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Sarkopenie: Wenn Muskeln „alt“ werden

Sarkopenie: Wenn Muskeln „alt“ werden „Fleischmangel“ – die Übersetzung des Begriffes Sarkopenie klingt mitunter eigenartig. SIe verweist jedoch auf die Abnahme der Muskelmasse im Alter. Die Folgen sind vielfältig und schränken die Lebensqualität der Betroffenen ein. Warum der altersbedingte Muskelverlust ein zunehmend gesundheitspolitisches Problem ist, erklärt Dr. Regina Roller-Wirnsberger von der Medizinischen Universität Graz.

„Sarkopenie“ leitet sich aus dem griechischen „sarx“ = Fleisch und „penia“ = Mangel ab und bezeichnet die altersbedingte Abnahme der Muskelmasse. „Sarkopenie ist ein fortschreitender Verlust an Muskelmasse sowie an Muskelkraft Die Erkrankung kann in jeder Altersstufe auftreten. Je älter man ist, umso wahrscheinlicher kommt eine Sarkopenie allerdings vor, weil Entzündungsprozesse stärker stattfinden. So steigen entzündungsassoziierte Eiweiße an, sogenannte Zytokine, die den Abbau der Muskelmasse fördern“, bestätigt Universitätsprofessorin Dr. Regina Roller-Wirnsberger von der Universitätsklinik für Innere Medizin der Medizinischen Universität Graz. Die Zahlen veranschaulichen den Prozess: Ab dem 40. Lebensjahr verliert der Mensch durchschnittlich ein bis zwei Prozent an Muskelmasse pro Jahr. Bis zum 80. Lebensjahr verringert sich die Muskelmasse um bis zu 40 Prozent. Sieht man genauer hin, so zeigt sich, dass bei Betroffenen die Muskelfasern zugunsten von Fett und Bindegewebe weichen. Die Folge sind schwächere Muskeln, die auch noch rascher ermüden. Ab wann man genau von einer Sarkopenie spricht, ist nicht eindeutig: „Es sind keine sogenannten Cutoffs, also keine Grenzwerte, festgelegt. Ist nur die Muskelmasse verringert, spricht man von einer Prä-Sarkopenie“, so Roller-Wirnsberger. Bei einer Sarkopenie hingegen besteht sowohl eine Verringerung der Muskelmasse als auch der Muskelkraft oder der körperlichen Leistungsfähigkeit.

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Sarkopenie hat vielfältige Ursachen

Ursache für die Erkrankung ist ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren: So kommt es mit zunehmendem Alter zum vermehrten Abbau von Protein im Muskel. Auch die Abnahme von Hormonen wie Testosteron oder Östrogen begünstigen eine Sarkopenie. Darüber hinaus scheint eine genetische Veranlagung eine Rolle zu spielen. Und nicht zuletzt soll die Erkrankung auch im Zusammenhang mit einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel stehen. Das „Sonnenhormon“ wird zum Großteil durch UV-Bestrahlung der Haut im Körper gebildet. Eine ausreichende Versorgung wirkt dem Muskelabbau entgegen. Darüber hinaus können eine verringerte körperliche Aktivität sowie eine geringe Zufuhr von Proteinen über die Ernährung die Ausprägung der Erkrankung verstärken.

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Erhöhtes Risiko für Stürze und Infekte

Die Folgen sind jedoch meist gleich: „Es steigt beispielsweise die Gefahr von Knochenbrüchen, weil die Abnahme der Muskelkraft oft mit einem erhöhten Risiko für Stürze einhergeht und Menschen mit Sarkopenie meist zusätzlich an einer Osteoporose leiden. Auch ist die Anfälligkeit für Infekte erhöht und Betroffene sind generell labiler“, so die Fachärztin für Innere Medizin.

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„Massive Einschränkung für Betroffene“

Was die Erkrankung für Betroffene bedeutet, erklärt Roller-Wirnsberger folgendermaßen: „Sarkopenie stellt, in Abhängigkeit vom Stadium der Erkrankung, eine Einschränkung für die Patienten dar, weil sie den normalen Aktivitäten des täglichen Lebens oft nicht mehr nachkommen können. Ist beispielsweise die Armmuskulatur schwach, können sich einige Patienten nicht mehr kämmen. Bei einer schwachen Oberschenkelmuskulatur fällt das Aufstehen aus dem Bett schwer oder ist gar unmöglich. Das alles wirkt sich negativ auf die Lebensqualität aus.“ Letztlich verlieren die Betroffenen ihre Unabhängigkeit. Da die Bevölkerung immer älter wird, stellt die Veränderung auch ein gesundheitspolitisches Problem dar. „Sarkopenie hat starke Auswirkungen auf die Gesundheits- und Sozialpolitik. Sarkopene Menschen treten oft wegen Frakturen oder akuten Entzündungen ins Gesundheitssystem ein. Bei bereits vorbestehender Sarkopenie bei der Aufnahme ist ihre Liegedauer mitunter doppelt so lange wie bei anderen Patienten und die Betroffenen sind schwerer zu remobilisieren. Dadurch steigt bei Menschen mit Sarkopenie die Wahrscheinlichkeit für eine sekundäre Pflegeabhängigkeit“, sagt die Ärztin.

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Wichtig: Proteinreiche Ernährung und Krafttraining

Ebenso wie die Erkrankung verschiedene Ursachen hat, basiert auch die Therapie auf unterschiedlichen Strategien: Eine davon ist eine proteinreiche Ernährung. „Betroffene müssen selbst etwas für sich tun und auf die Ernährung achten. Denn je weniger ich esse, umso mehr Muskelmasse baue ich ab. Wichtig ist daher, genügend Eiweiß zu sich zu nehmen“, so Roller-Wirnsberger. Ein Beispiel: Während bei jungen Menschen die Tagesdosis bei 0,7 bis 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht liegt, haben ältere Menschen einen Bedarf von 1 bis 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Ein 80-Jähriger mit 80 Kilogramm braucht 80 Gramm Eiweiß täglich in Einzeldosen verteilt. Ausreichend Proteine liefern beispielsweise Rindfleisch, Hühnerbrustfilet, roher Lachs oder Hühnereier. Auch Walnüsse, ungeschälter Reis oder Kuhmilch mit hohem Fettanteil sind Eiweißlieferanten. Darüber hinaus spielen Vitamine und Mineralstoffe eine wichtige Rolle, vor allem Kalzium und Vitamin D3. „Letztgenanntes hat eine zentrale Rolle beim Muskelaufbau“, sagt die Ärztin. Da die Vitamin-D-Synthese über die Haut mit zunehmendem Alter eingeschränkt funktioniert, ist die Zufuhr von Vitamin D notwendig, um einen Mangel zu verhindern.

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Muskeln brauchen Reize

Ein weiterer Eckpfeiler der Therapie ist regelmäßiges Ausdauer- und Krafttraining. Wichtig ist, dass die Übungen individuell auf den Patienten abgestimmt sind und von geschultem Personal durchgeführt werden. „Bewegung spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung. Unsere Muskeln brauchen Reize, damit sich im Gewebe etwas tut“, fügt Roller-Wirnsberger hinzu. So stehen die Knochen- und Muskelgesundheit in einem engen Zusammenhang: Bei jeder Bewegung der Muskeln wird das Wachstum der Knochen angeregt. Nimmt die Muskelmasse ab, leidet auch die Knochensubstanz. „Das erklärt auch das übereinstimmende Auftreten von Osteoporose und Sarkopenie“, so die Ärztin.

MMag. Birgit Koxeder
April 2012


Foto: Bilderbox

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015