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Ritterrüstung

Gute Nerven – Schlechte Nerven

„Starke“ Nerven sind Folge unserer Lebenserfahrungen, „schwache“ ebenso. Das Nervenkostüm ändert sich ein Leben lang. Es lässt sich aktiv beeinflussen und stärken. 

Unter Nerven im biologischen Sinn kann man sich ein Bündel von Zellfortsätzen vorstellen, die sich ausgehend von Zellkörpern (im Gehirn und Rückenmark) wie lange Fäden durch den ganzen Körper spinnen. Die Fäden sind dabei gebündelt und laufen in einer Hülle wie Stromkabeln durch den Körper. 

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Genetisch angelegte Automatismen 

Das Nervensystem (also alle Zellen im Gehirn und Rückenmark mit ihren Fortsätzen) ist das Informationsverarbeitungssystem des Körpers. Über die fünf Sinne werden ständig unzählige Informationen gesammelt (was sehe und höre ich, was spürt mein Körper), koordiniert, mit früheren Erfahrungen verglichen und danach wird entschieden, wie darauf reagiert werden soll. Ein Befehl wird über die Nervenfortsätze an die Körperorgane weitergegeben, die entsprechend reagieren (etwa Muskelarbeit, Magensäureproduktion, Blutdrucksenkung). Die meisten dieser Vorgänge laufen automatisch ab, ohne dass es eines Willensaktes bedarf. So regelt das Nervensystem zum Beispiel Körpertemperatur, Atmung, Herzschlag und Verdauung, ohne dass wir es überhaupt mitbekommen. 

Auch für unser Verhalten gibt es genetisch angelegte Reaktionsmuster für bestimmte Situationen, zum Beispiel für Spiel, Lernen, Nahrungsbeschaffung, Säuglingspflege, Erforschung der Umwelt, Alarmbereitschaft, Kampf, Flucht oder ängstliche Unterwerfung bei Bedrohung. Diese Muster werden durch spätere Erfahrungen und den Willen moduliert. 

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Erfahrungen entscheidend für die Bewertung der Information 

Wo fällt nun die Entscheidung, welches Reaktionsmuster aktiviert wird?

Die erste Instanz ist ein Automatismus im Gehirn, der anhand von früheren Erfahrungen bewertet, ob eine Information Gefahr bedeutet oder nicht. Läuft etwa ein großer, schwarzer, bedrohlich aussehender Hund auf uns zu, dann wird der Körper bei vielen Menschen innerhalb von Sekundenbruchteilen Stresshormone ausschütten und sich blitzartig auf Kampf oder Flucht einstellen. Das Herz wird schneller schlagen, der Blutdruck steigen, die Muskeln sich anspannen. Gleichzeitig werden Vorgänge, die in einer akut lebensbedrohlichen Situation eher nebensächlich sind (wie Verdauung oder Nachdenken über Berufswünsche), automatisch unterdrückt. Diese „Stressantwort“ soll uns vor Gefahr schützen und läuft vollkommen automatisch ab, ohne dass wir sie willentlich beeinflussen können. 

Während nun die einen den großen, schwarzen Hund als Gefahr für Leib und Leben sehen, möchten ihn andere streicheln. Ob jemand in so einer Situation „starke Nerven“ hat, ist die Folge seiner Erfahrungen, die er im Leben bisher gemacht hat. Denn dieses „Gefahren-Beurteilungs- Zentrum“ im Nervensystem ist selbstlernend, es lernt vom Zeitpunkt der Empfängnis im Mutterbauch an, ob etwas als bedrohlich oder als sicher einzuschätzen ist. „Das kann man sich wie einen modernen Computer vorstellen, der die Stimme seines Besitzers mit der Zeit immer besser kennen lernt. Die Stimmen, die einen Menschen und sein Nervensystem prägen, sind zu Beginn die Gefühle der Mutter. Nach der Geburt sind es sämtliche Erfahrungen, die das Baby, das Kind, der Jugendliche und der Erwachsene macht. Diese Prägung hört nie auf, wenngleich frühere und häufig vorkommende Situationen den Menschen mehr beeinflussen als später im Leben auftretende“, sagt Dr. Barbara Ruttinger, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin am Kepler Universitätsklinikum Neuromed Campus. 

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Schwache Nerven durch negative Erlebnisse 

Was konkret eine Stress- oder Entspannungsreaktion beim einzelnen Menschen auslöst, hängt also von seinen bisherigen Erfahrungen ab. „Wurde ich als Kind von einem Mann in einem roten Hemd häufig geschlagen, dann kann es sein, dass mein Nervensystem auch Jahre später noch auf Männer in roten Hemden automatisch mit Flucht- oder Kampfmodus reagiert“, sagt die Psychiaterin.

Dieser Mechanismus funktioniert ebenso bei positiven Erfahrungen: Wenn in der Ursprungsfamilie zum Beispiel gemeinsam Volksmusik gemacht wurde und dies in einer Atmosphäre der Herzlichkeit und Geborgenheit geschah, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass man später dasselbe Gefühl von Geborgenheit und Heimat erlebt, wenn man diese Musik wieder hört, unabhängig von der aktuellen äußeren Situation.  

Erfährt ein Mensch im Laufe seines Lebens sehr viele negative Erfahrungen und wenig positive (positiv heißt Wertschätzung, Geborgenheit, ernst genommen werden, die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können, Erfolgserlebnisse, Zugehörigkeit, Sinn; negativ ist alles, wodurch diese Grundbedürfnisse verletzt werden), so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er „schwache“ Nerven entwickelt. Die einzelnen Auslöser müssen dabei weder dramatisch noch offensichtlich traumatisierend sein, um sich im Nervensystem einzunisten. Ruttinger: „Oft sind es beständige, kleine Dinge, wie etwa, wenn in einer Familie ständig eine ängstlich-angespannte Stimmung herrscht. Schon ein Säugling erkennt die Stimmung und kann dadurch selbst in Alarmbereitschaft oder ständige Anspannung kommen. Das Gehirn speichert sämtliche Informationen und Gefühle und legt diese im Unterbewusstsein ab.“ 

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Dünnhäutig, angespannt, ängstlich – oder gelassen, überlegt und selbstbewusst 

Das Nervensystem hat die Tendenz, viele Situationen als bedrohlicher einzustufen, als sie in Wirklichkeit sind. Betroffene sind in der Regel dünnhäutig, häufig angespannt und entweder ängstlich („Flucht“-Modus) oder aggressiv („Kampf“-Modus). Sie befinden sich in ständiger Alarmbereitschaft, ihr Muskeltonus ist permanent erhöht, woraus langfristig Schmerzen resultieren können.

Hinweise auf schlechte Nerven sind insbesondere eine Reizüberempfindlichkeit, wenn einem schnell etwas „zu viel“ wird, zudem Lärmüberempfindlichkeit und Schmerzempfindlichkeit. 

Demgegenüber ist ein Mensch mit „starken Nerven“ in den meisten Situationen davon überzeugt, dass er sie bewältigen kann, das Nervensystem bleibt zum Großteil im entspannten Modus und man kann ungestört arbeiten, spielen, neugierig sein usw. Zwischenmenschliche Beziehungen sind eine Quelle von Freude und Erfüllung, weil man nicht jede negative Stimmung des Gegenübers auf sich bezieht. Ein Mensch mit „starken“ Nerven hat es auch nicht nötig, andere herabzusetzen, um sich stärker zu fühlen, sondern kann jeden anderen wertschätzen. Die Leistungsfähigkeit ist oft sogar höher als bei Menschen, die ständig im Stress sind, man hat ein besseres Gefühl dafür, was einem gut tut und auch den Mut, sich gegen Überforderung von außen zu wehren. Im Notfall reagiert das Nervensystem aber trotzdem genauso schnell und effizient. 

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Maßnahmen zur Nervenstärkung 

Die gute Nachricht: Jeder kann etwas tun, um seine Nerven zu beruhigen und zu stärken, das heißt, dem Nervensystem systematisch beibringen, dass die Situation gar nicht so bedrohlich ist, wie sie vielleicht erscheint und dass man selbst mehr kann und darf, als man vielleicht in der Kindheit gelernt hat. Die Stärkung oder Schwächung des Nervensystems ist ein Prozess, der ein Leben lang anhält. 

Sich entspannen: Wichtig ist es, sich aktiv zu entspannen. Was einen entspannt, muss jeder für sich herausfinden, da gibt es keine allgemeingültigen Aussagen. Die einen benötigen Ruhe und Stille, um zu sich zu kommen, andere brauchen deutliche Hintergrundgeräusche wie einen laufenden Fernseher, um sich zu entspannen. Manche relaxen beim Handarbeiten, andere bei der Gartenarbeit, manche beim Yoga, andere beim Streicheln einer Katze. 

Körperliche Aktivität: Regelmäßige körperliche Bewegung wirkt positiv auf Körper und Nervensystem, jedoch nur, wenn einem die Ausübung nicht unter Druck setzt und stresst. Es ist also entscheidend, dass man eine Bewegungs- oder Sportart für sich findet, die einem wirklich guttut, bei der man sich auch tatsächlich entspannt. „Ist das der Fall, dann wirkt regelmäßige Ausdauerbewegung so entspannend auf die Nerven wie Antidepressiva“, sagt Ruttinger. 

Ernährung: Eine vollwertige, ausgewogene und möglichst naturbelassene Ernährung stärkt die Nerven, dafür ist der menschliche Körper geschaffen. Das Gegenteil geschieht durch Fastfood & Co (stark verarbeitete Produkte mit viel Zucker, Weißmehl, gehärteten Fetten, chemischen „Verbesserern“) und auch durch ein Übermaß an Alkohol, Nikotin und anderen „Genussmitteln“. 

Natürliche Mittel wie Baldrian und Melisse wirken nachweislich bei schwachen Nerven. „Ob auch Homöopathie und Schüsslersalze helfen oder ob es deren Placebo-Wirkung ist, die einem hilft, kann ich nicht beurteilen. Der Glaube daran, dass einem etwas hilft, ist bei jeder medizinischen Behandlung entscheidend. Placebo ist auch in der Schulmedizin enorm wichtig, ihre Auswirkung darf nicht unterschätzt werden“, sagt die Ärztin. 

Gefühlte Lebenssituation: Das gesamte soziale Umfeld spielt eine große Rolle, ob jemand gute oder schlechte Nerven hat. Fühlt man sich wohl und sicher in einer Beziehung? Im Job? Ist die Wohnsituation zufriedenstellend? Ist die Gesundheit in Ordnung? All das wirkt ständig auf die persönliche nervliche Konstitution. Dabei spielt nicht die objektive Einschätzung der Situation eine Rolle, sondern wie man seine Situation rein subjektiv empfindet. 

Die Einstellung zu sich selbst: Es ist von entscheidender Bedeutung, wie wir uns selbst sehen und behandeln. Menschen mit „schwachen Nerven“ haben häufig sehr hohe Ansprüche an sich selbst, wollen alles perfekt machen und keinesfalls jemanden enttäuschen. Dabei sind sie oft selbst ihre härtesten Kritiker und trauen sich viel weniger zu als sie eigentlich können. Hier ist es eine große Hilfe, wenn man lernt, sich selbst zu ermutigen, zu loben, nicht zu viel von sich zu verlangen, einfach „gut und freundlich zu sich selbst zu sein“. Man sollte sich auch nicht scheuen, bei Bedarf therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

 

Dr. Thomas Hartl

Februar 2018


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 07. Februar 2018