vertrauen von beiden Seiten zum Wohle des Kindes.“ 

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Zusätzliche Informationen und Ansprechpartner 

Barmherzige Brüder Linz: www.barmherzige-brueder.at/unit/issn/home

Schulpsychologie www.schulpsychologie.at

BALDT - Berufsverband Akademischer LRS- und DyskalkulietherapeutInnen: http://lrs-therapeuten.org

Eltern und Lehrer können sich an ein Zentrum für Inklusion und Sonderpädagogik (ZIS) wenden, wo sie weiterführende Beratung und Information erhalten können: https://www.lsr-ooe.gv.at/schulen-und-unterricht/allgemein-bildende-pflichtschulen/zentren-fuer-inklusiv-und-sonderpaedagogik/

 


Dr. Thomas Hartl

September 2017


Bild: shutterstock


‌ Zuletzt aktualisiert am 11. September 2017