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Kleines Kind und Mond

Nächtliche Wanderschaft

Auch wenn das Schlafwandeln etwas gespenstisch anmutet – es gehört zu den harmlosen Aufwachstörungen. Die nachtaktiven Kinder können sich am Morgen an nichts erinnern. 

Schlafwandelndes Kind aus dem Fenster gestürzt“ – solche Horrormeldungen sind äußerst selten, bleiben aber im Gedächtnis. „Wenn Eltern wissen, dass ihr Kind ab und zu schlafwandelt, müssen besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, damit es zu keinen Verletzungen und Unfällen kommt. Das schlafwandelnde Kind nicht aufwecken, sondern es sanft zurück ins Bett geleiten“, rät Oberärztin Dr. Regina Pflügl von der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern. Schlafwandler wehren sich, wenn man sie unsanft aufhalten will.

Etwa fünf bis 20 Prozent der Kinder unter zwölf Jahren begeben sich nächtens einmal auf Wanderschaft, bei einem geringen Teil davon kommt das häufiger vor. In den meisten Fällen verliert sich diese Neigung bis zur Pubertät. Nur bei etwa einem Prozent der Erwachsenen kommt das Schlafwandeln vor. Dabei können Medikamente, Alkohol oder Drogen eine Rolle spielen.

Die Ursache des Schlafwandelns (Somnambulismus) ist nicht bekannt. Man vermutet, dass es mit der Entwicklung des Gehirns zusammenhängt. Eine genetische Disposition gilt als gesichert. „Sind beide Elternteile schlafgewandelt, hat das Kind eine 60-prozentige Chance auf solch eine Nachtaktivität. Bei eineiigen Zwillingen findet man die Aufwachstörung sechsmal häufiger als bei zweieiigen“, erklärt Kinderärztin Regina Pflügl. Unregelmäßige Schlafenszeiten, Schlafmangel, Stress, eine Erkrankung mit Fieber, nächtlicher Lärm sowie die obstruktive Schlafapnoe gelten als begünstigende Faktoren. 

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Fenster und Türen sichern 

Das Schlafwandeln passiert im ersten Drittel der Nacht aus dem Tiefschlaf heraus. Wer nachtaktive Kinder hat, sollte Fenster, Wohnungs- und Balkontüren sowie Treppen sichern. Diese Vorkehrungen sollten auch bei Auswärtsübernachtungen getroffen werden. Hilfreich kann es sein, an der Kinderzimmertür ein Glöckchen zu befestigen, das die Eltern weckt, wenn das Kind „auswandert“.

Schlafwandeln ist meist selbstlimitierend. „Wenn das Kind unter ausgeprägter Tagesmüdigkeit leidet, das Ereignis fast jede Nacht auftritt oder das Kind aggressiv um sich schlägt und Selbstverletzung droht, sollte ein Arzt konsultiert werden“, rät Dr. Regina Pflügl.

Schlafwandeln gehört wie der Nachtschreck zu den sogenannten kindlichen Parasomnien. Nachtschreck (Pavor nocturnus) und nächtliches Herumwandern können alleine oder kombiniert auftreten. „Es war schrecklich, mein Vierjähriger schlug wie wild um sich. Als ich ihn trösten wollte, wurde es noch schlimmer“, beschrieb eine Mutter den Pavor nocturnus des Sohnes. Nach einigen Minuten beruhigte sich das Kind und schlief ruhig weiter. So ein Angsterschrecken ist bei Kleinkindern bis zum Schulalter nichts Ungewöhnliches.

Grund ist ein unvollständiges Aufwachen, das zu einem Verwirrtheitszustand führt. Das Kind hat die Augen meist weit offen, ist aber nicht ansprechbar. Es daher nur beobachten und vor Verletzung schützen. In der Regel verschwinden Nachtschreck-Attacken von selbst wieder, wenn die Reifung des Gehirns voranschreitet und das Kind nicht mehr zwischen Tiefschlaf und Wachsein „hängen bleiben“ kann.

Tritt das dramatisch anmutende Ereignis immer wieder auf, sollte es abgeklärt werden, denn eventuell kann eine schlafgebundene Epilepsie vorliegen. Pavor nocturnus hat mit Alpträumen nichts zu tun, denn diese erlebt das Kind als bedrohlich und kann sich an das Geträumte auch erinnern.

 

Mag. Christine Radmayr

September 2018


Bild: shutterstock; privat


 

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Kommentar

Nächtliche Wanderschaft Kommentarbild OÄ Dr. Regina Pflügl „Schlafwandelnde Kinder nicht aufwecken, sondern sie sanft zum Bett zurückführen.“

OÄ Dr. Regina Pflügl

Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern

Zuletzt aktualisiert am 14. September 2018