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Stottern: Kein Grund zur Sorge

 Sttttottern_Kein Grund zur Sorge Etwa fünf Prozent der Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren stottern einmal. Mit einer logopädischen Therapie kriegen sie die Probleme nachhaltig in den Griff. Eltern können ihre Kinder dabei gut unterstützen.

Die Ursachen des Stotterns sind unbekannt. „Man nimmt an, dass die genetische Komponente eine Rolle spielt. Das heißt: Die Veranlagung ist angeboren, ob‘s dann aber tatsächlich dazu kommt, hängt von vielen Faktoren ab“, sagt die Klagenfurter Logopädin Mag. Annemarie Steinberger, die sich auf Stottern bei Kindern spezialisiert hat. Buben sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen. „Es wird vermutet, dass der Fehler durch das zweite X-Chromosom kompensiert wird.“ Die Redeflussstörung konnte auch neurologisch nachgewiesen werden. Mit Magnetresonanz zeigte sich bei erwachsenen Stotternden ein anderes Bild vom Gehirn als bei Menschen ohne Redeflussstörung. Auf diese Weise konnte man auch die Wirkung der Therapie nachweisen. Nach erfolgreicher Behandlung näherten sich die beiden Bilder an.

Die Logopädin unterscheidet zwischen „altersspezifischen Unflüssigkeiten“ und Stottern. Ersteres hört sich anders an. Das Kind wiederholt ganze Wörter, macht Pausen oder korrigiert sich häufig. Steinberger: „Es überlegt im Reden, was es eigentlich sagen möchte.“ Beim Stottern hingegen weiß das Kind genau, was es mitteilen möchte, bringt es aber nicht heraus. Per definitionem spricht man dann von Stottern, wenn drei Prozent aller gesprochenen Silben sogenannte Kernsymptome aufweisen. Das sind Wiederholungen von Lauten und Silben, Dehnungen von Lauten oder Blockierungen vor oder in einem Wort.

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Wellenförmiger Verlauf

„Die Eltern haben ein gutes Gespür für den Unterschied“, meint Steinberger. Das hätten einerseits Studien gezeigt, andererseits sei in ihre Praxis noch nie jemand mit einem Kind gekommen, das lediglich altersspezifische Unflüssigkeiten gehabt habe. „Wenn Eltern besorgt sind, dann ist es in 99 Prozent der Fälle tatsächlich Stottern“, sagt Annemarie Steinberger.

Typisch für das Stottern ist der wellenförmige Verlauf. Kinder leiden unter der Redeflussstörung nicht immer und nicht immer gleich stark. Das kann im Laufe des Tages, der Woche, des Jahres variieren. Stress verstärkt die Symptome – auch positiver Stress wie die Aufregung am Geburtstag oder zu Weihnachten. Nicht immer muss das Kind gleich in die Therapie. Bei leichtem, unangestrengtem Stottern reiche oft eine Beratung der Eltern, wie sie mit der Sprechstörung umgehen und bei welchen Veränderungen sie mit dem Kind wieder vorsprechen sollten, sagt Steinberger.

Bei 80 Prozent der Kinder verschwinden die Symptome ohnehin von allein. Auch hier sind Mädchen wieder begünstigt. „Es gibt aber keine Möglichkeit festzustellen, ob das Kind zu den 80 oder den 20 Prozent gehört“, meint die Logopädin. Daher empfiehlt es sich, bei deutlichen Symptomen auf jeden Fall mit einer Therapie zu beginnen. Bei jenen Mädchen und Buben, die ihre Redeflussstörung ohne jede Behandlung wieder losgeworden wären, verschwindet sie dadurch schneller. Mag. Steinberger: „Und die anderen 20 Prozent profitieren von einem frühen Beginn ungemein. Denn Stottern ist nicht heilbar, es kann im Laufe des Lebens immer wieder auftauchen. Aber man kann es in den Griff bekommen und die Therapie bietet Mittel und Wege, damit umzugehen.“

Dabei gibt es in der Logopädie zwei Möglichkeiten: mit den Blockierungen oder mit den flüssigen Sprachanteilen zu arbeiten. Bei Ersterer werden die Blockierungen in Dehnungen umgewandelt. Auf diese Methode hat sich Steinberger spezialisiert. Ziel ist in diesem Fall ein „lockeres Stottern“. So soll beispielsweise ein „Ich kkkkkann“ zu einem „Ich kaakaakaakann“ werden. „Die Anstrengung wird abgebaut, der Sprechfluss bleibt erhalten. So kann das Kind lernen, Blockierungen und Anspannungen zu lösen“, erklärt die Logopädin.

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Nicht ignorieren

Beim Lidcombe-Programm hingegen konzentriert man sich auf die flüssigen Anteile, lobt diese und fordert die Patienten bei den Stotterereignissen zur Korrektur auf. Beide Varianten können die Eltern mit ihren Kindern daheim weitertrainieren. In jedem Fall sollte man das Kind ausreden lassen, ihm aufmerksam zuhören, den Blickkontakt halten und ihm Zeit geben, seine Geschichte zu erzählen.

Für welche Methode man sich entscheide, sei reine Geschmackssache. Studien haben ergeben, dass die Erfolgsrate bei beiden Therapieansätzen gleich hoch ist. Ganz falsch hingegen ist es, das Stottern zu ignorieren. Mag. Annemarie Steinberger: „Das war früher ein weitverbreiteter Glaube und wurde mittlerweile mehrfach widerlegt. Wenn das Kind zu stottern beginnt, verspannen sich die Eltern automatisch, oder sie schauen bewusst weg. Sie reagieren anders als bei Geschwistern oder Freunden. Das Kind spürt, dass da etwas nicht stimmt. Das verschlechtert die Situation.“

Bei kleineren Kindern empfiehlt sich eine Einzeltherapie, bei größeren hingegen sollte man sich für eine Gruppentherapie entscheiden. „Es hat sich herausgestellt, dass ab einem Alter von neun bis zehn Jahren die Behandlung in der Gruppe weitaus effektiver ist“, sagt Steinberger. Auch Intensivtherapien in den Ferien hätten sich als sehr erfolgreich erwiesen. Wozu man sich für sein Kind auch entscheidet, schaden wird eine Behandlung nicht. Annemarie Steinberger: „Eines steht fest: Eine Therapie kann das Stottern nie verstärken.“

Monika Unegg
März 2013


Foto: © Lucie Kärcher / pixelio.de, privat

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Kommentar

 Kommentarbild_Stottern_Kein Grund zur Sorge_Mag. Steinberger „80 Prozent der stotternden Kinder verlieren ihre Redeflussstörung von allein. Eine Therapie beschleunigt diesen Prozess. Auf keinen Fall sollte man das Stottern ignorieren.“
Mag. Annemarie Steinberger
Logopädin in Klagenfurt

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015