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Tablettenabhängigkeit: (Sehn)sucht nach kleinen Pillen

Tablettenabhängigkeit_Frau mit bunten Tabletten Es hat ganz schleichend angefangen. Sabine erhielt von ihrem Hausarzt ein paar Tabletten verschrieben. Sie halfen. Sabine fühlte sich wohler und ihr ging es wieder gut. Doch als die Tabletten aus waren, hatte sie Angst, dass die Symptome wieder kommen könnten. Sabine erhielt eine neue Packung. Irgendwann konnte sie nicht mehr mit der Einnahme aufhören. Jetzt ist Sabine in Behandlung – sie ist medikamentenabhängig.

 

Doch nicht nur wie bei Sabine, bei vielen Betroffenen beginnt die Medikamentensucht schleichend. Häufig werden bei allgemeiner Unbehaglichkeit wie beispielsweise bei Schlafstörungen oder Nervosität sowie Unruhezuständen vom Arzt Medikamente verschrieben. Der gewünschte Effekt stellt sich häufig schnell ein. Doch anstatt mit der Einnahme aufzuhören, können einige Patienten nicht mehr davon ablassen. Medikamentenabhängig ist, wer regelmäßig Arzneimittel mit psychischer Wirkung einnimmt, ohne dass dies medizinisch begründet ist, und derjenige dadurch körperliche, seelische oder soziale Schäden erleiden kann.

 

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Abhängig machen Schmerzmittel & Co

Die Abhängigkeit von Medikamenten ist eine Sucht, über die kaum gesprochen wird. Abhängig machen vor allem Benzodiazepinen. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Arzneimittelwirkstoffen, die als Schlaf-, Entspannungs- oder Beruhigungsmittel eingesetzt werden. Die Medikamentenabhängigkeit wird lange im Verborgenen gehalten, weshalb sie häufig auch als „stille Sucht“ bezeichnet wird. Das Umfeld der Betroffenen bekommt häufig lange nichts von der Abhängigkeit mit. Schätzungen zufolge sind in Österreich rund 100.000 Menschen betroffen. Es wird davon ausgegangen, dass die Dunkelziffer noch viel größer ist.

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Drei Haupteinstiege in die Sucht

Grundsätzlich lassen sich drei Haupteinstiege in die Abhängigkeit unterscheiden, erklärt Dr. Felix Fischer, Primar der Ambulanz Therapiezentrum Traun für Alkoholkranke und Medikamentenabhängige: „Man hat seelische Beschwerden und geht absichtlich zum Arzt, der verschreibt dann Beruhigungsmittel, die einen Suchtmechanismus auslösen. Um das Medikament wieder zu bekommen, geht man dann zum nächsten Arzt.“ Als zweiter Einstieg spielen oft Bekannte oder Verwandte eine Rolle, die ein spezielles Medikamente weiterempfehlen, weil es ihnen selbst geholfen hat. „Die dritte Einstiegsmöglichkeit betrifft vor allem Alkoholkranke. Sie bekommen bestimmte Medikamente gegen die Entzugserscheinungen verschrieben, die abhängig machen können.“

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Mehr Frauen als Männer abhängig

„Der Spruch ‚Mother’s little helper’ trifft leider nach wie vor zu, denn Medikamentenabhängigkeit ist eindeutig weiblich dominiert“, erklärt Fischer. Die Gründe dafür sind vielfältig: „Zum einen gibt es Hinweise, dass Frauen mehr Schwierigkeiten haben, nach Alkohol zu riechen; Tabletten riecht man eben nicht. Zum anderen gehen Frauen häufiger wegen Empfindungsstörungen zum Arzt, während Männer in diesen Fällen vermehrt zu Alkohol greifen.“

Um an die entsprechenden Medikamente zu kommen, sind die Abhängigen zuweilen recht kreativ. So werden häufig Krankheiten oder Schmerzen bewusst simuliert, um die gewünschten Tabletten zu erhalten. Ärzte haben häufig keinen Überblick, denn „der Patient lernt, was er sagen muss, um an die Medikamente zu kommen“, so Fischer.

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Schwer diagnostizierbare Sucht

Der Schritt zum Eingestehen der Sucht ist schwierig und es dauert meist lange, bis Betroffene so weit sind. Jahrelang wird die Sucht geleugnet, verharmlost und heruntergespielt. Aber auch die Ärzte selbst stehen vor einer großen Herausforderung, denn die Tablettenabhängigkeit lässt sich nur schwer diagnostizieren. „Patienten werden nicht so aggressiv wie durch Alkohol, weshalb die Sucht länger unentdeckt bleibt“, erklärt der Primar.

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Folgen der Sucht

Wer jahrelang Medikamente missbräuchlich einnimmt, muss mit schweren Folgen rechnen: „Das Gehirn wird rascher geschädigt als durch Alkohol. Die Interesselosigkeit von Abhängigen führt zu sozialer Isolation und generell werden alle gefährlichen Tätigkeiten noch gefährlicher“, erklärt Fischer. Denn der übermäßige Gebrauch von Beruhigungstabletten senkt die Aufmerksamkeit und Konzentration und kann sogar zu kurzfristigem Gedächtnisverlust und Persönlichkeitsveränderungen führen.

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Mehrere Wochen körperlicher Entzug

Bei der Behandlung steht zunächst im Vordergrund, den Körper zu entgiften. Dieser Entzug dauert bei einer Medikamentenabhängigkeit länger als beispielsweise bei Alkoholabhängigkeit. Mehrere Wochen müssen Betroffene rechnen, bis der Körper wieder „clean“ ist. Anschließend folgt die psychotherapeutische Behandlung. Die Therapie muss natürlich auf die jeweilige Person abgestimmt werden und sollte stationär erfolgen.

Auf die Frage, was Angehörige unternehmen können, antwortet der Mediziner: „Man muss aufrichtigerweise sagen, dass sie vergleichweise hilflos sind. Es ist für den Partner und die Familie sehr schwer auszuhalten, und auch der Erfolg ist nicht groß.“

Nähere Informationen erhalten Betroffene sowie deren Angehörige im Internet auf der Seite des Therapiezentrums Trauns unter www.wagner-jauregg.at/38015.php sowie direkt unter der Telefonnummer 050 554/62 29570.

 

Mag. Birgit Koxeder
August 2008

Foto: Bilderbox

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015